"Ich wusste sofort, dass ich da dabei sein muss"

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Am 3. Mai findet die zweite Auflage des "Wings for Life World Run" statt. Weit über 35.000 Läufer werden zeitgleich auf den 35, über alle Welt verteilten, Locations an den Start gehen. Das österreichische Event in St. Pölten, mit 7.000 Startern, ist seit langem ausverkauft.

Alle Einnahmen fließen dabei in die "Wings for Life"-Stiftung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, eine Heilung für Rückenmarksverletzungen zu erforschen. Letztes Jahr kamen auf diesem Weg über drei Millionen Euro zusammen, heuer sollen es noch deutlich mehr werden.

Wir wollen aufzeigen, dass dabei nicht nur Sportprominenz wie Marc Webber, Daniel Ricciardo oder auch Extremläufer Christian Schiester für die gute Sache an den Start geht, sondern auch ganz normale Teilnehmer, mit zum Teil bewegenden Geschichten.

LAOLA1 hat mit zwei ausgewählten Teilnehmern über ihre Geschichte, ihre Motivation und den Wings for Life World Run gesprochen:

Reini Brinkmann, 52:

RB-Pilot Daniel Ricciardo wird heuer mit der Starnummer 1 laufen

„Ich bin wieder gesund, ich sollte nicht im Vordergrund stehen. Aber ich will zeigen, dass es bei allem im Leben eine Chance gibt, und das ist wichtig.“

Der Salzburger ist 21 Jahre alt, als bei ihm Leukämie diagnostiziert wird. Dass die Krankheit überhaupt erkannt wird, basiert auf einer Verknüpfung von Zufällen.

In Salzburg weiß man damals nicht so recht, wie man das Abszess auf seiner Nase deuten soll. Ein Job-Angebot führt ihn daraufhin nach Innsbruck, wo ihn eine Kollegin wegen eines neuerlichen Abszesses ins Krankenhaus bringt.

„Ich war neu dort, ich hätte nicht mal gewusst, wo in Innsbruck das Krankenhaus steht. Von dort bin ich dann aber gar nicht mehr herausgekommen“, erzählt der 52-Jährige.

Er hat das große Glück, dass er nicht nur einen engagierten jungen Arzt findet, sondern auch Brüder hat, die ihm eine Knochenmarktransplantation ermöglichen.

Christina Mayr, 18:

2015 wird in 35 verschiedenen Locations gelaufen (Hier zu sehen: Dubai 2014)

„Meine Mutter war früher viel an der frischen Luft unterwegs: Radfahren, Laufen, Bergsteigen. Sie hat mehrtätige Touren mit ihren Freunden unternommen und wirklich viel Zeit in ihren Sport gesteckt. Ich selbst war damals noch etwas zu klein, um wirklich mitzugehen, wir haben dann halt eher Familienausflüge gemacht.“

Als Christina acht Jahre alt ist, erleidet ihre Mutter infolge eines Autounfalls eine Querschnittslähmung. Da sich die Eltern schon Jahre zuvor getrennt haben, lebt sie ein Jahr bei ihrer Tante, während sich ihre Mutter durch die Reha quält.

„Natürlich war es eine große Umstellung für uns. Wir haben erst einmal geschaut, wie wir es schaffen, so viel wie möglich wieder selbstständig bewerkstelligen zu können. Wir wollten nicht von Betreuungen abhängig sein.“

„Auch man selbst muss erst einmal damit klar kommen, es fällt ja vieles weg. Früher sind wir oft Campen gefahren, haben Ausflüge gemacht oder sind spontan irgendwohin gefahren, das war danach nicht mehr möglich.“

„Man muss bedenken, dass meine Diagnose vor 30 Jahren eigentlich ein Todesurteil war. Ich war der Zweite oder Dritte, der in Innsbruck überhaupt eine Knochenmarkstransplantation erhalten hat."

"Mit der Hilfe von Doktor Niederwieser haben wir das damals durchgezogen – und ein Jahr später war ich wieder so fit, dass ich mich als Surflehrer zum Gardasee runter vertschüsst hab.“

Über einen Freund findet der Salzburger zum Laufsport, mit 30 Jahren bestreitet er seinen ersten Marathon in London. „Ich habe mir damals gedacht, wenn du eine Leukämie überstehst, dann schaffst du auch einen Marathon. Es war ein Bedürfnis, mir selbst zu beweisen, dass ich diese 42 Kilometer laufen kann.“

Seinem ersten Marathon folgen 18 weitere, darunter dreimal der New York City Marathon. „Man erlebt so viel dabei, alleine das Gefühl, gemeinsam mit anderen zu laufen. Als ich dann letztes Jahr den Wings for Life World Run im Fernsehen gesehen habe, wusste ich sofort, dass ich da heuer dabei sein muss. Alleine die Idee, einen Lauf auf der ganzen Welt gleichzeitig zu starten, finde ich genial.“

Beim Wings for Life World Run am 3. Mai wird der 52-Jährige auch für eine englische Freundin antreten: “Ein Verein, der zur Knochenmarkanalyse aufruft, hat in Deutschland ein Plakat mit mir gemacht. Daraufhin hat sich eine Engländerin bei mir gemeldet, mit der ich mich jetzt fast täglich austausche. Sie hat es noch nicht geschafft und wartet noch auf einen Spender. Ich habe ihr versprochen, dass ich ein paar Kilometer für Sie laufen werde.“

Wie weit er es tatsächlich schafft, steht für Brinkmann im Hintergrund: „Im Herbst möchte ich noch einen Marathon laufen, jetzt bin ich aufgrund meiner Pollenallergie nicht so zum Trainieren gekommen, wie ich wollte. Wenn ich nach zehn Kilometern eingeholt werden sollte, ist es mir auch egal, um das geht es doch gar nicht.“

„Ich habe gesehen, wie sich die Behandlungsmöglichkeiten von Leukämie in den letzten 30 Jahren verbessert haben. Inzwischen gibt es eine Erfolgsrate von 50 Prozent. Wenn es bei meiner Krankheit möglich war, sie zu heilen, wird es auch bei Rückenmarksverletzungen einmal möglich sein. Davon bin ich überzeugt.“

„Aber wir haben gelernt, mit der Situation umzugehen. Wir haben komplett neue Erfahrungen gemacht und ich persönlich habe sogar Kraft daraus geschöpft. In meiner Mutter sehe ich ein absolutes Vorbild, sie hat aus ihrer Situation immer das Beste gemacht. Es gibt so vieles, das man machen kann. Es gibt immer eine Lösung. “

„Die Beziehung zwischen uns beiden hat auf jeden Fall davon profitiert, wir sind uns so viel näher, das Familiengefüge ist ein ganz anderes. Man darf nicht nur schlechte Seiten sehen.“

Zum Laufsport kommt die 18-Jährige vor rund drei Jahren. Als Ausgleich zur Schule beginnt sie mit Spaziergängen, aus denen mit der Zeit Läufe werden.

„Ich hab mich daran erinnert, dass die Mama auch immer gerne gelaufen ist und unser Partner-Hund braucht ohnehin Auslauf. Eine Freundin von mir ist auch recht sportbegeistert, mit der bin ich infolge oft laufen gegangen und bin draufgekommen, dass das die Sportart ist, die am besten zu mir passt. Laufen kann ich, wann immer ich will.“

„Ich bin generell sehr ehrgeizig, in allen Bereichen meines Lebens. Beim Linz-Marathon bin ich kürzlich in der Staffel gelaufen, beim Wings for Life World Run möchte ich jetzt schneller sein bzw. länger dabei bleiben. So 17-18 Kilometer wären schon super. Ich möchte einfach merken, dass ich besser werde.“

„Das Wichtigste ist dort aber, dass die Mama mit dabei ist, mich anfeuert und das wir einfach einen schönen Tag verbringen. Ich will auch das Gefühl mitbekommen, in dieser großen Masse zu laufen, die sich mit dieser tollen Idee hinter diesem Lauf identifiziert. Es bewegt einfach so viel."

"Ich bin auf jeden stolz, der dort mitläuft. Es ist super, dass so ein großer Event auf dieses Thema hinweist und es in die Mitte der Gesellschaft rückt. Dieses Thema wurde viel zu lange tabuisiert. Man sorgt damit für Anerkennung und unterstützt die Integration von Querschnittsgelähmten.“

 

Die Gespräche führte Alexander Neuper

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