Zu Gast im größten Stadion der Welt

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Alt, hässlich und an zahlreichen Stellen müsste etwas ausgebessert werden. Eigentlich nicht mehr zu gebrauchen und doch von so viel unerklärlichem Charme umgeben, dass man davon absieht, sich etwas Neues zu suchen. So mag vielleicht der eine oder die andere nach vielen zehrenden Jahren ungalant über die eigene bessere Hälfte sprechen, ganz bestimmt trifft es aber auf Strahov zu.

Kaum jemand hat das weite Rund noch im Gedächtnis. Es scheint fast, als würde man seine Existenz zu verschleiern versuchen. Und doch thront es immer noch über den Dächern Prags – das größte Stadion der Welt.

Der Charme einer Bruchbude

Mit ziemlicher Sicherheit würden hier auch Maler, Dichter und Philosophen Befriedigung und Inspiration finden, wenn sich beim Lokalaugenschein im vergessenen Koloss selbst gemeine Sportjunkies ertappen, wie sie zwischen den alten Gemäuern über Vergänglichkeit zu sinnieren beginnen.

Gleichzeitig wird einem warm ums Herz, nicht nur durch die Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg in den Innenraum bahnen, ehe sie von den milchigen Fenstern der altertümlichen Logen reflektiert werden.

Paradox ist es. Wo wir uns doch ansonsten stets nach Neuem und Futuristischem sehnen, uns am nächsten, aus dem Boden gestampften Prachttempel ergötzen, da übt gerade diese Bruchbude eine solche Faszination aus, zieht uns in ihren Bann und lässt uns teilhaben am Reiz des Verfalls. Hier, wo man förmlich jede Kerbe sehen kann, die der Zahn der Zeit über Jahrzehnte hinweg in den Beton genagt hat, kommt man zur Ruhe, inhaliert Geschichte und kann leeren Blickes in die Weite starren, so wie es an diesem Nachmittag einige Meter weiter ein einsamer Student tut. 

Platz für eine Viertelmillion Menschen

250.000 Menschen tummelten sich zu Spitzenzeiten im Velký strahovský – dem großen Strahov – benannt nach dem Stadteil, in dem es gemäß den Plänen des Architekten Alois Dryak als Holzkonstruktion erbaut wurde. Schon sechs Jahre später wurden die Tribünen aber durch Betonränge ersetzt. Erweiterungen in den Jahren 1948 und 1975 sorgten für das stete Wachstum Strahovs. Zeit, Wind und Wetter verliehen ihm das Aussehen, über das es gegenwärtig verfügt.

"Das Stadion war das Schaufenster des tschechoslowakischen Sportes. Die ganze Welt sollte uns darum beneiden. Es ging um den Nationalstolz und gleichzeitig wollte die Partei ihre Kraft eindrucksvoll präsentieren", erklärte Lenka Ticha, Sprecherin der tschechischen Sportunion, einmal das Streben nach der größten Arena der Welt.

Wer den - per pedes beschwerlichen - Weg auf die Westseite des Prager Stadthügels Petřín gemeistert hat und sich, trotz konsequenter Nicht-Beschilderung, den Weg zum gut versteckten Koloss gebahnt hat, dem bietet sich nicht nur die Aussicht hinunter auf die malerische Altstadt samt Karlsbrücke, er blickt auch in das Antlitz Strahovs, das einen zunächst skeptisch werden lässt.

Das Ausmaß der Arena ist erst kaum zu erkennen. Um nichts höher als ein Durchschnittsstadion sind die dicken Mauern. Auch die ersten Blicke durch versperrte Gitter lassen noch nicht viel erahnen. Erst wer durch das Eingangstor schreitet, dem offenbart sich die gigantische Fläche, die der Innenraum beherbergt.

Heimat für acht Fußballplätze und eine Geschäftsstelle

Auf rund 70.000 m² finden sich sechs Fußballplätze in Normalgröße sowie zwei Kleinfelder, die von Sparta Prag als Trainingszentrum und für Heimspiele der zweiten Mannschaft sowie der Jugend-Teams genutzt werden. Zudem steht auch die Geschäftsstelle des Traditionsklubs samt Parkplatz im Stadion-Inneren.

Dabei hatte Strahov ursprünglich nichts mit Fußball zu tun. Turnveranstaltungen lockten die Massen in die Arena, zehntausende Sportler nahmen an Spartakiaden, den gigantischen Leistungsschauen während des Sozialismus der damaligen Tschechoslowakei, teil. In den 1960er Jahren wurden Motorsport-Events veranstaltet, später begeisterten hier etwa die Rolling Stones, Pink Floyd oder U2 über 150.000 Zuschauer mit den Klängen ihrer legendären Songs.

Eine direkte Verbindung zum Fußball besteht heute auch im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Übergang verbindet Strahov mit dem Stadion Evžena Rošického, das wenige Meter weiter westlich platziert ist und zwischenzeitlich als Heimstätte für Slavia Prag und das tschechische Nationalteam diente. Auch das Cup-Finale findet häufig in der heute rund 19.000 Zuschauer fassenden Arena statt.

Unbezahlbare Renovierung

An eine Massenveranstaltung im Strahov ist dagegen nicht mehr zu denken. Der bröckelnde Beton, die lockeren Bodenplatten und die verbliebene Beleuchtung, die in der leichten Brise einem Windspiel gleicht, sorgen dafür, dass man jeden einzelnen Schritt mit Bedacht vollzieht. Strahov wackelt, Strahov wankt.

Nach dem Ende des Sozialismus verlor es an Bedeutung und sucht seither nach einer neuen, großen Bestimmung. Ideen zur Nutzung des Areals gäbe es. Eine Kommerz-Oase mit Hotels, Restaurants und Geschäften war ebenso angedacht, wie ein "Freizeit-Mekka des 21 Jahrhunderts", eine Kombination aus Sport und Erholung. Sollte Prag in Zukunft den Zuschlag für die Austragung Olympischer Spiele erhalten, könnte hier das Athleten-Dorf entstehen und die Sportler beheimaten, wie einst bei den Spartakiaden. Für die Sommerspiele 2016 versuchte man sich bereits an einer Bewerbung, scheiterte allerdings vor der Schlussrunde.

Geplante Projekte müssten sich aber nicht nur mit komplizierten Eigentumsverhältnissen herumschlagen. Ein Abriss der maroden Mauern ist ausgeschlossen, seit die UNESCO ihren schützenden Mantel über Strahov ausbreitete. Gleichzeitig hat die jahrzehntelange Vernachlässigung durch die finanziell nicht auf Rosen gebettete Stadt ihre Spuren hinterlassen, eine Komplettrenovierung würde mittlerweile geschätzte 1,5 Milliarden Euro kosten.

Und so altert Strahov abseits der Touristenströme beständig vor sich hin und wird wohl noch so manchen Sommer ins Land ziehen sehen. Strahov hat - um es mit den Worten eines alten Schlagers zu sagen  - vieles schon erlebt, kein Wunder, dass es zittert, kein Wunder, dass es bebt.

Und doch wartet der Koloss, der einst den Massen Heimat bot, immer noch jeden Abend auf's neue Morgenrot.

 

Christoph Kristandl

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