Von Kosten und Nutzen einer Schnapsidee

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Da haben wir sie nun. Eine Liste von 60 Fachverbänden (siehe unten), die uns erklären will, in welcher Sportart gut – also erfolgreich – gearbeitet wird und in welcher nicht.

Zwei Dinge waren daran so sicher wie das Amen im Gebet: Erstens, dass der Ski-Verband ganz vorne zu finden ist (wohl mit Recht) und zweitens, dass es über die Liste Diskussionen geben wird.

Soweit entspricht die Realität einmal den Erwartungen.

Doch interessant wird es, wenn sich nun sogar Verantwortliche aus jenen Verbänden, die unter den Top 25 liegend zu den Gewinnern des eingeführten Erfolgsprinzips gehören, hinstellen und sagen: „Wir halten das für einen Blödsinn.“

Ja, der Aufschrei unter den Verbänden ist groß. Dabei geht es keineswegs um das Erfolgsprinzip an und für sich, sondern rein um dessen Umsetzung, die unterm Strich mehr kostet, als sie den einzelnen Verbänden bringt.

Ein Schildbürgerstreich? Nein, Sport in Österreich.

Wo das Geld derweil versickert

Die Idee von der Installation des Erfolgsprinzips ist so alt wie die Sportförderung selbst. Für die Umsetzung bedurfte es im Land der Erhalter aber einen größeren Denkanstoß, welcher sich mit den Sommerspielen in London vor zwei Jahren dann auch fand. Minister Norbert Darabos schickte das Projekt, den heimischen Förderdschungel zu vereinfachen und erfolgsorientierter zu gestalten, auf die Reise, Nachfolger Klug knüpfte an.

Die Verbände erarbeiteten gemeinsam ein Konzept, in dem sie ihre Wünsche abstimmten und zu Papier brachten. „Ein Grundelement davon war das One-Stop-Shop-Prinzip“, greift Michael Eschlböck, Präsident des an 16. Stelle gereihten Football-Verbandes, ein im Diskussionsprozess oft gefallenes Schlagwort auf. „Das heißt, dass man nicht wie bisher zu verschiedenen Förderstellen laufen muss, sondern bei einer um alles ansucht und auch abrechnet. Damit die Vielzahl an Institutionen verringert wird, die oft als aufgebläht kritisierte Administration verschlankt wird.“ Eine Zielsetzung, die auch dem „Neuen Bundes-Sportförderungsgesetz“ (seit 1.1.2014 in Kraft) zugrunde liegt.

Geschehen ist jedoch das Gegenteil. Es wurde mit dem Bundessportförderungsfonds (BSFF) eine völlig neue Institution aus dem Boden gestampft. Diese übernahm von der Bundessport-Organisation (BSO) die Abwicklung und Vergabe der Besonderen Bundessportförderung, die jährlich 80 Mio. Euro beträgt.

Die BSO wird deshalb jedoch nicht abgeschafft. Obwohl dem höchsten Verbands-Gremium des Landes mittlerweile nur noch die Aufgabe einer Interessensvertretung des Sports zukommt, derer die BSO dem Vernehmen nach nicht zufriedenstellend nachkommt, frisst die Organisation jährlich 1,1 Mio. Euro an Fördergelder.

Währenddessen beschäftigt der BSFF neun hauptamtliche Mitarbeiter, dazu kommen noch die ehrenamtlichen Mitglieder in der Bundes-Sportkonferenz – dem höchsten Gremium – sowie den zwei Beiräten. Zwar ist gesetzlich verankert, dass dieses Ehrenamt unbesoldet ist, jedoch werden jährlich 56.000 Euro für die Mitglieder veranschlagt. Wie das geht? Durch Entschädigungen für Reisekosten sowie Sitzungen.

ÖHB-Generalsekretär Martin Hausleitner versteht das Ranking nicht

Haider-Maurer stellt ÖHB-Team in den Schatten

Die Gewichtung der Kriterien sei zudem diskussionswürdig. Hausleitner: „Wenn sich das Männer-Team für eine Handball-WM qualifiziert, bringt das beispielsweise gleich viele Punkte, als wenn ein Österreicher im Tennis in der ersten Runde eines Grand-Slam-Turniers steht.“

Wie ein Blick in die Historie zeigt, werden die ÖHB-Männer im kommenden Jänner zum erst dritten Mal nach 1993 und 2011 an einer WM-Endrunde teilnehmen. Im Gegenzug bringt es beispielsweise ein Andreas Haider-Maurer alleine heuer bei drei Grand-Slam-Turnieren auf Hauptrunden-Auftritte. Von einem Dominic Thiem und dem Rest der rot-weiß-roten Filzkugel-Gesellschaft ist da noch gar keine Rede.

Herber Kratzer am Image

Da der ÖHB nicht unter den besten 25 des Rankings liegt, bekommt er bekanntermaßen kein Geld aus dem Erfolgstopf. Die zehn Prozent aus dem Spitzensport-Fördertopf, aus denen sich die Ausschüttung für die „erfolgreichen“ Verbände zusammensetzt, sind aber nicht das Einzige, was der ÖHB verliert.

Die Folgen sind weitreichender und auch kein ÖHB-Spezifikum. „Abgesehen davon, dass innerhalb der Handball-Familie kritische Töne laut werden und unter einem 37. Platz die Motivation von ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern leidet, machen wir uns Sorgen um unsere Unterstützer. Was ist, wenn plötzlich ein Sponsor hergeht und sagt: Ihr arbeitet offenkundig nicht gut – warum sollten wir die Zusammenarbeit mit euch verlängern?“, gibt Hausleitner zu bedenken.

Sein Präsident Gerhard Hofbauer geht sogar noch weiter und droht mit einer Klage: „Was hier gemacht wurde, ist Rufschädigung!“

Im Vorfeld hatte es geheißen, dass nur die besten 25 des Rankings veröffentlicht werden. Als eine Art Lob für die einen und Ansporn für die anderen. Das hätte Sinn gemacht. Letztlich wurde aber doch die ganze Liste ins Netz gestellt.

Kurzer Denkanstoß:  Der Eishockey-Verband bekommt als 19. im Ranking mit 45.400 Euro weniger aus dem „Erfolgstopf“, als jene Kosten betragen, die im BSFF durch ehrenamtliche Arbeit anfallen.

So werden der Vorsitzenden der Bundes-Sportkonferenz, Ex-ÖVP-Politikerin Astrid Stadler, pro Sitzung 500 Euro Aufwandsentschädigung zugestanden. Wenn es der Sitzungs-Kalender will, bezieht sie diese an einem einzigen Tag laut LAOLA1-Information sogar dreimal (!). Die „gewöhnlichen“ Konferenz-Mitglieder verzichten derweil auf jene 150 Euro, die für sie angedacht sind. Welche Praxen in den Beiräten herrschen, entzieht sich unserer Kenntnis.

Insgesamt kostet der BSFF dem Steuerzahler im aktuellen Kalenderjahr 900.000 Euro. Das vielerorts herbeigesehnte One-Stop-Shop-Prinzip wurde dennoch nicht umgesetzt. Weiterhin gibt es andere Förderstellen wie die im Sportministerium angesiedelte Sektion Sport, die für Team Rot-Weiß-Rot und die Abwicklung der Allgemeinen Sportförderung zuständig ist, oder auch die Sporthilfe. Unterm Strich sind sowohl Vereinfachung, als auch Verschlankung der Förderstruktur fehlgeschlagen.

Vielmehr wird eines klar: Während in der Administration weiter Geld versickert, müssen die Verbände wegen ein „paar Peanuts“ den Aufstand proben.

Zurück zu den „Peanuts“

Das Zustandekommen des Rankings sorgt vielerorts für Kopfschütteln. Wie kann etwa Basketball auf 0,00 Punkte kommen? Eine Frage, die niemand beantworten kann, denn die genauen Berechnungen gibt der BSFF nicht heraus. Auch nicht an die Verbände. Aufgrund der angeführten Kriterien kann sich jeder Verband aber ungefähr zusammenreimen, wie die Platzierungen letztlich zustandekamen.

Im Handball-Bund (ÖHB) ist man über das konkrete Vorgehen des BSFF tief bestürzt. Nach mehreren Qualifikationen für Großereignisse und der gelungenen Ausrichtung einer Heim-EM gilt der ÖHB als einer der Vorzeige-Schüler im heimischen Mannschaftssport. Dennoch findet sich der ÖHB auf dem wenig schmeichelhaften 37. Platz wieder. Ein Schlag ins Gesicht für Verantwortliche, Mitarbeiter und Fans.

Anhand der Charakteristika einer Sportart (Ist es eine Mannschaftssportart? Ist sie olympisch? usw.) wurde eines von vier Berechnungsmodellen vom BSFF herangezogen. „Wir kamen da offenbar in ein anderes als Fußball“, ist ÖHB-Generalsekretär Martin Hausleitner verwundert. „Dazu kam, dass im vom BSFF herangezogenen Berechnungszeitraum 2012/13 keine offizielle Welt- und Europarangliste existierte“, erklärt er die Ursachen für die Einstufung hinter beispielsweise Bahnengolf, Frisbee oder Curling.

Im Schatten der Ringe

AFBÖ-Präsident Michael Eschlböck

Während Robert Fiegl, Generalsekretär des an 20. Stelle geführten Golf-Verbandes, die Frage in den Raum stellt, wie Erfolg ohne eine vorherige Definierung der Ziele von Seiten des BSFF überhaupt messbar sein kann, macht sich der Radsport-Verband (Platz 17) in Person von Präsident Otto Flum Gedanken über mögliche Folgen für die Ausrichtung des ÖRV.

„Wir haben einige Sparten oder Disziplinen, in denen wir zwar erfolgreich sind, die aber nicht olympisch sind. Im Berechnungsmodell, in welches wir fallen, finden diese aber keinerlei Niederschlag. Die logische Konsequenz daraus wäre, dass wir uns künftig noch mehr auf die olympischen Sparten konzentrieren würden und die anderen vernachlässigen“, spricht Flum beispielsweise Andreas Müller an, der auf der Bahn im nicht-olympischen Scratch-Bewerb WM-Medaillen vorweisen kann.

Warnungen in den Wind geschlagen

Unter den Verbänden tut sich eine breite Front gegen das Verbandsranking auf. „Hier ist jedoch niemand gegen das Erfolgsprinzip per se und es ist auch keiner irgendjemandem etwas neidisch. Es geht nur darum, dass es von den Verantwortlichen nicht gut und über die Köpfe der Verbände hinweg umgesetzt wurde“, spricht Eschlböck von einem nach wie vor ungetrübten Klima zwischen den Fachverbänden.

Die jetzigen Reaktionen sind zudem keineswegs Ausdruck eines zu späten Erkennens. LAOLA1 liegen mehrere Schreiben der BSO an die Bundes-Sportkonferenz vor, in welchen vor obigen Punkten ausdrücklich gewarnt wurde und um eine Überarbeitung sowie eine Aufschiebung gebeten wurde. Die Warnungen wurden in den Wind geschlagen.

Stattdessen werden von den Verbänden nun Konzepte und Anträge abverlangt. Bei größeren Verbänden umfasst die Zusammenstellung dieser Unterlagen sogar mehrere Ordner. Bei kleineren Sportarten bedeutete das für ehrenamtliche einige Nachtarbeiten. „Hochgerechnet auf alle Verbände werden das zwischen 6.000 und 10.000 Seiten sein, welche der BSFF nun sichten und bewerten will“, rechnet Hausleitner vor.

Doch wer im BSFF will diese Hülle an Informationen nun verarbeiten? Oder anders gefragt: Besitzt der BSFF überhaupt das Know-how, mehrere hundert Seiten aus teils sehr unterschiedlichen Sportarten wie Tanzen oder Rugby fachgerecht einzuordnen und zu bewerten? Wer in diesem Land kennt sich sowohl bei der richtigen Beschaffenheit von Curling-Wischern, als auch bei den Tücken der Bespannung eines Bogens aus? Die Beispiele hierfür können beliebig fortgesetzt werden.

So gesehen verkommt die lang ersehnte Abschaffung der Gießkanne nur zu einem Akt politischen Aktionismus oder des Herausschindens eines persönlichen Vorteils.

Also doch kein Schildbürgerstreich.

Reinhold Pühringer

Matsch-Scheibe

Für großes Unverständnis sorgt das Kriterium Medienpräsenz, welches lediglich die Übertragungszeiten auf ORF 1 und 2 berücksichtigt. „Wenn ich schon den Status einer Sportart miteinfließen lassen will: Warum mache ich dann keine Werbewertberechnung?“, fragt Eschlböck, der selbst in der Werbe-Branche tätig ist. „Aber jedem anderen Medium gegenüber ist das eine Frechheit.“

Nicht einmal der Spartensender ORF Sport+ fand eine Berücksichtigung. Und das, obwohl den Verbänden sogar mittels „Medienförderung“ Geld zur Verfügung gestellt wird, um dort Sendezeiten zu erstehen. Eine Querfinanzierung des Spartenkanals, die an und für sich schon hinterfragenswürdig ist.

„Hinzu kommt, dass die Telekom-Regulierungsbehörde vorschreibt, welche Sportarten nicht auf ORF Sport+, sondern nur auf den beiden Haupt-Kanälen gezeigt werden dürfen. Das impliziert bereits, welche Sportarten eher am Spartensender laufen werden“, führt Eschlböck, der NFL-Übertragungen auf Puls 4 Co-kommentiert, weiter aus.  So dürfen Bundesliga-Fußball, Formel 1 und Ski-Weltcup-Rennen beispielsweise nicht auf ORF Sport+ ausgestrahlt werden.

Doch damit nicht genug der Kurzsichtigkeit vor dem TV-Gerät. „Spielen wir den Gedanken mit der ORF-Präsenz einmal weiter“, wirft Hausleitner ein. „Bei der aktuellen Berechnung werden die Jahre 2012 und 2013 berücksichtigt. Doch wenn dann in einem Jahr die Übertragungszeiten von den Olympischen Spielen in London rausfallen, kann sich jeder vorstellen, dass die TV-Zeiten des österreichischen Sommersports in den Keller fallen.“ Fußball freilich ausgenommen.

Ranking der Verbände

Förderung in Euro

  1. Ski

429.300

  1. Volleyball

396.700

  1. Wettklettern

365.300

  1. Schwimmen

335.300

  1. Rodeln

306.700

  1. Fußball

279.300

  1. Kanu

253.300

  1. Segeln

228.700

  1. Bob und Skeleton

205.300

  1. Judo

183.300

  1. Tennis

162.700

  1. Tischtennis

143.300

  1. Leichtathletik

125.300

  1. Rudern

108.700

  1. Kick- und Thaiboxen

93.300

  1. American Football

79.300

  1. Radsport

66.700

  1. Schützenbund

55.400

  1. Eishockey

45.400

  1. Golf

36.700

  1. Wasserski und Wakeboard

29.300

  1. Hockey

23.300

  1. Eisschnelllauf

18.700

  1. Eis- und Stocksport

15.300

  1. Orientierungslauf

13.400

  1. Triathlon
  1. Faustball
  1. Tanzsport
  1. Bahnengolf
  1. Ringsport
  1. Billard
  1. Frisbee
  1. Moderner Fünfkampf
  1. Rollsport
  1. Skibob
  1. Curling
  1. Handball
  1. Baseball/Softball
  1. Schach
  1. Badminton
  1. Aero-Club
  1. Sportkegeln und Bowling
  1. Karate
  1. Jiu Jitsu
  1. Casting (Fischen)
  1. Boxen
  1. Gewichtheben
  1. Squash
  1. Tauchsport
  1. Turnen
  1. Pferdesport
  1. Kraftdreikampf
  1. Fechten
  1. Eiskunstlaufen
  1. Floorball
  1. Rugby
  1. Basketball, Taekwondo, Bogensport, Sportschützen Fachverband
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