Die unbekannte Weltmeisterin

Aufmacherbild
 

Von Null bis ganz nach oben: Die Lubi-Gazov-Story

Aufmacherbild
 

Die leichte Schrittstellung, die Haltung der Arme.

Ohne Zweifel, als Anmut verteilt wurde, stand Lubi Gazov in der ersten Reihe.

Sie versteht es sehr gut, sich mit einem Maximum an Grazilität zu bewegen.

Kein Wunder, gehört Körper-Beherrschung gepaart mit einem gehörigen Schuss weiblicher Ausstrahlung doch zur Sportart der 25-Jährigen. Der Sportaerobic, in welcher die Linzerin sogar Weltmeisterin ist.

Das kleine Pflänzchen

Bekannt ist der Name Lubi Gazov nur Insidern, was freilich dem Bekanntheitsgrad ihrer Sportart schuldet. Ende Juni sicherte sie sich im mexikanischen Urlaubs-Paradies Cancun ihren ersten WM-Titel.

Doch was ist Sportaerobic überhaupt? Mit dem klischeeüberladenen Bild von Frauen in Bodies und grell-farbenen Schenkelwärmern hat es nur wenig gemeinsam.

„Hier werden die Highlights der Gymnastik vereint“, beschreibt Gazov die nichtsdestotrotz tanzähnlichen Bewegungen. „Dazu kommen flippige Musik sowie Einflüsse aus Breakdance und HipHop.“

Zudem bietet die Sportaerobic im Gegensatz zur rein weiblichen Rhythmischen Gymnastik auch Männlein Platz. Wenngleich es auch in unseren Breiten keine Männer gibt. „Nur Burschen“, weiß Gazov.

Generell ist die heimische Szene ohnehin recht überschaubar. In der Masterklasse gibt es neben der Weltmeisterin mit der Tirolerin Michelle Sieberer nur eine Athletin, die ebenfalls an internationalen Wettkämpfen teilnimmt. Mit dem breiter aufgestellten Nachwuchs schätzt Gazov die Szene auf 200 bis 300 Sportler.

Ein starkes Duo

Die Versuchung ist somit groß, Gazov mit Österreichs Aerobic gleichzusetzen. Eine Simplifizierung, die aufgrund der Anfänge der Sportart zu einem gewissen Grad auch ihre Berechtigung hat.

Denn tatsächlich war sie die erste. „Als ich zwölf war, wurden wir vom Fachverband für Turnen informiert, dass es diese Sportart gibt“, erinnert sich die frühere Rhythmische Gymnastin, die nach ein paar Videos Feuer und Flamme war.

Mutter Petra stand seit jeher immer mit Rad unt Tat zur Seite

Doch aller Anfang war schwer. „Es gab kein Umfeld für Aerobic. Wir mussten bei null beginnen“, schildert Gazov, die trotz aller Hürden einen großen Trumpf im Ärmel hatte – nämlich ihre Mutter.

Mama Petra erklärte sich prompt bereit, als Trainerin einzuspringen. In ihrer Heimat Bulgarien war sie Leistungs-Turnerin gewesen. Ihre sportliche Laufbahn hing sie nach der Geburt Lubis älterer Schwester an den Nagel. „Bereits während meiner Zeit in der Rhythmischen Gymnastik hat sie mich unterstützt und mir immer zugesehen. Nach dem Wechsel zur Aerobic hat sie mich dann trainiert.“

Als erste Sportaerobic-Trainerin Österreichs begann sie mit einer Handvoll junger Mädchen, darunter Lubi, die Arbeit. „Zunächst haben wir nicht einmal so recht gewusst, wie die Regeln sind, worauf wir achten müssen. Wir mussten uns alles selbst lernen und haben uns durchgekämpft.“

Durchgekämpft bis an die Weltspitze.

Dementsprechend emotional fiel der Moment des WM-Triumphes aus, den sie mit ihrer Mutter teilen konnte. Mutter und Tochter hatten es gemeinsam bis ganz nach oben geschafft. „Es war unglaublich. Alleine, wenn ich jetzt darüber spreche, bekomme ich Gänsehaut“, strahlt es in Lubis Augen.

Aus eigener Tasche

Doch selbst unter dem größten Erfolg ihrer Karriere steht ein finanzielles Minus. Denn mit Aerobic lässt sich kein Geld verdienen, nicht einmal auf diesem Niveau.

„Zwar habe ich in Cancun Preisgeld bekommen, doch mit Flug und anderen Kosten bin bei weitem nicht im Plus“, rechnet Gazov vor. Doch sie beschwert sich nicht, denn schließlich war sie es nie anders gewohnt.

Dass Sportaerobic (noch) nicht olympisch ist, lässt sie auch bei etlichen Förder-Töpfen durch die Finger schauen. „Seit einem Jahr werde ich aber von der Sporthilfe und dem Sportland Oberösterreich unterstützt. Das ist nicht mega-viel, aber es bedeutet mir eine Menge. Danke dafür!“

Beruflicher Weg vorgezeichnet

Die Kosten für die Reisen zu den diversen Weltcups quer über den Globus, die notwendig sind, um sich in einer von Punkterichtern abhängigen Welt einen Namen zu machen, mussten aus eigener Tasche aufgebracht werden.

Einen Weltrekord aufgestellt

Die junge Lubi in der Double-Wenson-Position

Das Studium in Salzburg, die Arbeit in Linz sowie das zeitintensive Training, welches in der Wettkampf-Vorbereitung bis zu sieben Stunden täglich in Anspruch nimmt, ließen sich jedoch nicht immer vereinen. Dies führte dazu, dass sie 2010 ein Jahr pausieren musste.

„Das war ein wirklich schweres Jahr. Ich war eingedeckt mit Prüfungen und hatte keine Halle zum Trainieren. Ich sah keine andere Möglichkeit, schließlich konnte ich mich nicht zerreißen.“

Die Liebe zum Sport flaute aber keineswegs ab. 2011 meldete sie sich mit einem zweiten Platz beim Weltcup in Las Vegas zurück. Ihr Ehrgeiz war ungebrochen. Ein Ehrgeiz, der sich schon sehr früh zeigte und ihr sogar einen Eintrag in das Guinness Buch der Weltrekorde einbrachte.

Im Rahmen der Linzer Leichtathletik-Gala machte sie im zarten Alter von zwölf Jahren 170 Double-Wenson-Liegestütze.

„Ich war allerdings die erste, die da je einen Rekord-Versuch unternommen hat“, lacht Gazov. Ohne den Rechtsanwalt habe sie sogar 210 geschafft. „Ich wollte gleich recht viele machen, damit mir der Rekord möglichst lange bleibt“, schmunzelt sie.

Spuren hinterlassen

Der Ehrgeiz ist es auch, der sie nach dem errungenen WM-Titel nach neuen Zielen suchen lässt. Eines davon ist der Gewinn der Europameisterschaften, der ihr im Vorjahr um gerade einmal 0,050 Punkte verwehrt geblieben war.

Davon abgesehen bereitet es ihr viel Freude, der nächsten Generation etwas mit auf den Weg zu geben. Abseits von der Vorbild-Funktion tut sie dies bei der Weiter-Entwicklung der Sportart.

„Ich habe ein neues Element eingeführt, das seit diesem Jahr in das Regelwerk aufgenommen wurde. Das ist eine dreifache Stand-Spagat-Drehung, die die höchste Punktezahl bekommt, was bei uns ein ganzer Punkt ist. Ich habe ihr den Namen Balance-Drehung 3-1 gegeben.“

Eine Figur, bei der es auf die richtige Beinstellung, die richtige Armhaltung ankommt.

Denn an Anmut darf es nicht mangeln.

 

Reinhold Pühringer

Mit zunehmendem Alter kam auch Gazov, die mit einem Jahr von Sofia nach Österreich kam, immer mehr in die Pflicht, die Kosten selbst zu tragen. Ihr beruflicher Weg war vorgezeichnet, schließlich half sie schon seit Kindesbeinen an in der Praxis für manuelle Schmerzbehandlung ihres Vaters am Linzer Froschberg mit.

„Als ich klein war, habe ich die Menschen im Wartezimmer immer unterhalten, ich habe für sie geturnt und für sie Spagat gemacht.“ Das offene Ohr für die Bedürfnisse der Patienten ist geblieben und die Bindung gewachsen. Nach einem abgeschlossen Bachelor-Studium für Sportwissenschaften in Salzburg macht sie nun den Master in „Health and Fitness“.

In der väterlichen Ordination arbeiten sie nun zu zweit. „Mein Papa behandelt die Menschen mit Massagen, chinesischer Medizin oder Akupressur. Wenn sie dann gesund sind, übernehme ich sie und sorge für die richtige Rehabilitation und Prävention.“ Ihre Trainings- und Ernährungspläne sollen im Idealfall verhindern, dass die Patienten weitere Behandlungen ihres Vaters benötigen.

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen