Andreas Gaul - Ein Leben für Rugby und die 3. Halbzeit

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16 Jahre aktiv im Rugby, 71 Länderspiele in Serie, Rekordnationalspieler.

Andreas Gaul ist das, was man unter Legende versteht. Doch da auch die schönsten Dinge irgendwann einmal zu Ende gehen, zog der 35-Jährige am vergangenen Wochenende einen Schlussstrich unter die unvergleichliche Karriere. Standesgemäß verabschiedete er sich mit einem 39:8-Erfolg seines RC Donau im Meisterschafts-Finale über Stadtrivale Celtic Vienna.

Im großen LAOLA1-Interview macht Gaul einen Rückblick auf seine Laufbahn und verrät, was geschehen muss, um Rugby in unseren Breiten populärer zu machen:

LAOLA1: Andreas, kannst du dich noch an deine Anfänge im Rugby erinnern?

Andreas Gaul: Ich kann mich noch an zwei Spiele erinnern. Vor meinem allerersten Spiel war ich kein einziges Mal in einem Training gewesen. Einige meiner Freunde haben damals gespielt. Sie meinten: Wir haben am Wochenende ein Spiel und brauchen noch einen Mann. Du bist groß genug, kauf dir noch einen Mundschutz und los geht‘s. Das habe ich dann gemacht und gleich von Beginn an gespielt. Meine Vorstellung war gar nicht so schlecht, obwohl ich noch 25 Kilo leichter war als heute. Beim Line-Out haben sie mich durch die Luft geworfen. Allerdings habe ich alle Bälle fangen können. In der Halbzeit habe ich darum gebettelt und gefleht, dass sie mich auswechseln, weil ich nicht mehr konnte. Sie sagten: Nein, nein, du musst weiterspielen, weil wir keine Ersatzspieler haben.

LAOLA1: Und das zweite Spiel an das du dich erinnerst?

Gaul: Das war mein erstes Nationalmannschaftsspiel 1997 auf der Hohen Warte gegen Slowenien. Damals bin ich als junger Bub mit 19 Jahren aufgelaufen. Als ich vor 1.500 Leuten die Bundeshymne mitsingen durfte, war es für mich ein Gefühl wie vor 80.000 in Twickenham (legendäres englisches Rugby-Stadion, Anm.). Da spürst du das Adrenalin im Körper, das sind Momente, die du nie vergisst. Auch wenn wir Rugby auf einem international überschaubaren Niveau spielen, geben wir alles und deshalb ist es einfach geil.

LAOLA1: Was waren dein größter Sieg und deine bitterste Stunde?

Gaul: Mein wohl größter Sieg war mit der Nationalmannschaft gegen Moldawien, weil wir damals in der letzten Minute durch ein Drop-Goal gewonnen haben. Danach waren wir 63. der Weltrangliste, so gut waren wir noch nie. Noch dazu war ich damals erst kurz Kapitän. Meine bitterste Stunde habe ich kurz vor der Try-Line auf der Hohen Warte erlebt. Damals haben wir gegen Luxemburg um ein oder zwei Punkte verloren, weshalb wir damals in eine Relegationsgruppe mussten. Ich bin zehn Zentimeter vor der Linie getackelt worden und wir haben es nicht mehr geschafft, den Ball über die Linie zu bringen. Für mich einer der traurigsten Momente. Ich habe noch ein Foto davon zu Hause hängen, damit ich jeden Tag daran erinnert werde.

LAOLA1: In 16 Jahren kommen wohl auch zahlreiche lustige Anekdoten zustande. Welche sind dir in Erinnerung geblieben?

Gaul: Auch wenn es der Verband wohl nicht so gerne hört, fällt mir da das Länderspiel in Litauen ein. Es endete zwar mit 0:48, war aber eine der lustigsten Touren, die wir jemals gemacht haben. Dadurch ist die Truppe zusammengewachsen. Das ist Rugby! Wir sind Amateure, wir kriegen kein Geld dafür, unsere Bezahlung ist die dritte Halbzeit. Und in dieser lassen wir es ordentlich tusch‘n. (In Vilnius lief das Team nackt durch eine Einkaufsstraße; Anm.)

LAOLA1: Wird dir der Vollkontaktsport fehlen?

Gaul: Ich werde sicher weiter Sport machen, allerdings tendiere ich momentan mehr in Richtung Ausdauer. Das mit dem Vollkontakt ist ein wenig ein Problem. Ich hatte mal probiert, mir im Winter einen Ersatzsport zu suchen. Ich habe es mit Handball versucht, weil ich mir gedacht habe: Jawohl, die hauen sich ab und zu auch in die Gosch’n. Das klappte aber nicht, weil der Körperkontakt, der für mich ganz normal war, für sie dann doch zu viel war. Ein ähnliches Erlebnis hatte ich auch im Basketball, wo ich versuchte, einen Ball zu blocken und meinen Gegenspieler letztendlich voll im Gesicht getroffen habe. Darum muss es ein Einzelsport werden. Darts, Kegeln,…irgendwas in diese Richtung. Wahrscheinlich wird es aber Radfahren oder Schwimmen, wo ich niemandem zu Nahe komme.

LAOLA1: Du machst jetzt den Trainerschein. Strebst du eine Karriere an der Außenlinie an?

Gaul: Wenn man in Österreich von einer Trainer-Karriere reden kann, dann ja (grinst). Bis Weihnachten mache ich aber einmal nichts, werde nur zu den wichtigen Spielen kommen. Dann muss ich schauen, wo ich gebraucht werde. Mein Herz hängt logischerweise an Donau. Trainer Stiig Gabriel macht das alles mehr oder weniger in seiner Freizeit. Der braucht Unterstützung. Wir werden uns zusammensetzen und darüber reden, wo ich am besten meinen Support geben kann. Man darf das Trainerdasein nicht unterschätzen. Auch wenn ich lange gespielt habe, kann ich nicht hergehen und sagen: Kommt, ich erklär euch jetzt das Leben. Als Spieler weißt du in erster Linie nur, wie du es nicht machen sollst. Da muss ich viel lernen.

LAOLA1: Ist deine Verlobte froh, dass du mit Rugby aufhörst?

Gaul: Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht so genau. Sie hat mich immer unterstützt. Das Problem ist halt, dass an 26 bis 30 Wochenenden im Jahr Rugby ist. Mit Vorbereitung, Anreise und eventueller dritter Halbzeit bleibt da eigentlich keine Zeit für eine normale Beziehung. Dementsprechend ist sie sicher froh. Aber wahrscheinlich ist es so wie in vielen anderen Pensionen, dass ich ihr vielleicht sogar am Arsch gehe.

LAOLA1: Und dass sie sich nun keine Sorgen mehr wegen Verletzungen machen muss?

Gaul: Ich habe mich nie schwer verletzt. Auf der anderen Seite war ich in den vergangenen drei Jahren auch nie top-fit. Immer hat es irgendwo gezwickt. Ähnlich wie Hermann Maier habe ich wohl am Ende meiner Karriere auch manchmal mehr Schmerzmittel nehmen müssen, als mir lieb war. Meine Verlobte ist gottseidank ausgebildete Chiropraktikern und konnte mich so auch sehr gut unterstützen.

LAOLA1: Du giltst als großer Vorantreiber des Rugby in Österreich. Was sind da die nächsten Schritte?

Gaul: Aus meiner Sicht ist das Wichtigste eine vernünftige und nachhaltige Jugendarbeit. Was wir brauchen, ist mehr Kontakt zu den Schulen. Wir können für den Schulsport irre viel anbieten. In unserer jetzigen Mannschaft haben wir viele Spieler, die aus der gleichen Schule kommen. Das heißt, es braucht eine gute Struktur. Man muss an die Leute herankommen. Wenn Schüler draufkommen, was Rugby alles kann und wie leiwand es ist, dann kommen auch viele junge Spieler nach. Abseits des Feldes bieten wir viel an, um Menschen auch charakterlich weiterzubringen. Rugby ist eine echte Lebensschule. Für jeden Körpertyp haben wir etwas über.

LAOLA1: Um Rugby in Österreich weiter zu forcieren, muss man wohl auch danach trachten, die Anzahl der Vereine zu erhöhen?

Gaul: Dafür braucht es auch immer Funktionäre, die Zeit und Muse aufbringen. Für uns sind die nächsten Schritte sehr schwierig. Es gibt Vereine mit guten Strukturen, die aber in der Öffentlichkeit nicht stark genug wahrgenommen werden. Wie man aus einer Randsportart einen Mainstream-Sport macht, ist noch nicht klar. Aber in unserem Bereich können wir sicher viele Leute abholen, wodurch wir mit Sicherheit weiter wachsen werden. Es ist auch eine Frage, ob das überhaupt ein Ziel sein sollte, aus Rugby eine Mainstreamsportart zu machen. So wie es beim Finale (über 1.000 Zuschauer; Anm.) war, war es ohnehin super. Wir können nur etwas anbieten – und zwar den besten Teamsport der Welt. Wir bieten alles das an, was in „Es lebe der Sport“ besungen wird. Von der ersten bis zur letzten Strophe. Das ist Rugby!

Das Interview führte Reinhold Pühringer

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