Oblinger: "Dann hätte ich schon aufgehört"

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Das Wasser zischt.

„Wenn die Strömung von rechts kommt, nach links lehnen“, ruft mir Helmut Oblinger über die Schulter zu und quert gekonnt die Stromschnelle.

Sieht einfach aus.

Kein Wunder, ist der Oberösterreicher schließlich DAS Urgestein unter den heimischen Wildwasser-Kanuten. Der Europameister von 2005 zählt bereits 41 Lenze, weshalb LAOLA1 praktisch keinen besseren Begleiter für unsere erste Befahrung des neuen Wildwasser-Kurses auf der Wiener Donauinsel hätte finden konnte.

Mit dem ein paar Wacklern und noch mehr Herzklopfen gelingt die Querung. „Nicht schlecht, da haben sich andere schon viel ungeschickter angestellt“, meint Oblinger aufmunternd. Nach einer kurzen Becker-Faust mache ich die Kehrtwende und versuche es ohne Vorfahrer. Denkste!

Mein Boot kentert. Ich versuche noch den zweiten Teil der Eskimo-Rolle, doch das wird nichts. Bevor die Luft gefährlich knapp wird, reiße ich den Spritz-Schutz herunter und tauche auf.

Fazit der ersten knapp fünf-minütigen Kanu-Lektion: Es sieht einfacher aus, als es ist.

Ziel ist das EM-Finale

Wie es richtig geht, demonstriert an gleicher Stelle ab Donnerstag die europäische Elite bei der Heim-EM. Im sieben-köpfigen OKV-Aufgebot dürfen Helmut und dessen Frau Violetta Oblinger-Peters nicht fehlen.

Der Routinier, der im Einzel die Final-Teilnahme anpeilt, spricht im LAOLA1-Interview über die Beschneidung seiner Sportart, Probleme in der heimischen Szene und warum seine Kinder schuld sind, dass er noch mit dabei ist:

LAOLA1: Heli, die wievielte EM ist das für dich?

Helmut Oblinger: Ich habe gelesen, dass es meine 15. ist.

LAOLA1: Heißt das, dass du selber nicht mehr mitzählst?

Oblinger: Genau. 1996 fand erstmals eine EM statt, davor gab es nur Europacups. Ich habe bis auf 2004 an jeder teilgenommen. 2004 war zeitgleich ein offizieller Trainingslehrgang in Athen zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele.

LAOLA1: Kannst du dich noch ein Debüt erinnern?

Oblinger: Es war in Augsburg und ich war 23. Mir ist es gut gegangen, leider habe ich zwei Strafsekunden bekommen, sonst wäre ich Zweiter geworden. Dafür haben wir eine Mannschaftmedaille geholt.

In Schärding ist eine Promenade nach den Oblingers benannt

LAOLA1: Darf man dich als Querdenker einstufen oder gibst du den Tenor der Sportler wieder?

Oblinger: Nein, da denken praktisch alle gleich. Wenn du jung bist, regst du dich noch drüber auf. Wenn du älter wirst, denkst du dir aber irgendwann, dass es sich nicht mehr auszahlt, so viel Energie zu investieren. Du nimmst es einfach hin, weil du das Gefühl hast, dass du sowieso nichts ändern kannst.

LAOLA1: Hat sich in Österreich die Sportart in den vergangenen 20 Jahren nach vorne entwickelt?

Oblinger: An der Spitze haben wir viele, gute Sportler, die sich individuell ihr Umfeld zusammenstellen.

LAOLA1: Wie generiert sich der Nachwuchs im Kanu-Slalom?

Oblinger: Der Breitensportbereich bei uns ist durchaus groß, allerdings gestaltet sich der Übergang in den Leistungssport als schwierig. Mit Stützpunkt-Trainern soll dies verbessert werden.

LAOLA1: Wo liegen die Schwierigkeiten konkret?

Oblinger: Das Schwierige an unserer Sportart ist, dass du im Endeffekt Jahre brauchst, bis du einmal ein richtiges Wildwasser runterfahren kannst. Fußball macht von Anfang an Spaß. Beim Paddeln brauchst du jedoch eine Vielzahl an Einheiten, bis du überhaupt einmal geradeausfahren kannst. Von einem sehr schwer handle-baren Slalom-Boot reden wir da noch gar nicht. Dazu müssen entweder gute Vereins-Strukturen oder engagierte Eltern dahinterstehen.

LAOLA1: Ist die Strecke auf der Donauinsel ein erster Schritt in Richtung Nachhaltigkeit?

Oblinger: Auf jeden Fall. Wobei es hier das Problem gibt, dass du hier keine Kinder runterschicken kannst. Für den Nachwuchs-Bereich ist die Strecke zu schwer. Man müsste sich was überlegen, sie beispielsweise mit halber Wassermenge laufen lassen. Dafür muss sich jemand einsetzen und es koordinieren. Nichtsdestoweniger ist es ein richtiger Schritt.

LAOLA1: Du hast ein sehr breites und tiefes Spektrum über Wildwasser-Slalom. Wie hat sich die Sportart entwickelt?

Oblinger: Die meisten Regeländerungen waren nicht im Sinne der Athleten und die Sportart ist dadurch nicht besser geworden. Früher waren 20 im Finale und zwei Läufe. Das ist auf einen Lauf mit zehn Teilnehmern reduziert worden. Geheißen hat es wegen des Fernsehens. Aber in Wahrheit wurdest du früher zweimal 20 Minuten übertragen. Jetzt sind es eben nur noch einmal zehn Minuten. Man glaubte, dass es spannender würde, aber dem war nicht so.

LAOLA1: Wie meinst du das genau?

Oblinger: Früher war es wie im Skifahren, dass du die beiden Läufe zusammengezählt hast. Nun nimmst du aber keinen Vorsprung mit. Aufgrund der Dichte kann es vorkommen, dass der Zehnte, der sich also gerade noch für das Finale qualifiziert hat, dieses dann gewinnt. Dadurch baut sich kein richtiger Spannungsbogen auf. Das merkst du auch an der Stimmung an der Strecke. Dabei würde beim alten Modell dennoch die Chance bestehen, dass das Klassement noch einmal auf den Kopf gestellt wird, da die Abstände wie gesagt sehr gering sind.

LAOLA1: Hat sich der Drang zur Telegenität zumindest positiv auf die TV-Präsenz niedergeschlagen?

Oblinger: Nein, ganz im Gegenteil: Wasser-Slalom wird weniger übertragen als früher. Das hat gar nichts gebracht.

LAOLA1: Wie sieht’s mit anderen Bereichen der Sportart aus?

Oblinger: Da gibt es noch weitere Dinge, die dem Sport wenig zuträglich waren. Die Regeländerung zum Umstieg von langen auf kürzere Boote, damit sie leichter zu transportieren seien, war in Wahrheit ebenso wenig sinnvoll, wie die Gewichts-Reduktion von neun auf acht Kilo. Zum einen sind die Boote ohnehin so riesengroß, dass es letztlich egal ist, ob sie 4 oder 3,5 m lang sind. Zum anderen gehen die Geräte jetzt schneller kaputt, weshalb du am Ende des Tages mehr Boote brauchst. Unterm Strich sind die vielen Änderungen für uns Sportler zu einem großen Teil schwer nachvollziehbar.

LAOLA1: Hast du Ambitionen nach dem Karriere-Ende im Verband mitzuarbeiten?

Oblinger: Ja, allerdings ist schon ein klares Nein gekommen. Solange die Verbandsspitze so aussieht, wird es mich als Trainer in Österreich nicht geben.

LAOLA1: Was würde dir vorschweben?

Oblinger: Bei einem entsprechenden Angebot wäre ich gerne dazu bereit, mein Wissen an den Nachwuchs weiterzugeben.

LAOLA1: Würdest du noch immer aktiv sein, wenn du nicht mit einer Paddlerin verheiratet wärst?

Oblinger: Das Trainieren macht mir sehr viel Spaß, von daher glaube ich schon. Gleichzeitig schätze ich aber, dass ich es nicht mehr machen würde, wenn ich keine Kinder hätte.

LAOLA1: Wie meinst du das?

Oblinger: Dann wäre ich wahrscheinlich zu satt von der Sportart. Bis 2008 habe ich immerzu versucht, jedes Detail zu professionalisieren und zu verbessern. Der Ehrgeiz stand im Vordergrund. Mit der Geburt von Milo (2009; Anm.) und später Ilai (2013) ist dann die Freude am Sport wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt. Ich habe etwas Abstand zum Kanu gewonnen. Wenn ich nach dem Training nach Hause komme und die Kinder mich anlächeln, ist es plötzlich ganz egal, wie gut oder schlecht es mir auf dem Wasser gegangen ist. Zwar ist die Zeit, die ich für den Sport zur Verfügung habe, weniger geworden, jedoch erlebe ich diese mit einer ganz anderen Qualität.

Alter Verein
Corinna Kuhnle 26 NF Höflein
Violetta Oblinger-Peters 36 Forelle Steyr
Viktoria Wolffhardt 19 Tulln
Julia Schmid 25 KC Graz
Helmut Oblinger 41 Forelle Steyr
Herwig Natmessnig 32 KV Klagenfurt
Andreas Langer 21 UKK Wien

Oblinger hielt schon bei fünf Olympischen Spielen die rot-weiß-rote Fahne hoch

LAOLA1: Du hast dein Hobby zu deinem Beruf gemacht, deine Liebe teilt dies mit dir und du kannst viel Zeit mit deinen Kindern verbringen. Dazu kommst du viel in der Weltgeschichte herum. Das klingt nach einem Leben, das wie gemalt ist?

Oblinger: Es ist wunderschön. Aber es bringt auch Verpflichtungen mit sich. Man muss seine Kinder erziehen. Das Herumreisen mit den Kleinen bedeutet zudem Stress. Alleine eine Tasche zu packen ist okay, aber mit Kindern zu packen ist der Horror. Auch wenn wir nur 50 Tage im Jahr daheim sind, bin ich nichtsdestoweniger froh, dass sie überallhin mitfahren können.

LAOLA1: Hat Milo mit seinen fünf Jahren schon der Kanu-Virus gepackt?

Oblinger: Er ist super stolz auf uns und fragt dann zum Beispiel, ob er mit auf das Siegespodest darf. Auf der anderen Seite tut es weh, wenn ich ihm erklären muss, dass der Papa das Rennen nicht gewonnen hat. Er fragt dann, ob ich das nächste Mal wieder siege. Ich verspreche ihm, dass ich mich anstrengen werde. Gerade in seinem Alter kommt ja der Siegeswille enorm stark zum Tragen. Da will er bei jedem Wettlauf oder was auch immer gewinnen. Auf der anderen Seite ist es bestimmt wertvoll für ihn, wenn er sieht, dass man auch ohne Sieg glücklich sein kann.

LAOLA1: Paddelt er schon selbst?

Oblinger: Ich habe ihm vor zwei Wochen ein kleines Kinder-Boot gekauft. Er ist mächtig stolz drauf.

 

Das Interview führte Reinhold Pühringer

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