"Doping ist nicht mit Armstrong verschwunden"

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"Ich bin Bella!" Vor rund fünfeinhalb Jahren packte Jörg Jaksche aus.

Der deutsche Radprofi legte im "Spiegel" ein umfassendes Doping-Geständnis ab und deckte die Mechanismen der Branche auf.

Heute studiert der 36-Jährige, der vor drei Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen hat, in Innsbruck BWL. "Hier lassen einen die Leute in Ruhe", genießt Jaksche die Anonymität.

Sobald es aber um das Thema Doping geht, ist es mit der Ruhe vorbei, ist der einstige Fuentes-Kunde (Codename "Bella"; Anm.) begehrter Interview-Partner.

Im großen LAOLA1-Talk spricht Jörg Jaksche über die Causa Armstrong und ihre Folgen, die Doping-Hotline der UCI und er erklärt, warum sich nicht alle schlechten Menschen im Radsport treffen.


LAOLA1:
Herr Jaksche, waren Sie überrascht, mit welcher Härte man Lance Armstrong aus dem Radsport entfernt hat?

Jörg Jaksche: Von der endgültigen Konsequenz schon. Ich hätte nicht gedacht, dass sie es so durchziehen. Weil er sicher wieder die ganze Klaviatur rauf- und runtergespielt hat, um das Ganze zu vermeiden. Für ihn steckt ja auch ein großer wirtschaftlicher Schaden dahinter, immerhin ist er alle seine Verträge losgeworden.

LAOLA1: Dabei hatte es lange den Anschein, als würden seine Partner und Sponsoren nicht von ihm abrücken?

Jaksche: Das ganze System ist auf Lug und Trug aufgebaut. Aber irgendwann lässt es sich nicht mehr halten, da kommt es wie bei einer Waage an den Punkt, an dem der andere Arm mehr Gewicht bekommt. Ich sage jetzt aber nicht, dass ich gut finde, was da mit Lance Armstrong passiert. Er wird stigmatisiert, aber das Problem ist nicht Lance Armstrong, sondern das System, das eben solche Auswüchse zugelassen hat.

LAOLA1: Man kriegt aber doch den Eindruck vermittelt, dass jetzt, wo Armstrong weg ist, alles gut ist?

Jaksche: Sportsoziologen sprechen in diesem Zusammenhang von einem individualisierten Problem. Man gibt also dem Doping-Problem einen Namen, dann ist es greifbar und für das Publikum einfacher zu verstehen. Plötzlich hat nicht der Radsport ein Problem, sondern es ist Lance Armstrong. Aber es ist nicht so, dass jetzt, wo er draußen ist, das Doping-Problem aus dem Radsport ist.

LAOLA1: Wie konnte es überhaupt soweit kommen?

LAOLA1: Und die Vernetzung in höchste Kreise hat auch nicht geschadet, um eine lange Karriere ohne größere Schäden zu überstehen?

Jaksche: Wenn man weiß, wann die Kontrolleure kommen, ist man schon einmal auf der sicheren Seite. Heutzutage wird man sowieso nur mehr erwischt, wenn es ganz deppert läuft. Lance Armstrong hat entweder gewusst, wann er kontrolliert wird, er ist die Kontrollen irgendwie umgangen oder die Kontrolleure haben ihn, wenn sie dann da waren, 25, 30 Minuten ohne Aufsicht gelassen.

LAOLA1: Die Führung des Internationalen Radsport-Verbands wehrt sich erfolgreich gegen einen Neustart. Was halten Sie von der UCI?

Jaksche: Aufgrund seiner Erfolge hat er politisch und wirtschaftlich auf einer ganz anderen Ebene die Sachen kontrolliert. Wenn uns etwas passiert ist, dann war das halt so. Wenn bei ihm etwas war, ist das im Keim erstickt worden. Deshalb ist es gut, dass jetzt rausgekommen ist, wie viel Dreck die Organisationen um ihn herum am Stecken haben.

LAOLA1: Demnach verwundert es Sie nicht, dass selbst der französische Ex-Präsident Nicolas Sarkozy seinem Freund Lance Armstrong den Leiter von Frankreichs Anti-Doping-Behörde vom Hals gehalten und schlussendlich sogar gefeuert haben soll?

Jaksche: Nein, überhaupt nicht. Armstrong war ja auch regelmäßig zu Gast im Weißen Haus. Er ist Texaner wie die Bush-Familie, da ist natürlich eine gewisse Nähe da. Man muss sich einmal anschauen, welche E-Mails der Wahlkampf-Leiter von Barack Obama bekommen hat. Nämlich, dass man, wenn der Präsident nicht auf einer Livestrong-Veranstaltung spricht, die zwei, drei Millionen Mitglieder darüber informieren wird, was Obama von Krebskranken hält.

LAOLA1: Erschreckt es Sie, wo das hingeführt hat?

Jaksche: Das ist das Gigantomanische einer Person. Armstrong hat sich das alles selbst geschaffen, den amerikanischen Traum gelebt. Man kennt das von Investement-Bankern: Was kostet die Welt? Und wer gegen mich ist, wird entweder vernichtet oder gekauft.

LAOLA1: Beim Fußball ist der Trainer das schwächste Glied. Ist es im Radsport der Fahrer?

Jaksche: Ich bin nie von irgendjemand gezwungen worden zu dopen. Ich habe das System akzeptiert und gesagt: Da mache ich mit. Insofern steht man unter dem Systemzwang, aber als Fahrer kannst du dich durch die Abhängigkeit von Team-Managern nicht wehren. Deshalb gibt es nur lauwarme Statements, wie von David Millar oder Bradley Wiggins, der zuerst über Lance Armstrong gar nichts sagt und dann nur: Super, dass sie ihn rausgenommen haben. Das ist bigott, aber die Fahrer können nicht anders.

LAOLA1: Haben Sie nicht den Eindruck, dass es im Sommer die Radfahrer und im Winter die Langläufer sind, die ein Doping-Problem haben, und der Rest der Sport-Welt ist heil?

Jaksche: Es treffen sich nicht alle schlechten Menschen beim Radsport. Wenn ich mir zum Beispiel manche Wintersportarten anschaue, wie da in den Neunzigern so manchem die Muskeln gewachsen sind, wie Bübchen innerhalb von einer Saison auf 20, 25 Kilogramm mehr Muskelmasse kommen, dann muss man schon mal in sich gehen und überlegen.

LAOLA1: Und heute?

Jaksche: Wenn ein Skisportler im Sommer eine dreiwöchige Skipper-Tour macht, muss ich mich schon fragen: Wie geht das? Drei Wochen auf hoher See, mitten in der Vorbereitung, nicht erreichbar für die WADA-Kontrolleure. Es ist nicht so, dass böse ist, wer Böses denkt. Ich unterstelle hier kein Doping. Aber man darf auch nicht denken, dass beim Skisport nur nette Naturburschen am Start sind, die Mamis Schnitzel essen und deshalb so dicke Oberschenkel haben.

LAOLA1: Zum Abschluss: Würde es etwas bringen, Doping einfach freizugeben?

Jaksche: Davon bin ich ein totaler Gegner. Das verschiebt die Doping-Grenze nur nach unten und erzeugt einen weiteren Teufelskreis. Man könnte das Problem intelligent und effektiv lösen, aber dafür müsste man sich mit allen Parteien zusammensetzen. Solange es aber eine Partei gibt, die meint, dass es nichts zum Aufarbeiten gibt, werden wir nicht weiterkommen.

LAOLA1: Wir danken für das Gespräch.

 

Das Interview führte Stephan Schwabl

Jaksche: Pat McQuaid, dem aktuellen Präsidenten, unterstelle ich noch einigermaßen gute Absichten. Der ist einfach in eine Situation reingekommen, in der sein Ziehvater und Mentor Hein Verbruggen und verschiedene Leute die Gesetze unterschiedlich ausgelegt haben. Wenn es irgendwann einen glaubwürdigen Radsport geben soll, wird McQuaid über die Klinge springen müssen.

LAOLA1: McQuaid verteidigt sich, dass er nicht verantwortlich ist für das, was die Profis früher gemacht haben?

Jaksche: Da hat er recht. Aber er ist dafür verantwortlich, dass nicht die Strukturen geschaffen wurden, um dagegen vorzugehen und so Sachen wie mit Lance Armstrong passieren konnten. Dafür ist er verantwortlich, das muss er sich auf die Fahnen schreiben.

LAOLA1: Aber der Fall Lance Armstrong könnte doch die große Chance für einen Neuanfang sein, oder?

Jaksche: Ich halte die UCI für zu inkompetent, dass sie hier gar nichts weitermachen. Jetzt will man eine Hotline einrichten, auf der man anonym Hinweise geben kann. Total lächerlich, wenn ich mir den Fall Bjarne Riis anschaue. Die UCI hat eidesstattliche Versicherungen von Tyler Hamilton und mir über Doping-Praktiken unter seiner Team-Führung vorliegen. Und was passiert? Die UCI ignoriert das einfach, obwohl es Schwarz auf Weiß vor einem Richter ausgesagt wurde. Was soll dann ein anonymes Telefon bringen, wenn das nicht ausreicht. Aber da wird sowieso keiner anrufen.

LAOLA1: Ist es naiv, von einem sauberen Radsport zu träumen?

Jaksche: Realistisch betrachtet ist das nicht umzusetzen. Ganz einfach weil die Leute, die seit Jahren im Radsport dabei sind, Team-Manger, Funktionäre, Ärzte, alle etwas mit Doping zu tun hatten. Mein Lieblings-Beispiel ist da immer wieder Bjarne Riis …

LAOLA1: Wieso?

Jaksche: Er hat selbst gedopt und dabei neue Grenzen geschaffen. Als Teamchef hat er die Leute zu Fuentes geschickt. Er hat bei mir gewusst, was ich mache und mich angespornt und animiert. Und da wird nichts gemacht, die UCI steht dort und sagt: Bjarne Riis halt. Sonst wird, wenn etwas passiert, die Doping-Sau durch die Gassen getrieben und jeder darf draufschlagen.

LAOLA1: Und die „Rad-Mafia“ schaut zu und reibt sich die Hände?

Jaksche: Riis und all die anderen Typen stehen da, mit Blut an den Händen, und sagen: Wir kommen als Mörder nicht in Betracht. Und während sie das sagen, rinnt an der Innenseite ihrer Hände noch das Blut ihrer Opfer runter. Und die UCI als Polizei sagt: Wir glauben euch, macht weiter.

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