Katars Gigantismus auf der Spur

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"Für den Kampf gegen Doping gibt es die WADA. Doch in Sicherheitsfragen fehlte diese weltweite Klammer im Sport bislang."

So umreißt Heinz Palme den Aufgabenbereich des International Centre for Sports Security (ICSS), für das er als Vize-Generaldirektor tätig ist und seit 2011 in deren Sitz in Doha arbeitet und lebt.

Davor war der 56-jährige Österreicher unter anderem Chef-Koordinator des Organisationskomitees der FIFA WM 2006 oder Chefkoordinator der Österreichischen Bundesregierung bei der Heim-EURO 2008.

Im Interview mit LAOLA1 gibt Palme einen kleinen Einblick in das arabische Gemüt und erklärt, warum in Katar Hallen und Stadien gebaut werden, die eigentlich keiner braucht.

LAOLA1: Herr Palme, ist es richtig, dass ihre Firma in ihrer Ausrichtung weltweit einzigartig ist?

Heinz Palme: In unserer genauen Ausprägung, ja. Mit der Idee, das weltweit zu vernetzen und die Bereiche Safety und Integrity abzudecken. Und darüber hinaus eine Message insgesamt zu verbreiten, über die Bedeutung von Sport und Sicherheit. Das hat es bisher noch nicht gegeben.

LAOLA1: Wurde Ihre Firma für die Handball-WM engagiert?

Palme: Nein, wir wurden aber bei der Planung der Hallen Lusail und Al-Sadd miteinbezogen. Laut dem Generalsekretär des Olymischen Komitees von Katar, das außer dem Fußball den gesamten katarischen Sport trägt, sollen wir jedoch die Organisation für die vielen kommenden Events in Katar betreuen. Die Handball-WM dürfte aufgrund der geringen Zuschauer-Massen für den Veranstalter auch kein großes Risiko-Potenzial dargestellt haben.

LAOLA1: Insofern muss es für Sie erfreulich sein, dass in den kommenden Jahren laufend Großereignisse in Katar stattfinden?

Palme: Absolut, das ist ein wichtiges Thema, kann aber nur ein Teil sein. Schließlich ist unsere Ausrichtung international.

LAOLA1: Welche internationalen Aufträge wurden an Land gezogen?

Palme: 2012 haben wir den Aufbau des Organisationskomitees für die FIFA WM 2018 in Russland übernommen. Es folgte die Eishockey-WM 2012 in Finnland und Schweden. Dort waren wir für Risiko-Management und Krisen-Kommunikation zuständig. Weiter ging es mit dem FIFA Confederations Cup. Um nur einige zu nennen. Jetzt gerade sind wir dabei, das Sicherheits-Design für die Stadien der WM 2022 zu erstellen.

LAOLA1: Aufgrund der Vielzahl an Sportveranstaltungen, die in Katar stattfinden werden, ist die Rede von der "Sport-Welthauptstadt Doha". Wie würden sie einem Österreicher diese mit drei Worten beschreiben?

Palme: Zuerst einmal orientalisch. Kulturell ist es einfach anders als in Europa. Dann als klimatisch sehr angenehm.

LAOLA1: Ist das unter Anführungszeichen zu setzen? Denn im Sommer hat es schließlich an die 50 Grad…

Palme: Von Sommer spreche ich da auch nicht, weil ich nicht davon ausgehe, dass irgendjemand auf die Idee kommt, im Sommer hierher zu fahren. Außer es gibt kein anderes Termingefüge für die WM. Aber acht, neun Monate pro Jahr ist das Klima perfekt. Und als drittes würde ich sagen: Anders. Anders als in Europa. Auf die Sportfans wartet eine sensationelle Infrastruktur…

LAOLA1: …die zumindest teilweise überproportioniert ist, wie man an den halbleeren Hallen der Handball-WM sieht. Wie soll eine 15.000er-Halle wie Lusail in Katar jemals gefüllt werden?

Palme: Das ist natürlich die große Schwierigkeit. Man baut nach internationalen Standards. Der internationale Handball-Verband verlangt 15.000, dann wird eine 15.000er-Halle gebaut. Die FIFA verlangt mindestens 40.000, 60.000 und 70.000, dann muss man eben für 40.000, 60.000 und 70.000 Zuschauer bauen. Dafür fehlen weltweit noch die Modularien.

Mitten im Nirgendwo: Die Lusail Multipurpose Hall fasst über 15.000 Zuschauer

LAOLA1: Es heißt, der Emir will die Großereignisse nach Katar holen, um unter anderem das Volk selbst für den Sport zu gewinnen. Welche Sportarten betreibt der Katari?

Palme: Im Querschnitt wenig bis gar keinen. Ein bisschen Fußball und Leichtathletik. Aber das ist ein sehr geringer Teil. Sport ist überwiegend zum Konsumieren da. Deshalb wurde begonnen, Bewegung bei den Kindern anzuregen. Seit acht Jahren gibt es dazu Olympic Programms an den Schulen. Für die Top-Sportler wurde die Aspire Academy geschaffen.

LAOLA1: Berichte über die schlechten Arbeitsbedingungen haben in den internationalen Medien ein schlechtes Bild von Katar gezeichnet. Stimmen diese Meldungen oder sind sie überzeichnet?

Palme: Vieles aus diesen Berichten hat sich bestätigt, wobei mittlerweile etwas Ruhe in die Diskussion eingekehrt ist. Ich denke, dass es sich große internationale Firmen ab sofort nicht mehr leisten können, in dieser Hinsicht etwas Negatives aufs Tapet zu bringen. Es müssen annehmbare Arbeitsbedingungen geschaffen werden, die freilich nicht gleich sein können, wie jene in Österreich oder der Schweiz. In Mitteleuropa sind die Standards nun mal andere. In Katar muss man das nach unten nivellieren, aber dennoch ein annehmbares Maß finden. Wahrscheinlich bringt die WM die große Chance auf Veränderungen. Denn ohne so eine Großveranstaltung würde niemand darauf aufmerksam werden.

LAOLA1: Führen solche öffentliche Diskussionen auch tatsächlich zu Veränderungen? Hat sich beispielsweise in China nach den Olympischen Spielen 2008 etwas getan?

Palme: In China kann ich es mir nicht vorstellen, hier jedoch schon, weil der arabische Raum insgesamt - und die Kataris ganz speziell - schon den Druck spüren und in gewisser Hinsicht leiden. Sie merken, dass sie im Kreuzfeuer der Kritik stehen. Die jungen Kataris wurden in England, Frankreich oder den USA auf den besten Universitäten ausgebildet. Deren Gedankengänge sind anders.

LAOLA1: Modularien?

Palme: Dass man beispielweise ein Stadion hinstellt, welches schnell wieder weggeschoben werden kann. Diese Konzepte, wie sie etwa die Firma Nüssli anbietet, gibt es zum Teil schon, aber sie greifen noch nicht. In Düsseldorf wurde beispielsweise für nur vier Monate ein 20.000er-Stadion hin- und danach wieder abgebaut. Da diese Konzepte aber noch nicht greifen, bleibt es dabei, dass nun mal jeder Veranstalter dazu gezwungen ist, das zu bauen, was der Weltverband vorschreibt. Da sind dann halt die arabischen Länder die ersten, die "Hier!" schreien. Die auch gar nicht daran denken, die Vorgaben nicht zu erfüllen. In Österreich würde man viel eher darüber nachdenken, ob man das wirklich braucht. So wie es etwa bei der EURO 2008 war. Dort fragte man sich auch: Wie kann man das möglichst elegant lösen? Aber im arabischen Raum denkt man nur groß. Ob das Sinn macht oder nicht, sei dahin gestellt.

LAOLA1: Also frei nach dem Motto: "Wer hat, der kann."

Palme: Ja. "Katar deserves the best", wird hier selbst beim Straßenbau plakatiert.

LAOLA1: Schwingt hier der Stolz des Emirs durch?

Palme: Nein, das ist einfach die arabische Mentalität. Das hat nichts mit dem Emir von Katar oder dem King of Saudi zu tun. Das ist vielleicht vergleichbar mit früheren Tempelbauten. Beppo Mauhart hat immer gesagt: Hätte die katholische Kirche früher so gedacht, hätten wir keine Kathedralen, denn für den Gottesdienst hätte es die Dorfkirche auch getan. Das passiert eben, wenn man Außergewöhnliches schaffen will. Aber es stimmt, dass es aus rationaler Sicht keinen Sinn macht, in Katar eine 15.000er-Halle hinzustellen, die nicht gefüllt werden kann.

LAOLA1: Ist Doha in gewisser Hinsicht das Gegenteil von Wien? Während bei uns das Bedürfnis nach besserer Sport-Infrastruktur besteht, uns aber die Mittel fehlen, hat Doha zwar das notwendige Geld, aber nicht das Bedürfnis vonseiten der Bevölkerung.

Palme: Katar steckt in seiner geschichtlichen Entwicklung noch in einem ganz anderen Stadium. In Österreich ist man fest eingebettet in Gesetze, Umweltauflagen, Mitbestimmungsrechte etc., denen man in einer pluralistischen Gesellschaft nun mal unterliegt. In Katar ist das noch bei weitem nicht so ausgeprägt. So gesehen ist Österreich um hunderte Jahre weiterentwickelt.

Auch die hypermoderne Duhail-Arena (5.500 Plätze) ist Handball-Spielort

LAOLA1: Wobei hier wahrscheinlich auch die wesentlich geringere Größe Katars im Vergleich zu China eine Rolle spielt.

Palme: Der Schmerz greift hier direkter. Wenn du in China mit der Nadel hineinstichst, tut es dem großen Ganzen nicht so weh wie es bei Katar der Fall ist.

LAOLA1: Wer aus Ihrer Sicht ist nun schuld an den teils schlechten Arbeitsbedingungen der Menschen? Sind es die Firmen, die ihrer sozialen Verantwortung nicht nachkommen, oder ist es doch die Regierung, die nicht für die notwendigen Rahmenbedingungen sorgt?

Palme: Letztlich sind beide dafür verantwortlich. Wenn wir von Schuld sprechen, ist dies immer mit einem Fragezeichen zu versehen, da es sich hierbei um ein historisch gewachsenes System handelt. Man darf nicht vergessen, dass Katar als einer der größten Arbeitgeber im arabischen Raum für externe Arbeitskräfte gilt und Menschen aus Ländern holt, wo Not und Elend herrschen. Mit dem Geld, das sie hier verdienen, ernähren sie ihre Familien zuhause.

LAOLA1: Wer bringt diese Menschen nach Katar?

Palme: Darauf spezialisierte Agenturen. Diese sind eigentlich der Ausgangspunkt des negativen Kreislaufs. Weil sie geben zuerst Versprechen ab, lassen die Leute unterschreiben und karren sie dann hierher.

LAOLA1: Würden Sie Olympische Spiele an Katar vergeben?

Palme: (lächelt) Winterspiele auf alle Fälle nicht, aber Sommerspiele kann ich mir vorstellen, da Doha alles mitbringt, was von einem Veranstalter verlangt wird.

Das Interview führte Reinhold Pühringer

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