Tägliche Turnstunde ist nur ein erster Schritt

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Spätestens seit den Olympischen Spielen in London ist klar, so kann es nicht weitergehen.

Die Ärmel hochkrempeln, anpacken. Um den Niedergang des heimischen Sports und der einhergehenden Verfettung am Schnitzel-Äquator Einhalt zu bieten, macht nun die Bundessport-Organisation (BSO) mobil.

Am Freitag fiel der Startschuss zur Unterschriften-Aktion für eine „Tägliche Turnstunde“ an Österreichs Schulen. Ein Zeichen, das Signalwirkung haben soll. Für eine echte Trendwende würde dieser Schritt aber noch lange nicht reichen, glaubt zumindest Bildungsexpertin Heidi Schrodt.

„Ich bin absolut dafür, dass wir mehr Turnstunden haben, aber einfach nur zu sagen, eine Stunde täglich, das ändert nicht viel. Zumal bis dorthin noch ein weiter Weg ist“, erklärt die 62-Jährige im Gespräch mit LAOLA1.

Die Infrastruktur fehlt

Die langjährige Direktorin der AHS Rahlgasse in Wien kennt die Problematik im Schulalltag aus dem Effeff: „Für die tägliche Turnstunde sollten zunächst einmal die notwendigen Räumlichkeiten geschaffen werden. Meine ehemalige Schule hatte nicht einmal einen Pausenhof. Zum Turnen mussten wir sogar in andere Schulen gehen.“

Für die Trägerin des Wiener Frauenpreises 2005 gehe es auch gar nicht so sehr darum, den Sport in die Form des Turn-Unterrichts zu pressen. „Meines Erachtens sollte täglich eine Stunde Bewegung das Ziel sein. Das braucht aber Ganztagsschulen mit dementsprechender Infrastruktur.“

Zwar wird dieses Schulmodell bereits teilweise umgesetzt, doch die vorherrschende Form sind nach wie vor Halbtags-Einrichtungen. „Dort noch die eine oder andere Turnstunde auf das Kontingent draufzusetzen, wäre zwar verkraftbar, nur würden die Stundenpläne dadurch noch dichter. Die tägliche Turnstunde könnte für die Kinder zum Stress werden.“

In den Ganztagsschulen sind aufgrund der gesetzlichen Vorgaben auch nicht mehr Turnstunden vorgesehen, „aber dort gibt es viel mehr Möglichkeiten in der Freizeit“, weiß Schrodt, die zum Thema Bildung zahlreiche Publikationen veröffentlicht hat.

Messen ist nicht immer gut

In Bildungsfragen genießt die PISA-Studie eine sehr große und vor allem mediale Bedeutung. Im Vergleich der Schulleistungen der OECD-Staaten werden zwar Lesefähigkeit sowie Kenntnisse in Mathematik und Naturwissenschaften abgefragt, jedoch keine sportlichen Fähigkeiten überprüft, da diese aus Sicht der OECD nicht berufsrelevant sind.

Würde die österreichische Politik engagierter agieren, wenn Österreich in einem PISA-Sportvergleich hinterherhinken würde?

Eine Herangehensweise, von der Schrodt nicht viel hält: „Ich bin ehrlich gesagt froh darüber, dass nicht alles gemessen wird. Ich finde es schon okay, dass geschaut wird, ob den Kindern lesen, rechnen und schreiben beigebracht wird – auch wenn das ein wenig vereinfacht ausgedrückt ist. Aber wenn wir jetzt alle Fächer überprüfen, wird sich das auch auf den Unterricht auswirken. Zudem glaube ich, dass das am Problem selbst nichts ändern wird.“

Ein erster kleiner Schritt

Für Schrodt zeichnet sich vielmehr ein generelles Stellenwert-Problem ab.

„In Ländern wie etwa England, USA oder China hat Sport ein viel höheres Standing. Wenn jemand in Mathematik, Englisch oder Latein schwach, aber ein guter Sportler ist, dann gilt so jemand bei uns nicht als talentiert. In den anderen Ländern allerdings schon“, erklärt sie, warum die tägliche Turnstunde alleine das Problem letzten Endes nicht lösen wird.

Bleibt zu hoffen, dass sie zumindest ein erster kleiner Schritt ist, diesen Stellenwert zu ändern.

Insofern die tägliche Turnstunde tatsächlich umgesetzt wird.

Reinhold Pühringer

 

Gib deine Stimme für die tägliche Turnstunde unter www.turnstunde.at ab!

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