So schlimm steht es um unsere Jugend

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Dick, unsportlich, krankheitsanfällig.

Unsere Kinder zeigen uns auf erschreckende Art und Weise die Schattenseite der Wohlstandsgesellschaft. Die Folgen für Österreichs Sport sind verheerend.

Trainer und Funktionäre klagen immer häufiger über zu wenige und bewegungsunerfahrene Anfänger.

Der wahre Schrecken

Doch wie schlimm ist es um unsere Schüler tatsächlich bestellt? Hat sich unser Nachwuchs in den letzten Jahrzehnten um so viel zum schlechteren entwickelt?

„Nein“, sagt Doktor Susanne Ring-Dimitriou, Professorin an der Universität für Sportwissenschaften in Salzburg.

Die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Sportwissenschaft ist mit Studien zu dieser Thematik bestens vertraut. Im großen LAOLA1-Interview klärt sie mit Mythen auf und erklärt, was wirklich erschreckend ist:

 

LAOLA1: Die allgemeine Meinung lautet, dass die sportliche Leistungsfähigkeit von Österreichs Schülern abnimmt. Wie ist Ihre Einschätzung?

Susanne Ring-Dimitriou: Aufgrund einer Studie, die meine Salzburger Kollegin Frau Doktor Fastenbauer durchgeführt hat, lässt sich festhalten, dass sich die sportliche Leistungsfähigkeit nicht wesentlich verändert hat. Das heißt, die Meinung, die sportliche Leistungsfähigkeit habe sich eklatant verschlechtert, stimmt so nicht. Das Problem ist, dass wir keine echten Längsschnittstudien haben, international sind diese sehr rar. Was wir haben, ist eine sogenannte Quasi-Längsschnittstudie, wo über 40.000 Schüler zwischen 11 und 15 Jahren in den Jahren 1996 bis 2007 verglichen wurden. In Bereichen wie etwa Schnelligkeit, Kraft, Koordination oder Ausdauer wurde eine Stagnation bzw. eine marginale Abnahme festgestellt.

LAOLA1: Konkret bedeutet das?

Ring-Dimitriou: Die Schnelligkeitsleistung hat zwischen 3 und 5 Prozent abgenommen. Das entspricht etwa 0,2 Sekunden auf 20 Metern. Ähnlich ist es beim Standweitsprung, wo wir einen Rückgang von 5 Prozent verbuchen. Bei den Klimmzügen verzeichnen wir sogar einen leichten Anstieg der Leistungen. Ausdauer auch etwa fünf Prozent Rückgang.

LAOLA1: Das klingt nicht allzu alarmierend. Wo hakt es dann?

Ring-Dimitriou: Der Fokus der gesellschaftlichen Diskussion sollte meine Erachtens weniger auf dem Rückgang der Leistungen liegen, sondern vielmehr wie es insgesamt um die sportliche Leistungsfähigkeit bestellt ist. Insbesondere bei den Mädchen ist in einigen motorischen Bereichen zwischen 11. und 15. Lebensjahr beim Rohwert der Leistung sogar ein Rückgang zu verzeichnen. Das heißt, wenn die Mädchen älter werden, verringert sich ihre Leistungsfähigkeit sogar, obwohl eigentlich anzunehmen wäre, dass diese aufgrund des Wachstums zumindest stagnieren sollte. Bei den Jungs, wo das Muskelwachstum hinzukommt, wäre an und für sich davon auszugehen, dass die Leistung stark ansteigen würde, was bei einigen untersuchten Elementen auch zutrifft. Insgesamt ist die Zunahme allerdings nicht sehr bedeutsam. Es lässt sich deshalb festhalten, dass bei Mädchen zwischen 11 und 15 die motorische Leistung stagniert und bei Burschen nur marginal steigt. Diese Ergebnisse ziehen sich durch alle bisherigen Untersuchungen. Das sollte uns eigentlich viel mehr Sorge machen.

Professor Ring-Dimitriou sagt, was Sache ist

LAOLA1: Überspitzt formuliert bedeutet das, dass bei unseren Kindern zwischen 11 und 15 Jahren keine sportliche Leistungssteigerung stattfindet?

Ring-Dimitriou: Überspitzt formuliert – ja.

LAOLA1: Wie ist es zu erklären, dass sich die sportliche Leistungsfähigkeit unser Schüler zwischen 1996 und 2007 kaum verändert hat?

Ring-Dimitriou: Dies liegt daran, dass die entscheidende Entwicklung hierfür bereits in den 70er-Jahren passiert ist. Seither verschlafen wir etwas. Das Produkt dieser Entwicklung sehen wir jetzt.

LAOLA1: Welche Bedeutung kommt dem Altersbereich zwischen 11 bis 15 Jahren in der sportlichen Entwicklung bei?

Ring-Dimitriou: In dieser Phase setzt vorwiegend ein Breitenwachstum ein. Bei den Burschen in Form von Muskeln, bei den Mädchen kommt es zu einer Zunahme des Unterhaut-Fettgewebes. Aufgrund dieser körperlichen Veränderungen ist das in Bezug auf den Leistungssport eine sehr heikle Phase. Meistens kommt es hier zu einer Veränderung der sportlichen Technik. Für unsportliche Schüler bedeutet dies aber keinesfalls, dass sie in diesem Alter nicht auch Sportarten erlernen können. Für die Entwicklung der Fitness spielt diese Phase keine Rolle. 11-bis-15-Jährige sind sehr gut trainierbar, weil die Organsysteme bereits sehr gut ausgebildet sind und die hormonelle Entwicklung voranschreitet.

LAOLA1: Warum stagnieren unsere Kinder in dieser Phase?

Ring-Dimitriou: Die Gründe liegen vor allem in der Bewegungsförderung. Das Problem beginnt schon viel früher, nur in diesem Altersbereich wird es schließlich sichtbar. Wissenschaftler fordern seit jeher die tägliche Stunde Bewegung und Sport, die wir nach wie vor nicht haben. Alle Befunde - sowohl national als auch international - weisen darauf hin, wie wichtig diese wäre, um auch gegen diverse Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen vorbeugen zu können. Gleiches gilt für Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit; Anm.). Die Kinder müssten sich eine Stunde pro Tag moderat bis anstrengend, das heißt, sie müssen außer Atem kommen, bewegen, um hier adäquat vorbeugen zu können. In Österreich erfüllen diese Vorgabe nur 20 Prozent der Elf-Jährigen. Bei den 15-Jährigen sind es überhaupt nur noch zehn Prozent.

LAOLA1: Ist da die Bildungspolitik gefordert?

Ring-Dimitriou: Sowohl die Bildungspolitik als auch die Gesundheitspolitik. Es geht um verschiedene Aspekte. Das eine ist: Wie bringen wir mehr Bewegung und Sport in die Schule? Das zweite ist: Wie bauen wir unsere Umwelt, dass sie zu mehr körperlicher Aktivität einlädt? Stichwort: Rolltreppen und Stiegensteigen oder Radwege. Ebenfalls gefragt sind die Vereine, die teilweise schon sehr gute Arbeit leisten. Aber diesbezüglich geht es um die Frage, wie bringen wir die Vorschulkinder in die Vereine. Das ist letztendlich eine Aufgabe des Sports. Alles in allem sind die Bildungspolitik, die Gesundheitspolitik und der Sport gefordert. Es kann nicht nur eine Gruppierung alleine verantwortlich sein. Es braucht eine konzipierte Vorgehensweise, von der ich weiß, dass sie in Arbeit ist. Optionen sind neben den Vereinen auch die Schule aber auch lose Gruppierungen in der Jugendarbeit. Dort geht es beispielsweise darum, Jugendlichen mehr Bewegungsräume zu geben, wie etwa die Errichtung von Skater-Parks.

LAOLA1: Sie haben bereits das Themas Übergewicht angeschnitten. Wie ist es diesbezüglich um unsere Schüler bestellt?

Ring-Dimitriou: Weltweit gilt, von 6 bis 14 Jahren haben wir einen Anstieg im Übergewicht und bei Adipositas. Im Alter der 11- bis 14-Jährigen gibt es allerdings Hinweise, dass hier die Zahlen in den abgelaufenen fünf bis zehn Jahren stagnieren. Auch unsere Studien ergaben, dass in etwa 10 Prozent der Schüler dieser Altersgruppe Übergewicht und etwa sechs Adipositas haben. Das stimmt mit jenen Ergebnissen des österreichweiten Adipositas-Berichts von 2006 überein. Repräsentative Daten zu Vor- oder Volksschulkindern gibt es bislang nicht. Es gibt nur Studien, die zeigen, dass wir vor allem bei den 5-Jährigen sehr hohe Zuwachsraten bei Übergewicht und Adipositas haben. Ähnlich wie bei 11- bis 14-Jährigen sollen wir auch dort schon 10 Prozent übergewichtige und sechs Prozent adipöse Kinder haben. Dieser Anstieg bei den 5-Jährigen ist ein internationaler Trend.

LAOLA1: Sie haben auf dem Gebiet Übergewicht und Sport geforscht. Welche Zusammenhänge lassen sich festmachen?

Ring-Dimitriou: Die wichtigste Erkenntnis: Übergewichtige erbringen zum Teil ähnlich gute Leistungen wie normalgewichtige Kinder. Ein Abfall erfolgt logischerweise bei adipösen Kindern. Der Einfluss des Übergewichts auf die Leistungen hängt vor allem von der Testform ab. Mir ist vor allem wichtig zu betonen, dass auch Adipöse jegliche Übungsform meistern können. Wenn auch etwas langsamer. Ist eine Übung etwas schwieriger, dann ist sie das sowohl für Normalgewichtige, als auch für Fettleibige. Aussagen wie - „Der kann das nicht, weil er so dick ist“ - stimmen demnach nicht.

Das Interview führte Reinhold Pühringer

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