"Es krankt im Spitzensport"

Aufmacherbild
 

Seppelt: "Den Leuten wird Sand in die Augen gestreut"

Aufmacherbild
 

Der Kampf um Siege, die Hoffnung auf Ruhm, der Wunsch nach Anerkennung und nicht zuletzt das Streben nach Reichtum.

Die Anreize, sich mithilfe des Sports gesellschaftlich zu etablieren, sind vielfältig. Damit einher geht allerdings auch die Gefahr, sich aufgrund des Drucks - von außen und von sich selbst ausgehend  - unlauterer Mittel zu bedienen.

Doping-Themenwoche

Die wohl häufigste Form des Betrugs entsteht durch Doping. Dieser unschöne Teil des Sports nimmt eine immer größer werdende Rolle ein, um die man im Sportjournalismus nicht herumkommt.

Da diese Problematik viele Missverständnise und Vorurteil hervorruft, wollen wir in der LAOLA1-Themenwoche einen umfassenden Überblick über die Rolle des Dopings im Spitzensport geben.

Dabei kommen Experten ebenso zu Wort wie (Ex-)Sportler und Kontrolleure. Wir zeigen auf, wie gegen Doping vorgegangen wird und welche ToDos ein Athlet zu befolgen hat, um vorschriftsmäßig zu handeln.

Ein wesentlicher Bestandteil soll auch der Rolle des Fußballs zukommen. Stimmen Aussagen, wonach Doping in dieser Sportart nichts bringen würde? Was lehrt uns die Vergangenheit? Und wer wurde bereits erwischt?

Seppelt im Experten-Talk

Den Anfang macht Hajo Seppelt, einer der renommiertesten Doping-Experten Europas. Der gebürtige Berliner arbeitet für die ARD in Radio und Fernsehen und stand uns für ein ausführliches Interview zur Verfügung.

Darin erklärt Seppelt, der aufgrund seiner Reportagen und Dokumentationen zahlreiche Auszeichnungen erhielt, warum Lance Armstrong für ihn der "glasklarste Dopingfall des letzten Jahrzehnts" ist und im Radsport dennoch weiter ein "Hauch von Leben" steckt.

Desweiteren spricht er über die Cash-Cow Fußball, die Rolle der Medien und die schwierige Dopingbekämpfung in den US-Kernsportarten.

LAOLA1: Herr Seppelt, Lance Armstrong ist beim Thema Doping derzeit omnipräsent. Dem US-Amerikaner wurden alle Tour-Siege aberkannt. Die einzig logische Konsequenz?

Weitere Infos unter www.hajoseppelt.de

Hajo Seppelt: Die einzig logische und richtige, aber auch eine zu spät kommende Konsequenz. Die Untersuchungen hätte man viel früher einleiten müssen. Die UCI hätte das selbst machen können, wenn sie denn gewollt hätte. So hat sie dem Dopingtreiben über Jahre hinweg tatenlos zugesehen. Es wäre ungerecht, zu behaupten, dass sie in den Dopingkontrollen der letzten Jahre nicht erhebliche Fortschritte gemacht hat – hier ist sie besser als so manch anderer internationaler Fachverband - was allerdings die Aufarbeitung der Vergangenheit betrifft, waren den Verantwortlichen eigene Publicity- und Marketing-Interessen wichtiger. So gewinnt man den Eindruck, dass einiges vertuscht wurde.

LAOLA1: Der Texaner hat trotz allem noch zahlreiche Anhänger, die sich darauf berufen, ihr Idol wäre im Rahmen einer Dopingprobe nie überführt worden. Ein zulässiges Argument?

Seppelt: Ein völlig sinnloses Argument, mit dem den Leuten Sand in die Augen gestreut wird. Dopingkontrollen decken nur einen gewissen Teil von Dopingsubstanzen ab. Es ist hinlänglich bekannt, dass eine Reihe von Substanzen gar nicht oder nur sehr schwer nachweisbar sind. Aus den Unterlagen der USADA geht deutlich hervor, dass jene Substanzen zum Einsatz kamen, bei denen die Dopingfahnder zum damaligen Zeitpunkt wenig oder gar keine Möglichkeit hatten, sie nachzuweisen.

LAOLA1: Für Sie ist Armstrong demnach glasklar als Doper überführt?

Seppelt: Das ist der glasklarste Dopingfall des letzten Jahrzehnts.

LAOLA1: UCI-Präsident Pat McQuaid meinte, man müsse den US-Amerikaner vergessen. Ist das nicht das falsche Signal? Müsste sich nicht gerade der Weltverband intensiver mit der Causa auseinandersetzen?

Seppelt: Nur, wer die Vergangenheit aufarbeitet und die korrekten Schlüsse daraus zieht, kann auch in der Zukunft verantwortungsvoll handeln. McQuaid, Hein Verbruggen und Co. sollten aus der Verbandsführung entfernt werden., da sie offenbar genau das Gegenteil wollen. Bei Verbruggen wäre es die Ehrenmitgliedschaft, er führt ja kein aktives Amt mehr aus.

LAOLA1: Die UCI steht seit Jahren in der Kritik. Woran krankt es in diesem Verband? Was muss geändert werden?

Seppelt: Es krankt nicht nur in diesem Verband, sondern grundsätzlich im Spitzensport. Die UCI ist aus meiner Sicht lediglich ein krasses Beispiel. Verbände stehen immer im Konflikt, ihren Sport promoten zu wollen mit neuen, spektakulären Events. Dabei wird immer mehr an der Marketingschraube gedreht. Das Geld soll sprudeln wie aus Dukaten-Eseln. Das ist schwer vereinbar mit der Tatsache, dass es den Marketingwert schwächt, wenn man über Doping spricht. Dem organisierten Sport kann es nur darum gehen, nicht das Dopingproblem als solches vom Tisch zu kriegen,  sondern dass in der Öffentlichkeit möglichst nicht über Doping geredet wird. Das wiederum ist zerstörerisch für den Sport. Wenn man das Beispiel Radsport hernimmt: Es ist erstaunlich, dass ein vergleichsweise großer Chor des Entsetzens bei den Fahrern nach den Enthüllungen der Causa Armstrong erneut ausgeblieben ist.

LAOLA1: Sehen Sie das liebe Geld als Wurzel allen Übels?

Seppelt: Nicht alleine. Das Geld und alle damit einhergehenden Versuchungen sind aber das Hauptübel.

LAOLA1: Welche Handlungen sind unabdingbar, um im Radsport eine glaubwürdigere Zukunft garantieren zu können?

Seppelt: Auswechseln des Personals. Unabhängigere Kontrollen. Von Sportorganisationen unabhängige Begutachtung von Dopingfällen. Dazu eine schärfere Kontrolle öffentlicher, staatlicher Institutionen, die den Spitzensport oftmals subventionieren. Es kann nicht sein, dass der Sport teilweise durch Steuergelder mitfinanziert wird und damit korrupte Systeme unterstützt werden.

LAOLA1: Die öffentlich-rechtlichen Sender haben nach all den Skandalen die Live-Berichterstattung der Tour de France eingestellt. Ist es nicht scheinheilig, nur eine Sportart aus dem Programm zu nehmen und gleichzeitig stundenlang von Leichtathletik-Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen zu berichten?

Seppelt: Da muss man wieder unterscheiden. Der Ausstieg aus dem Radsport hatte nicht nur damit zu tun, dass es ein Dopingproblem gibt, sondern damit, wie damit umgegangen wurde. Die Glaubwürdigkeit der Bekämpfung des Problems war ein kritisches Thema. Zudem muss man schon sagen, dass ein Doping-Problem in der Leichtathletik zwar allem Anschein nach auch vorhanden ist, dazu aber juristisch belegbare Beweise vorhanden sein müssen. Die haben wir beim Radsport inzwischen in einem viel größeren Maße als in der Leichtathletik der letzten Jahre – insbesondere was die mutmaßlich korrupte Komponente der Dopingbekämpfung seitens des Spitzenverbandes betrifft. Dennoch ist es sicher richtig, dass jede einzelne Sportart kritisch überprüft werden sollte und dabei vor allem die Anstrengungen gegen Doping. Allerdings darf es auch nicht sein, dass man Sportverbände damit bestraft, ihre Bewerbe nicht mehr zu übertragen, wenn sie reihenweise Doper aus dem Verkehr ziehen. Das ist schließlich das Ziel ehrlicher Dopingbekämpfung. Die Sportverbände sind damit in einer gewissen Zwickmühle. Die Anstrengungen der Verbände, wirkungsvoll gegen Korruption zu kämpfen, sollte man daher auch würdigen. Häufig ist aber nicht viel von diesen Bemühungen zu sehen.

LAOLA1: Das Gesetz der Omerta wird im Sport groß geschrieben. Verletzt man es einmal, ist die Karriere so gut wie vorbei. Kann der Fall Armstrong, in dem zahlreiche Stars auspackten, eine Vorbildwirkung haben, sodass sich dieses Szenario ändert?

Seppelt: Das ist eine vorübergehende Phase, denke ich. Es gibt zwar momentan tatsächlich eine Art Domino-Effekt. Ich prognostiziere allerdings, dass das schnell vorbeigehen und danach wieder nach dem alten Muster verfahren wird.  Die Aufarbeitung des Dopings ist deshalb für den organisierten Sport problematisch, da alle profitieren, wenn es undercover bleibt. Athleten, Ärzte, Trainer, Sportverbände durch bessere Leistungen. Die Sponsoren durch mehr Präsenz, die TV-Anstalten durch bessere Einschaltquoten. Es ist eine Win-Win-Situation für alle. Auch deshalb ist die Lage so fatal. Wer will groß darüber reden, wenn alle eigentlich ja Vorteile davon haben? Deswegen muss es glaubwürdige, unabhängige Kräfte geben. Diese müssen den Sport wieder vor allem als Kulturgut betrachten und deshalb ohne persönliche Interessen gegen die Seelenverkäufer vorgehen.

LAOLA1: Der Fußball gilt als schönste Nebensache der Welt. Glauben Sie, dass auch in dieser Sportart Doping verbreitet ist?

Seppelt: Ich glaube, dass es in den meisten Sportarten Doping gibt – so auch im Fußball. Man muss aber schon dazusagen, dass es sehr doping-affine Sportarten gibt, in denen Kraft und Ausdauer eine besonders große Bedeutung zukommt. Dort ist die Versuchung und Ausbreitung größer als in Sportarten, in denen andere Faktoren eine bedeutendere Rolle spielen. Im Fußball geht es um Technik, aber auch Kraft und Ausdauer haben wichtige Funktionen, er ist viel athletischer geworden. So halte ich es für schlicht unvorstellbar, dass das Dopingproblem einen großen Bogen um den Fußball gemacht hat. In der Tat wurde –bis auf wenige Ausnahmen – hier allerdings wenig in diese Richtung recherchiert.

LAOLA1: In den 90ern war EPO nicht nachweisbar. Inzwischen weiß man, dass ganze Sportarten sich diesen Umstand schamlos zunutze machten. Mit welchen Dopingpraktiken müssen wir uns in den nächsten Jahren auseinandersetzen?

Seppelt: Die Genmanipulation wird im Sport eine zunehmend größere Rolle spielen. Man wird zudem versuchen und versucht es auch schon, andere Substanzen zu finden, die eine ähnliche Wirkungsweise haben wie EPO, nur dass diese anders im Körper funktionieren. Zunehmend eine Rolle spielt auch, Faktoren im Körper auszuschalten, die die Ermüdung provozieren. Es gibt natürliche Vorgänge im Körper, die dazu führen, dass Muskelwachstum blockiert wird Diese Wachstumsblockaden kann man auch ausschalten. Das ist teilweise noch Zukunftsmusik – nicht wenige befürchten aber, dass sie längst Realität sind. Schwierigkeit dabei ist häufig, dass Dopinganalytiker nicht schnell genug hinterher kommen.

LAOLA1: 2008 war es der Fall, dass CERA überraschend nachweisbar war und dadurch zahlreiche Athleten, u.a. Stefan Schumacher Bernhard Kohl, als Doper enttarnt wurden. Damals wähnten sich die Jäger ganz nah an den Gejagten. Kann man den Vorsprung der Betrüger in etwa abschätzen?

Seppelt: Das kann man nicht abschätzen. Bei CERA reden wir von einem Mittel, nicht mehr. Als Vergleich mag vielleicht folgendes einleuchten: Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Apotheke. Dort gibt es 1.000 verschiedene Medikamente mit unzähligen verschiedenen Ingredenzien , Wirkungen, Nebenwirkungen und Abbauzeiten. 2008 war es bei einer Substanz, also CERA, so, dass sie nachweisbar war. Es sagt aber keiner, dass nicht auch andere Substanzen im Umlauf waren. Wie soll man also wissen, was die Analytiker hätten finden können und was nicht? Pauschal lässt sich daher nicht sagen, wie groß oder klein der Vorsprung der Doper vor den Dopingfahndern ist.  Bei CERA ist es in diesem einen Fall gelungen. Bei Wachstumshormon hat es mehr als ein Jahrzehnt gedauert, bis man eine einigermaßen funktionierende Nachweismethode etabliert hat. Dennoch würde ich insgesamt über die Jahre schon sagen, dass der Vorsprung der Betrüger ein wenig kleiner geworden ist. Weil die Analytik in manchen Bereichen bemerkenswerte Fortschritte machte.

LAOLA1: Abschließend eine persönliche Frage. Können Sie den Sport noch genießen, wenn Sie ihn live oder im TV verfolgen?

Seppelt: Ich verfolge dieses Entertainment-Spektakel sehr kritisch und glaube, dass hier Überdramatisierung und Event-Inszenierung im Spiel sind, die mit dem wahren Kern nichts zu tun haben. Wir erleben oft eine Oberfläche des Sports, die mit dem, was hinter den Kulissen passiert, kaum etwas zu tun hat. Ich betrachte den Sport sehr wohl als Kulturgut, aber das wird immer mehr auf dem Basar verhökert. Dieses Gut müssen wir daher viel besser schützen, das muss ein gesellschaftliches Anliegen sein. Auch zum Schutze der Sportler selbst. Dazu zählt auch, dass der Spitzensport stärker kontrolliert werden muss. Er hat sich längst vom Begriff Kulturgut gelöst. Mit Vorbildfunktion hat das nichts mehr zu tun, auch wenn der Begriff ständig von Sport-Lobbyisten missbraucht wird.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Christoph Nister

LAOLA1: Größen wie Jürgen Klopp oder Joachim Löw haben sich bezüglich des Themas zu Wort gemeldet und in der Vergangenheit davon gesprochen, Fußball würde im Doping wenig bis gar nichts bringen und sei daher auch nicht verbreitet. Klären Sie uns als Experte auf: Wie kann man im Fußball effizient dopen?

Seppelt: Indem man kraft- und ausdauerfördernde Mittel zu sich nimmt. Denkbar wäre hier EPO. Wir wissen beispielsweise von Juventus Turin in den 90er Jahren, dass dort EPO zum Einsatz gekommen ist. Bei dem einen oder anderen Fußballspiel kann man sich schon die Frage stellen, wie viel die Athleten plötzlich unterwegs sind. In diesem Ausmaß war das früher nicht zu sehen. Was heute höchst beweglicher Fußball ist, war früher Rasenschach.

LAOLA1: Der Fußball dient als Cash-Cow – auch bei den Medien. Müsste man nicht dennoch kritischer nachforschen?

Seppelt: Das sollte in jeder Sportart so sein, natürlich auch im Fußball. Ich finde es nicht gut, dass es bei Dopingkontrollen im Profifußball in Deutschland so ist, dass manche Kicker ihren Aufenthaltsort außerhalb des Trainings  nicht angeben müssen. Manche – wohlgemerkt. Hier sehe ich ein Ungleichgewicht zu anderen Sportarten. Hier merkt man aber, welchen Einfluss der Fußball hat. Mir fällt da der schöne Satz aus George Orwells „Animal Farm“ ein: . Alle Tiere sind gleich, nur die Schweine sind gleicher.

LAOLA1: Das Doping-Problem betrifft auch die US-Sportarten. Die USADA hat Armstrong so lange verfolgt, bis sie genug Beweise hatte. Im Football, Baseball oder Eishockey genießen die Sportler dagegen weitgehend Narrenfreiheit. Warum legt niemand Wert darauf, auch in diesen US-Kernsportarten Dopern ein Bein zu stellen?

Seppelt: Das Problem in den USA ist, dass olympische Sportarten nicht genauso behandelt werden wie diese Profisportarten, da sie eigene Verträge und Konstellationen haben. Das heißt, in den Profisportbetrieben Baseball, Basketball, Football und Eishockey kommt man nicht so ohne weiteres rein. Hier wurden nur Anfangsschritte unternommen, die Ligen haben auch erst unter Druck gewisse Zugeständnisse gemacht. Die USADA kann sich in diesen Bereichen – soweit ich das beobachtet habe – nicht so stark engagieren, selbst wenn sie das will.

LAOLA1: Ganz generell: Wo fängt für Sie Doping an? Als Stichworte dazu: Nahrungsergänzungs- und Schmerzmittel.

Seppelt: Die Überschreitung der Grenzlinie fängt für mich dann an, wenn ein Sportler versucht, mit künstlichen Mitteln die Leistung zu steigern oder Leistungsabfall zu bremsen. Das kann durch Nahrungsergänzungsmittel passieren, vor allem aber auch durch Schmerzmittel. Letztere führen dazu, dass Schmerzgrenzen verschoben werden. Dadurch sind Leistungen im Training und auch im Wettkampf möglich, die man sonst nicht erbringen könnte. Für mich ist das unter dem Strich klar Doping. Was Nahrungsergänzungsmittel betrifft: Auch das halte ich für fatal. Wenn man nicht in der Lage ist, mit normaler meinetwegen üppigerer Ernährung seinen zugegebenermaßen anstrengenden sportlichen Alltag zu bewältigen, muss man sich die Frage stellen, ob man etwas generell falsch macht. Nahrungsergänzungsmittel sind letztendlich auch wieder nur Kompensation. Früher ging es auch ohne, daher frage ich mich, ob sie nötig sind. Es ist nur so: Wenn es einer macht, dann will es der andere auch machen. Sport ist Business, Sport ist Konkurrenz, Sport ist Geschäft. Nahrungsergänzungsmittel sind aber meist der Eintritt in einen Bereich, in der die Schwelle zum Doping vermutlich nicht selten irgendwann übertreten wird.

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen