Russische Doping-Enthüllungen und ihre Folgen

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„Du musst dopen, so läuft es in Russland.“

Eine klare und zugleich erschütternde Aussage, die Vitalyi Stepanov in die Kameras der ARD spricht.

Der ehemalige Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA und seine Frau, die wegen Dopings gesperrte 800m-Läuferin Yuliya Stepanova, geben in der am Mittwoch ausgestrahlten Dokumentation „Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht“ durch ihre Ausführungen und geheime Video- sowie Ton-Mitschnitte einen Einblick, wie systematisch Doping in Russland betrieben wird.

Der knapp 60-minütige Film schlägt Wellen. Verantwortliche Gremien befinden sich seither in Erklärungsnot. RUSADA-Boss Nikita Kamayev tut die Anschuldigungen ohne einer genaueren Prüfung vorsichtshalber gleich einmal als „außergewöhnlichen Blödsinn“ ab. Im Leichtathletik-Weltverband üben sich derweil Vize-Präsident Sebastian Coe und Co. in Fassungslosigkeit.

Der deutsche Sportsoziologe Helmut spricht in der "FAZ" von einem Problem, das sich keineswegs nur auf Russland beschränkt.

Nicht jeder ist überrascht

In Österreich fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Während beispielsweise NADA-Geschäftsführer Michael Cepic von den Anschuldigungen „definitiv überrascht“ ist, wird Willi Lilge alles andere als am falschen Fuß davon erwischt: „Schließlich haben wir den Werdegang einiger Sportler schon länger verfolgt.“

Der Leichtathletik-Coach, der sich hierzulande als Anti-Doping-Kämpfer einen Namen gemacht hat, weiß von eigenen Beobachtungen, dass bei manchen russischen Athleten manches ein wenig anders läuft.

„Als damals extra ein Kontrolleur aus Deutschland ins Trainingslager nach Portugal angereist ist, um Andrea Mayr zu testen, haben sich einige russische Athleten, die ebenfalls in unserem Hotel wohnten, vor Lachen auf die Schenkel geklopft.“ Offenbar da sie sicher waren, dass ihnen so etwas nicht passieren könnte.

Kaum Berührungspunkte

In der heimischen Anti-Doping-Agentur wollte man zumindest bis Mittwoch den Eindruck gehabt haben, dass bei ihren russischen Kollegen seriös gearbeitet werde. Zumal die 68 (!) aktuell gesperrten russischen Leichtathleten ein gewisses Engagement ja bestätigen.

Nach brancheninternen Informationen fragen wir Cepic vergeblich: „Da es zum jetzigen Zeitpunkt von offizieller Seite noch keine Informationen gibt, haben wir den gleichen Wissensstand wie alle anderen auch.“

Berührungspunkte zwischen NADA und RUSADA habe es in der Vergangenheit nur wenige gegeben. „Auch deshalb, weil nur wenige österreichische Sportler ihre Trainingszelte in Russland aufschlagen.“ Wenn dies doch der Fall ist, dann konnte die NADA die russische Partner-Organisation anweisen, eine Testung eines Athleten vorzunehmen.

Theoretisch und realpolitisch

Als nächster Schritt liegt für Cepic eine Überprüfung der Anschuldigungen durch unter anderem die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) auf der Hand. Disziplinarmaßnahmen gegenüber der RUSADA kann diese aber nicht einleiten.

„Konsequenzen können die veranstaltenden Verbände gegenüber den russischen Sportlern ergreifen“, verweist Lilge etwa auf Beispiele aus dem Gewichtheben oder dem Schwimmen, wo der jeweilige Weltverband nach mehreren Dopingfällen eine ganze Nationalmannschaft von Bewerben ausschließt. In der Leichtathletik gibt es dies nicht.

„Auch das IOC hätte die Möglichkeit, Russland mit dem Ausschluss von Olympischen Spielen zu sanktionieren. Aus realpolitischen Gründen wissen wir aber alle, dass das nicht passieren wird“, spielt Lilge auf Verflechtungen hinter den Kulissen an.

Von nationalem Interesse

Die Verflechtungen des russischen Sports mit der nationalen Politik hätten laut der Doku dazu geführt, dass in Russland letztlich Vieles nicht ans Tageslicht gekommen ist.

Eine Praxis, die aber freilich keine Erfindung aus dem Lande Vladimir Putins ist. Auch in Österreich beschäftigen sich seit 1998 diverse Medien-Berichte und parlamentarische Anfragen mit der ominösen Kiesl-Liste. Auf diesem Schriftstück, das neben Anabolika-Präparaten in Theresia Kiesls Wohnung gefunden wurde, sollen laut besagten Artikeln die Empfänger gestanden haben, welche Gatte Manfred beliefert hat. Noch heute sind einige Journalisten sowie Funktionäre der Meinung, dass damals eine Order aus dem Bundeskanzleramt gekommen ist, die Liste verschwinden zu lassen. Damit am Ende nicht das nationale Selbstvertrauen leidet, weil der eine oder andere Ski-Held darauf zu finden war. So heißt es zumindest.

Umgelegt auf die jetzige Situation wirft das die Frage auf, wie unabhängig die NADA heute ist. Ob in Österreich heute eine „angeordnete“ Verschleierung möglich sei.

Cepic glaubt nicht. „Durch das Anti-Doping-Bundesgesetz verfügen wir über eine gute Basis. Mit der Novelle mit 1. Jänner wird diese noch einmal untermauert.“

Keine Exklusivität

Nichtsdestoweniger verstärken die Enthüllungen in Russland die immer wieder aufkeimende Kritik unter Sportlern, dass man selbst für den Anti-Doping-Kampf zwar gerne Mühen in Kauf nimmt, international gesehen dann aber doch mit zweierlei Maß gemessen wird, weil woanders nicht mit dem gleichen Nachdruck kontrolliert wird.

Cepic versteht die Vorwürfe, darauf aber zu reagieren, mache aus seiner Sicht keinen Sinn:

„Der Sport ist kein exklusiver Lebensbereich. Auch in puncto Menschenrechte oder Umweltschutz gibt es beispielsweise Regionen auf der Welt, die nicht unsere Standards haben. Aber deswegen gehen wir jetzt auch nicht her und verändern unsere Auffassung von Menschenrechten. Darum bleibt uns im Anti-Doping-Kampf auch nichts anderes übrig, als die anderen Länder an diesen Standard heranzuziehen.“

Reinhold Pühringer

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