Crowdfunding: Österreich greift Schweizer Idee auf

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Wer bekommt zwei Tausender mehr, wer einen weniger?

Über das Sportförder-System ist viel gestritten und noch mehr lamentiert worden. Da man es bekanntermaßen nicht jedem rechtmachen kann, wird es höchste Zeit für einen neuen Vorstoß.

Genauer gesagt: Hilfe zur Selbsthilfe. Oder um es pathetischer auszudrücken: Jeder ist seines Glückes Schmied.

Das ÖOC ruft gemeinsam nun mit der Sporthilfe die Crowdfunding-Plattform „I believe in you“ ins Leben. Das dahinterstehende Prinzip ist, dass Einzelsportler oder Klubs Geld für Projekte sammeln können. Einreichen und spenden kann jeder.

„Sportler stoßen manchmal an ihre Grenzen. Dies Plattform soll helfen, diese hinauszuschieben“, erklärt ÖOC-Präsident Karl Stoss im Rahmen einer Pressekonferenz.

Wer hat’s erfunden?

Das Prinzip ist keine österreichische Erfindung. „I believe in you“ kommt aus der Schweiz. „Bei uns ist die Sportförderung nicht so gut wie in Österreich“, spricht Mitbegründer und Ex-Kanute Mike Kurt etwas aus, was hierzulande angesichts zweier Schweizer Olympia-Goldenen sowie -Silbernen in London 2012 zum Nachdenken anregt.

Die englische Metropole war auch der Geburtsort der Grundidee des Projekts. „Ich musste für meinen Sport 20 Jahre lang Geld sammeln“, berichtet Kurt, der in London seine Olympia-Träume ausgerechnet am Schweizer Nationalfeiertag wegen eines Paddelbruchs begraben musste.

Er und Degenfechter Fabian Kauter trieben den Gedanken, das Sammeln von Geld zu vereinfachen, schließlich entscheidend voran. „Das Prinzip des Crowdfundings gab es schon im Kunst- und Kultur-Bereich. Wir waren überzeugt, dass dies auch im Sport, der enorm von seinen Emotionen lebt, funktioniert.“

Und wie es funktioniert. Innerhalb eines Jahres konnten in der Schweiz 144 Projekte ausfinanziert und somit 580.000 Euro für den Sport gewonnen werden. „I believe in you“ ebnete einigen Athleten sogar den Weg bis in die internationale Spitze. Wie etwa Karim Hussein, der heuer in Zürich Europameister über 400m Hürden wurde. „Er hat seine EM-Vorbereitung über ein Projekt finanziert. Davor hatte ihn in der Schweiz niemand gekannt“, so Kurt.

Alles oder nichts

Die Schweizer glaubten unter anderem an Hürdenläufer Kariem Hussein

In Österreich geht die Plattform zum Auftakt mit 15 Projekten an den Start. Darunter beispielsweise die 13-jährige Gewichtheberin Sarah Fischer, die sich mit 5.000 Euro einen Trainer finanzieren will, oder das Beachvolleyball-Duo Lorenz Petutschnig/Tobias Winter, das knapp 14.000 Euro für ein Trainingslager in Rio de Janeiro sammelt.

Jedes dieser Projekte ist zeitlich begrenzt und läuft 50 oder 80 Tage lang. Gelingt eine Ausfinanzierung, ist es erfüllt. Gelingt es nicht, sieht der Sportler keinen Cent.

Dieses „Alles oder nichts“-Prinzip zieht seine ganz eigenen Mechanismen nach sich. „Wenn du als Sportler für etwas sammelst, dann verlierst du normalerweise mit Fortdauer an Motivation. Doch wenn du weißt, dass du gar nichts bekommst, wenn es sich nicht ausgeht, dann setzt du in den letzten Tagen noch einmal alle Hebel in Bewegung, um die vielleicht noch fehlenden 1.000 Euro zu organisieren“, erzählt Kurt aus Erfahrung.

Selbst den noch ausstehenden Betrag beizusteuern, um so zumindest an die bereits aufgestellte Summe zu kommen, ist dem Athleten gemäß den Allgemeinen Geschäfts-Bedingungen verboten. Generell sieht der Ablauf vor, dass die Konten der Spender erst nach Ausfinanzierung eines Projekts belastet werden.

Vordenker Mike Kurt

Privat-Sponsoring mit Sucht-Potenzial

Doch da nichts im Leben umsonst ist, müssen auch die Sportler eine Gegenleistung erbringen. „Dabei geht es darum, dass die Sportler Dinge anbieten, die man in der Regel nicht kaufen kann. Wie etwa besondere Geschenke oder Erlebnisse“, meint Kurt.

Nachwuchs-Mountainbikerin Nadja Haigel, die wegen eines Blechschadens für ein neues Wohnmobil für die Reisen zu den Rennen sammelt, bietet etwa für eine 100-Euro-Spende persönliche Tipps und Tricks zur Instandhaltung des Rads an.

Für 500 Euro bekommen Interessierte eine Rodel-Fahrt mit den Doppelsitzern Thomas Steu und Lorenz Koller durch den Eiskanal. Die Junioren benötigen 8.000 Euro für die Fein-Abstimmung, um jener Rennrodel Herr zu werden, welche die Lingers in Sotschi noch zu Olympischem Silber trug.

„Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Wir hatten beispielsweise schon einen Sportler, der ein Date mit sich anbot“, so Kurt weiter. Laut dem 34-Jährigen sei es wichtig, die emotionale Bindung zwischen Förderern und Athleten zu verstärken. Authentizität vonseiten der Sportler sei das Um und Auf. Die Plattform biete für den Spender somit eine Gelegenheit, an Erfolgen emotional stärker zu partizipieren. „Der Glückswert wird gesteigert“, prophezeit Sporthilfe-Chef Toni Schutti.

Laut Kurt haben sich in der relativ kurzen Laufzeit weitere positive Nebeneffekte eingestellt. „Einige Athleten haben durch ein Crowdfunding-Projekt zwei, drei Klein- und Mittelbetriebe als Sponsoren gewonnen.“

Direkt und persönlich

Vom Erfolg der Plattform in Österreich ist der ehemalige Kanu-Weltmeister überzeugt. „Ihr habt eine ähnliche Geber-Kultur wie die Schweiz“, schließt Kurt, der damit den Optimismus seiner Nebenredner teilt.

Eine willkommene Alternative für Österreichs Sportfans, jenen unter die Arme zu greifen, die bei öffentlichen Förderungen (noch) durch den Rost fallen. Und das ganz ohne zwischengeschaltener Gießkanne, Förderdschungel oder Institutions-Wildwuchs. Aber das ginge schon wieder in Richtung lamentieren…

Reinhold Pühringer

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