Den Finger in die Wunde legen

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Ein Analyse-Instrument namens Christoph Sieber

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Ein neues, schlankes Förder-Gremium soll Österreichs Sommersport wieder auf Vordermann bringen.

Mit Peter Schröcksnadel an der Spitze und drei Mitgliedern auf operativer Ebene. Dort scheint mit Christoph Sieber, dem Olympiasieger im Mistralsurfen von 2000, ein altbekanntes Gesicht auf.

„Nach meiner Goldenen habe ich ein halbes Jahr gearbeitet, den Erfolg umzusetzen. Das hat mir dann gereicht“, schildert der 42-Jährige, der die darauffolgenden beiden Jahre als Surfer dort verbrachte, wohin ihn gerade der Wind verschlug. „Hauptsächlich auf Hawaii.“

Er kehrte zurück nach Österreich und gründete eine Familie. „Dann habe ich versucht, mich als 49er-Segler für die Olympischen Spiele in Peking zu qualifizieren.“ Am Ende traten in dieser Bootsklasse aber Nico Delle Karth und Niko Resch die Reise nach China an, woraufhin Sieber ins Trainer-Geschäft wechselte.

Im LAOLA1-Interview spricht der gebürtige Oberösterreicher über seine neue Aufgabe, seine Qualifikationen dafür und Annäherungsversuchen von Funktionären:

LAOLA1: Christoph, wo ist die Haarpracht hingekommen?

Christoph Sieber: In die Nase und die Ohren. (lacht).

LAOLA1: Wie sind Sportministerium und ÖOC auf dich gekommen?

Sieber: 2009 habe ich als Trainer zu arbeiten begonnen. Zuerst bei den Amerikanern und in den vergangenen drei Jahren eben in Österreich. Hauptsächlich im Jugendbereich. Für mich hat sich aber abgezeichnet, dass ich etwas Neues machen möchte. Beim österreichischen Verband hat es keine Aufstiegschancen gegeben. Peter Mennel (ÖOC-Generalsekretär; Anm.) und ich haben dieses Projekt schon vor längerer Zeit angesprochen. Es war schon in unseren Köpfen, wurde aber durch den Vorstoß des alten Sportministers wieder verworfen. Für mich hat es aufgrund meiner Lebenssituation jetzt gut gepasst. Er hat mich am Vortag der Präsentation gefragt und ich konnte sofort „Ja“ sagen.

LAOLA1: Wie sieht dein genauer Aufgabenbereich aus?

Sieber: Es ist Fakt, dass ich noch zeigen muss, wie wir das konkret gestalten. Aber ich sehe unsere Aufgabe so, dass wir tiefgreifend Informationen sammeln und diese analysieren. Das soll im sehr persönlichen Umgang mit dem Athleten passieren. Wir werden versuchen, mit System bis hin zum Bauchgefühl -Empfehlungen zu geben, wo was sinnvoll ist. Es ist eine sehr komplexe Aufgabe, sich das anzuschauen, wo im Umfeld des jeweiligen Sportlers noch Verbesserungspotenzial steckt.

Christoph Sieber 49er an der Seite von Clemens Kruse

LAOLA1: Was qualifiziert dich für diese Aufgabe?

Sieber: Dass ich seit über 25 Jahren im Spitzensport unterwegs bin und es mein Leben war und noch immer ist. Ich habe verschiedenste Ausbildungen im Trainer- sowie Coachingbereich und wirklich alle Facetten des Sports erlebt. Ich war immer offen, bin viel gereist. Ich habe Kontakte und Netzwerke in der ganzen Welt, auch zur Informationssammlung, was nicht unwesentlich ist. Es ist eine Aufgabe, die spannend und herausfordernd ist, aber auch eine, bei der ich „Ja“ sagen konnte, weil ich glaube, ihr gewachsen zu sein.

LAOLA1: Im Endeffekt sind die 20 Millionen Euro, die in dieses Projekt fließen, Steuergeld. Ist diese Verantwortung eine, der man sich bewusst ist?

Sieber: Das ist ein Haufen Geld. Ich hätte mir gewünscht, dass es zu meiner Zeit solche Förderungen gegeben hätte. Aber es ist jetzt nichts, wo ich mir denke: Um Gotteswillen! Sicher bin ich mir sehr wohl der Verantwortung bewusst, aber Druck mache ich mir deswegen keinen. Ich bin ja auch nicht der, der die Entscheidungen trifft, dafür bin ich viel zu jung (schmunzelt). Entscheidungsträger sind andere. Ich sehe mich in der Arbeitsgruppe als Informationssammler und Analytiker, der dann Vorschläge unterbreitet. Peter Schröcksnadel ist einer, dem man mit Sicherheit nichts vormachen kann. Wenn ihm etwas Spanisch vorkommt, will er das falls notwendig auch zehn Mal übersetzt haben.

LAOLA1: Nach London war Schröcksnadel schon einmal im Gespräch. Damals hatte er sich aber noch ganz bewusst zurückgenommen, weil er damals meinte, dass Sommersport nicht seine Baustelle wäre. Kannst du dir vorstellen, dass mit dieser Personalie etwas nach vorne gebracht werden kann?

Sieber: Er ist ehrlich, geradeaus, am Boden geblieben. Das ist, was wir brauchen. Ob Sommer oder Winter – ich sehe da überhaupt keinen Konflikt. Das wäre das Gleiche, als würde man bei mir sagen, dass ich mich auch nur im Segeln auskenne. Aber die Prinzipien sind überall dieselben. Was wahr ist, ist wahr. Es gibt halt unterschiedliche Auslegungen, aber die Grundprinzipien des Erfolgreich-Seins sind gleich. Es muss nichts jetzt neu erfunden werden.

LAOLA1: Der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg hängt oftmals nur von kleinen Details ab. Um diese Infos zu bekommen, wirst du da die Sportler durch ihren Alltag begleiten? Oder wie darf man sich das konkret vorstellen?

Sieber: Es wird sehr wohl sein, dass ich zu Wettkämpfen fahre, um mir das vor Ort anzusehen. Es wird sehr wohl sein, dass ich mit einem Sportler auch einmal einen Tag verbringe, um zu sehen wie der tickt. Wir sind uns alle einig, dass es um Details geht. Zu diesen vorzudringen geht nicht so schnell. Diese kannst du nicht googeln und diese bekommst du auch nicht als erste Antwort.

LAOLA1: …um dann in weiterer Folge ein Konzept zu erstellen, wo der Hebel angesetzt werden soll.

Sieber: Klar, ich kann ja nicht aus dem Kennenlernen oder aus dem Bauch heraus eine Empfehlung geben. Da kommen wir rasch in Teufels Küche. Es muss wissenschaftlich überprüfbar oder statistisch belegbar sein.

Tatort Sydney: Christoph Sieber gewinnt Olympia-Gold im Mistral-Surfen

LAOLA1:Du kennst die Struktur in Österreich. Warst du überrascht, dass für Österreich letztlich keine Medaille herausgeschaut hat?

Sieber: Ich würde London gar nicht überbewerten, weil einige knapp dran waren. Ob Vierter oder Dritter macht oft nur ein Wimpernschlag aus.

LAOLA1: Mit Ministeriums-Mitarbeiter Ewald Klinger soll die Bürokratie minimiert werden. Wie schwierig war das zu deiner aktiven Zeit?

Sieber: Ich hatte es relativ einfach. Die längste Zeit habe ich von Bundesheer und Sporthilfe gelebt, war permanent unterwegs, mit Regatten und Trainingslagern praktisch auf Weltreise. Als ich für die konditionelle Vorbereitung für Sydney einen Batzen Geld gebraucht habe, bin ich noch einmal zur Sporthilfe gegangen. Ich habe Hupo Neuper einen Plan gegeben und gesagt, damit werde ich Olympiasieger. Dann hat er mich eine Minute lang angeschaut, bis er sagte: Na gut, dann zahlen wir es halt. Der Rest ist aber sehr wohl über den Verband gegangen.

LAOLA1: Du bist gerade erst in dein neues Amt gehoben worden. Hast du schon die ersten „Annäherungsversuche“ von Funktionären erlebt?

Sieber: Die wird es unweigerlich geben. Aber ich will nach wie vor glauben, dass meine Position nicht so dramatisch ist, dass ich mich auf meine Aufgabe konzentrieren kann und dass es jetzt nicht darum geht, dass Leute mich beweihräuchern müssen, damit ich ein gutes Profil abgebe. Korruption und Ähnliches sind für mich ein absolutes Gräuel. Ich hasse sie und werde von ihnen tunlichst Abstand halten.

LAOLA1: Schröcksnadel sagte, dass er sein Amt nur annahm, weil es politisch unabhängig ist. Geht es bei solchen Summen überhaupt ganz ohne Politik?

Sieber: Sobald Geld im Spiel ist, ist Politik notwendig. Ich wollte nie Politiker werden. Wenn es irgendwo geht, dann sollte man sie vermeiden, aber klar ist, dass meine Funktion irgendwo auch eine politische Position ist. Deshalb werde ich mich auf die Athleten konzentrieren. Und wenn es mir einmal zu viel sein sollte, dann werde ich einfach den Schröcksi anrufen (lacht).

Das Interview führten Stephan Schwabl und Reinhold Pühringer

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