Der letzte Tanz der Grande Dame

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Für viel Empörung sorgten Medien-Berichte während der Olympischen Sommerspiele in London über die Trainingsbedingungen von Caroline Weber.

Die Halle, in welcher der Nationalkader der Rhythmischen Gymnastik trainiert, ist nicht hoch genug, um die Sportgeräte wettkampfadäquat zu werfen.

Kein Wunder also, dass Österreichs Sportler in London nichts reißen, wenn sie nicht einmal ordentlich trainieren können, lauteten die Reaktionen unisono.

Rund neun Monate später ist die Empörung längst verflogen. Geblieben ist nur die zu niedrige Halle.

Kurz vor den Heim-Europameisterschaften in der Wiener Stadthalle (Freitag bis Sonntag), dem letzten Turnier ihrer Karriere, war LAOLA1 auf Lokalaugenschein bei Weber.

Zu junge Verehrer

Sie wirken wie ein Fremdkörper. Einfach, weil sie hier nicht hinpassen.

Der Ort, an dem Österreichs beste Rhythmische Gymnastinnen trainieren, ist zweifellos untypisch für die Sportart. Im „Westside Soccer“ in Wien-Hütteldorf, wo sich Hobby-Kicker einmieten, um auf den überdachten Kunstrasen-Plätzen dem Leder hinterherzukeuchen, erstreckt sich über die Hälfte der versteckt gelegenen „Halle 3“ der für die Sportlerinnen so wichtige Teppich.

Während sich Weber, Nicol Ruprecht, Natascha Wegscheider und Sophia Lindtner gerade mit diversen Stretching-Übungen aufwärmen, die beim Otto-Normal-Verbraucher bereits beim Zusehen ein Ziehen in der Adduktoren- und Lenden-Gegend verursachen, spielen einige Herren direkt daneben um ein „Trang’l“.

Wenn sich die grazilen Mädchen anmutig räkeln, sind da nicht Macho-Sprüche an der Tagesordnung? „Nein“, grinst Weber. „Die Fußballer sind nur laut.“ Und tatsächlich, als im Anschluss diverse Kür-Teile mit Musik eingeübt werden, hat das sehr schlicht gehaltene CD-Radio streckenweise hart zu kämpfen, um die akustischen Vorherrschaft nicht zu verlieren. Die Mädchen lassen sich davon aber nicht stören, werfen auch bereitwillig mal einen über das Absperrnetz geflogenen Ball zurück.

„Am schlimmsten sind die Kinder. Die schreien dann ständig: Whuuu, sexy!“, wirft Ruprecht, die sich offenbar etwas ältere „Fans“ wünscht, ein.

Anderes gewohnt

Das Dauer-Grinsen ist im Trainings-Alltag kein Muss

Die rege Frequentierung der Halle durch Freizeitsportler bringt noch weitere Nachteile mit sich. Etwa Vandalismus. „Kürzlich war der Teppich übersät mit Scherben. Außerdem hat irgendjemand eine Torte draufgeklatscht“, schüttelt Weber den Kopf. An ein Training war erst nach Aufräumarbeiten zu denken.

Gymnastik-Utensilien wie Reifen oder Keulen in der Halle zu lassen, sei somit keine gute Idee.

Auch wenn all diese kleinen Dinge den Athletinnen Energie kosten, so richtig darüber beschweren, hört man keine. Dies hat aber weniger damit zu tun, dass sie es gewohnt sind, sondern viel eher, dass sie bereits Schlimmeres erlebt haben.

Denn bevor das Nationalteam ins „Westside Soccer“ übersiedelte, trainierte man unter anderem einige Jahre im Dusika-Stadion. Also dort, wo der ÖFT aktuell noch durch die Geräte-Turner vertreten ist. Gleichzeitige Einheiten mit Bahn-Radfahrern, die auch Mopeds zur Simulierung der Steherbewerbe auf das Oval holten, entwickelten sich zum Albtraum. „Es hat nach Abgasen gestunken und die Musik hast du nicht mehr gehört“, erinnert sich die Vorarlbergerin. „Außerdem war der Hallenwart auch voll gemein“, ergänzt Ruprecht. Jener im „Westside Soccer“ sei hingegen „sehr lieb“.

Offenbar gilt auch in der Rhythmischen Gymnastik, dass der Ton die Musik macht.

Wenn der Himmel zu niedrig ist

Wie zuvorkommend oder hilfsbereit der „Westside“-Hallenwart auch sein mag, das Problem von der zu niedrigen Halle kann auch er nicht wettmachen. Das Dach bildet in der Mitte einen Giebel. Nur dort ist die Decke dementsprechend hoch, dass Wurfübungen überhaupt Sinn machen.

Einfach aufhören - Geht das überhaupt?

Von der Gymnastin zur Darstellerin: Weber möchte schauspielern

„Mit einer Heim-EM aufhören zu können, ist etwas ganz Besonderes.“ Dass da auch Wehmut mitschwingt, liegt auf der Hand. Von einer Medaille zu reden, wäre angesichts der starken osteuropäischen Konkurrenz vermessen, doch ein Spitzenplatz scheint mit dem Heim-Publikum im Rücken möglich.

Doch was passiert danach? Wenn die letzten Klänge ihrer Kür erklungen und die letzten Übungen geturnt sind? Kann man von einem Tag auf den anderen mit einer Sportart, die man 20 Jahre lang betrieben hat,  einfach so aufhören?

Weber überlegt. „Ich weiß es nicht“, entgegnet sie zögerlich. „Gut möglich, dass ich als Trainer-Assistentin Aufgaben übernehme, aber noch habe ich keine Ahnung, wie sich das zeitlich ausgehen wird.“

Der Rhythmischen Gymnastik wäre es jedenfalls zu wünschen, wenn Weber dem Sport in irgendeiner Form erhalten bleibt. Denn in Wahrheit braucht sie Persönlichkeiten wie die kleine Grande Dame mindestens genauso sehr wie eine ausreichend hohe Trainingshalle.

Reinhold Pühringer

Im Wettkampf gehen die Würfe mit Ball, Band, Kegeln oder Reifen aber noch höher. „Da das Gerät länger in der Luft ist, hast du dann mehr Zeit“, erklärt Weber, die am Eröffnungstag der EM ihren 27. Geburtstag feiert.

Das täglich antrainierte Wurfmuster im Wettkampf einfach so umzustellen, fällt nicht leicht. „Ich muss mich dann immer erst Herantasten, habe oft Blockaden“, gesteht die mit über 50 Staatsmeistertiteln erfolgreichste Gymnastin in der österreichischen Geschichte. Eingeschliffen werden die Übungen in sechs Stunden täglichem Training - drei vormittags, drei nachmittags.

Nicht immer stehen die Mädchen dabei auf dem Teppich. Ballett, Sprungkraft und Stabilisation bringen ein wenig Abwechslung in den Wochenplan. „In den Top-Nationen wie Russland trainieren sie sogar acht bis neun Stunden am Tag. Speziell wenn sie in der Gruppe etwas einüben, dann schlafen sie praktisch in der Halle“, weiß Weber, wie hoch international die Trauben hängen.

Tränen statt Gegrinse

Die Atmosphäre während der Einheit wirkt familiär. Der Respekt der Sportlerinnen vor Nationaltrainerin Lucia Egermann ist jedoch spürbar. Die gebürtige Bulgarin war einst selbst eine Spitzen-Gymnastin und bringt ihre Eindrücke und Ideen mit einer Mischung aus Deutsch und Englisch, die dem unerprobten Zuhörer manchmal ein wenig Fantasie abnötigt, in das Training ein.

Die lockere Stimmung von den Aufwärmübungen, die ein wenig was von Klatsch und Tratsch hatte, ist wie weggeblasen. Jede ist auf ein Gerät fokussiert. Das ständige, fast reflexartige Gegrinse während der Wettkämpfe findet im Trainingsalltag nicht statt.

Das Gegenteil ist sogar der Fall. Denn die Ballkür für die EM will Weber an jenem Tag partout nicht von der Hand gehen.  Bei der zweifachen Olympia-Starterin kommt der Ehrgeiz durch. Sie verbeißt sich regelrecht in der Aufgabe. Wie viel Herzblut die Blondine reinsteckt, manifestiert sich in ein paar Tränen. Wahrscheinlich ist es genau dieses Engagement, das sie zu einer der besten mittel- und west-europäischen Gymnastinnen gemacht hat.

„Heute ist es gar nicht gut gegangen“, schnauft sie im Anschluss. Eine Portion Frust schwingt noch mit.

Eine ganze Tafel Schokolade

Mit der Rhythmischen Gymnastik hat Weber im Alter von sieben Jahren begonnen, womit sie eher zu den Spätberufenen zählt. „Die meisten fangen schon mit fünf an. Allerdings ist das in Gegenden wie Vorarlberg kein Muss, weil du dort ohnehin einen hohen Bewegungsradius hast“, erinnert sich die dreifache Ländle-„Sportlerin des Jahres“.

Die Königs-Übung in Sachen Beweglichkeit, den Spagat, konnte sie relativ schnell. „Keine Ahnung, wie alt ich damals war, aber ich weiß noch, dass jeder zur Belohnung eine Milka-Tafel bekommen hat“, schmunzelt sie.

Im Laufe der Jahre hat sich ihre Flexibilität immer mehr zu der einer ausreichend gekochten Spaghetti-Nudel entwickelt. Stetes Training sei hierzu aber nicht alles. „Du brauchst auch eine gewisse Veranlagung dazu“, so Weber. Je beweglicher eine Athletin ist, desto höher ist der Attraktionswert, den sie mit ihren Übungen erreichen kann.

„Die letzten Regeländerungen wollen das jedoch abschwächen und das künstlerische Element mehr hervorheben.“ Etwas, das Weber durchaus liegt, denn die Heeressportlerin will mit dem "Inszenieren" auch in Zukunft ihr Geld verdienen.

„Ich möchte Schauspielerin werden“, verrät die Studentin der Theaterwissenschaften. Die Parallelen zwischen den Anforderungen an eine Gymnastin und jene an einen Mimen seien ohnedies nicht zu übersehen. Um ihren Traum nachzueifern, lernt sie derzeit das Handwerk an der „1st Filmacademy“. Doch bevor die neue Karriere beginnen kann, will sie die alte standesgemäß zu Ende bringen.

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