„Michael Phelps? Der ist langweilig!“

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Noch immer wirkt Pieter van den Hoogenband durchtrainiert. Die Frisur und das goldene Medaillen-Lächeln, das man von drei Olympischen Siegerehrungen kennt, sind nach wie vor dieselben.

Seine Hände wirken nach wie vor riesig, aber zugleich jedoch zart. Stromlinienförmig eben. Das Einzige, was sich geändert hat, ist sein Revier.

Der Welt schnellster Schwimmer der Jahrtausendwende versucht sich nun als Funktionär.

Beim Europäischen Olympischen Jugend-Festival (EYOF) in Utrecht nutzte der 35-Jährige als Turnier-Direktor seine Popularität, um Sport, Politik und Wirtschaft an einem Strang ziehen zu lassen.

Für ausgewählte österreichische Medien nahm sich „The Flying Dutchman“ Zeit, um im Interview über die Weltmeisterschaft in Barcelona, den „langweiligen Phelps“ und die erstaunlich ähnlichen Probleme österreichischer und niederländischer Schwimmer zu sprechen.

Frage: Pieter, warum hast du nicht eine Trainer-Laufbahn eingeschlagen?

Pieter van den Hoogenband: Weil ich herausgefunden habe, dass ich kein guter Coach bin. Es gibt mir viel, wenn ich Top-Schwimmern Tipps geben kann. Aber sie von ganz unten rauf zu bringen, das ist nicht meins. Das ist eine Kunst. Mein Coach Jacco Verhaeren konnte das. Du musst sehr viel Leidenschaft dafür entwickeln können und das kann ich eben nicht. Das ist einfach nicht meine Bestimmung.

Frage: Im Gegensatz zur Geschäftsseite?

Van den Hoogenband: Jetzt arbeite ich mit Firmen oder auch mit Wissenschaftlern zusammen. Letztere sprechen nicht die Sprache der Trainer. Ich versuche, sie zu verstehen und sie mit den Coaches und Sportlern zusammenzubringen. Das Gleiche ist mit den Firmen. Um einen sehr lebendigen Verband zu haben, musst du dir in sehr vielen Bereichen einen Plan zurechtlegen. Du benötigst viele Menschen um dich herum, die dich unterstützen. Und das ist, was ich als Turnier-Direktor des EYOF mache: Ich bringe meine Welt mit jener der Wirtschaft und der Politik zusammen. Wenn ich in mein Telefon schaue, finde ich viele Leute, die ich kenne und die uns dabei helfen können.

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Frage: Weil er auch abseits des Beckens Glamour ausstrahlt?

Van den Hoogenband: Ich habe mir seine TV-Show „What Would Ryan Lochte Do?“ angesehen. Er ist lustig und die Menschen kennen ihn. Phelps ist der größte Olympionike aller Zeiten, er hat den Weltrekord im Medaillensammeln aufgestellt, aber in Sachen Popularität ist Lochte bereits auf dem gleichen Level. Sie lieben ihn. Phelps hat mit Coach Bob Bowman die richtige Wahl getroffen, aber von seinem Management sollte mehr kommen. Wenn du auf Twitter schaust, dann findest du da nur Sachen vom Golfspielen und so…das ist langweilig.

Frage: Du machst nach wie vor einen fitten Eindruck. Trainierst du noch?

Van den Hoogenband: Ich mache etwas Krafttraining, gehe Radfahren. Laufen geht wegen meines Rückens nicht. Zweimal pro Woche trainiere ich für eine Stunde Schwimmen. Ich habe nämlich den Amsterdam City Swim durch die Kanäle organisiert. Da macht auch Königin Maxima mit. Ich habe sie vorbereitet und trainiert. Da wir uns für die Olympischen Spiele 2028 bewerben, schwimmen wir 2028 Meter. Wir sammeln dabei Geld für den Kampf gegen eine Muskelkrankheit, an der auch einer meiner Freunde leidet.

Frage: Wie ist es dir beim Amsterdam City Swim gegangen?

Van den Hoogenband: Nach London war ich körperlich in einer schlechten Verfassung. Zum City Swim ist dann aber auch das niederländische Schwimm-Team gekommen. Sie meinten, dass ich als Botschafter mitmachen soll. Als ich im Wasser war, hörte ich die Leute meinen Namen rufen und ich gab Vollgas. Ich war der Alte, mit dem sich die Jungen schon immer vergleichen wollten. Es war verdammt hart, aber ich schlug mich wacker und bin als Dritter ins Ziel gekommen. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, aber ich war so k.o., dass ich meine Arme zwei Tage lang nicht mehr bewegen konnte. In meinem Kopf hatte ich nach wie vor geglaubt, dass ich so schnell schwimmen kann, aber mein Körper sagte nein. Um künftig die 2028m relativ komfortabel absolvieren zu können, habe ich wieder begonnen zu trainieren.

Aufgezeichnet von Reinhold Pühringer

Frage: War es schwierig für dich aufzuhören?

Van den Hoogenband: Nein. Anstatt in Peking auch die 200m Freistil zu schwimmen, konzentrierte ich mich voll auf die 100m. Das ist wie in der Leichtathletik. Da gibt es auch den 100m- und den 200m-Sprint. Beides ist toll zu gewinnen, aber der 100er ist dann doch Spezieller. Ich hatte im Vorfeld einige Kämpfe mit Nike wegen des Anzugs. Ich war halt mehr ein altmodischer Schwimmer, der sehr weit oben im Wasser lag, weshalb mir die Anzüge nicht entgegenkamen. Im Endeffekt hatte ich viel Energie für verschiedene Bereiche opfern müssen. Ich gab mein Bestes in Peking, war schneller als in Sydney und schlug als Fünfter an.

Frage: War die Enttäuschung groß?

Van den Hoogenband: Ich sagte mir selbst: Okay, ich bin nicht mehr der Beste. Nun muss ich in meinem Leben abseits des Beckens etwas weiterbringen. Ich schloss das Kapitel Schwimmen. Das war richtig so, auch wenn ich die Spannung, die ich in den Olympia-Finals über 100m spürte, vermisse. Aber es ist nicht so, dass ich süchtig danach wäre. An ein Comeback habe ich nie ernsthaft gedacht.

Frage: Die Schwimm-Bewerbe der Weltmeisterschaften haben begonnen. Hat sich viel geändert seit deiner Zeit?

Van den Hoogenband: Ja! Ich denke, dass die Anzüge in gewisser Hinsicht unserem Sport sogar geholfen haben. Es geht um die Art, wie wir heutzutage schwimmen. Durch die Anzüge wurde herausgefunden, wie man mit weniger Widerstand schwimmt. Daher denke ich, dass sie ein gutes Trainingsutensil sind. Wenn du mit höherer Geschwindigkeit unterwegs bist, merkst du plötzlich, wann du beispielsweise mit der vorderen Hand zu ziehen beginnen musst. Es fühlt sich an, als würdest du auf einer Welle dahinsurfen. Vor allem bei den 50m Freistil bringt das viel. Was sich auch entwickelt hat, sind die Startblöcke. Der Halt ist viel besser und die Schräge hilft, flacher in das Wasser einzutauchen. Dadurch bist du bei den 50m Freistil um zwei oder drei Zehntel schneller. Ebenfalls hat sich der Fußschlag unter Wasser stark verändert. Markus Rogan war darin beispielsweise sehr gut. Ich denke, es ist gut für den Sport, ständig weiterentwickelt zu werden.

Frage: Das ist wohl auch die Erklärung, warum die Weltrekorde weiterhin fallen.

Van den Hoogenband: Ja, insbesondere die Startblocks sind der Grund. Die Geschwindigkeit, die du nach dem Start hast, kannst du im Becken nicht mehr erreichen. Nach der Wende ist der Speed auch hoch, aber ein bisschen niedriger als nach dem Start. Auch im Training und in der Ernährung finden die Athleten immer neue Sachen heraus. Das ist toll mitanzusehen. Ich schäme mich dafür, wie langsam wir in Atlanta geschwommen sind (grinst).

Frage: Was denkst du über die zuletzt sehr jungen Titelgewinner?

Van den Hoogenband: Ich finde es wundervoll. Beim EYOF hatten wir ein Mädchen aus Russland, das die 100m Freistil in 55 Sekunden gewann. Das ist verdammt schnell für eine 13-Jährige. Zu meiner Zeit gab es ein deutsches Mädchen namens Julia Jung. Sie gewann die Jugend-Europameisterschaften, aber sie schaffte den Schritt zu den Erwachsenen nicht. Aber wie sagen sie in England so schön: „Bist du gut genug, bist du auch alt genug.“ Wenn man sich Ruta Meilutyte ansieht, sie gewann das EYOF und ein Jahr später die Olympischen Spiele. Sie war gut genug. Chad le Clos war auch gut genug. In gewisser Hinsicht sind das die Mozarts des Schwimmens.

Frage: Sind du und deine Rivalen Freunde geworden?

Van den Hoogenband: Ja, ich stehe nach wie vor in Kontakt mit Ian Thorpe oder Alex Popov. In London hatte ich ein tolles Dinner mit Grant Hackett. Das ist es, worum es bei den Olympischen Spielen geht. Jacques Rogge sagte zu mir: Es geht nicht darum, ein Gewinner zu sein, sondern ein Champion zu werden. Das Ganze zu schaffen ohne Doping, ohne Schwindeln und dabei eine Persönlichkeit zu werden. Du kannst eine ganze Generation inspirieren, was nebenbei erwähnt der beste Slogan war, den man sich für die Spiele in London ausdenken konnte. Im Schwimmen stehst du auf den Blocks und da gibt es nur dich und die 100m, aber danach ist da sehr wohl Platz, um mit deinen Rivalen eine gute Zeit zu haben.

Frage: Was verbindet dich mit dem österreichischen Athleten?

Van den Hoogenband: Markus Rogan und ich kennen uns sehr gut. Ich habe ihn eingeladen, mit uns zu trainieren. Mit dabei waren auch Fabienne Nadarajah und ihr Coach Robert Michlmayr. Ich kenne natürlich auch Mirna Jukic und ihren kleinen Bruder.

Frage: In Österreich haben wir aktuell ähnliche Probleme, wie sie die Niederlande vor 20 Jahren hatte.

Van den Hoogenband: In den Niederlanden lag der Schwimmsport vor 1996 auf dem Boden. Meine WM-Bronzene 1998 war die erste Männer-Medaille in der Geschichte der Niederlande. Nach den Spielen in Atlanta, wo ich über 100m und 200m Freistil jeweils Vierter wurde, wurde mir ein College-Platz in den USA angeboten. Ein Freund von mir nahm das Angebot an und ging nach Michigan. Ich wollte aber nicht, weil ich hier etwas aufbauen wollte. Eine Struktur. Als ich nach großen Erfolgen heimkehrte, empfing mich der Premier-Minister. Ich sagte ihm, dass wir jetzt ein gutes Bad brauchen. Wenn wir so etwas haben, können wir beginnen, eine Struktur aufzubauen und uns um die nächste Generation kümmern.

Frage: Wie ist es weitergegangen?

Van den Hoogenband: Sie haben in Eindhoven ein Bad gebaut. Für mich ist es nicht so wichtig, dass sie es nach mir benannt haben, sondern dass wir endlich einen Pool bekommen haben. Natürlich wirst du auch künftig Talente brauchen, aber jetzt wissen wir, dass wir in Zukunft wegen der Trainingsmöglichkeit immer ein zumindest solides Team an Schwimmern haben werden. Es ist sehr traurig zu hören, dass Österreich diese Probleme hat.

Frage: Wer wird der große Star der Weltmeisterschaften in Barcelona?

Van den Hoogenband: Ich denke da an Chad le Clos. Die Art und Weise, wie er schwimmt, ist so kraftvoll. Bei ihm läuft es gerade, alles funktioniert. Natürlich auch Ryan Lochte. Zudem ist er ein fantastischer Botschafter für den Sport. Ich bewundere Michael Phelps wirklich, aber Ryan kann ein noch größeres Aushängeschild werden, wenn ihm die Leute um ihn herum dazu verhelfen.

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