Das Strampeln eines Ertrinkenden

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OSV - Das Strampeln eines Ertrinkenden

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Der Österreichische Schwimm-Verband (OSV). Ja, es gibt ihn noch.

Doch angesichts der Ereignisse der vergangenen Tage drängt sich die Frage auf: Wie lange noch?

Nach dem Bekanntwerden der Gründung eines Parallel-Verbandes („Neuer Schwimmverband der Schwimmvereine in Österreich“) durch aktuelle OSV-Vorstandsmitglieder ging der desaströse Wirtschaftsprüfungsbericht durch die Medien. Das Conclusio des von der Kanzlei TPA Horwath bereits im Februar 2014 angefertigten Schriftstücks lautet, dass der OSV mehr oder weniger pleite ist.

Dazu wurde die Staatsanwaltschaft in der Causa endlich aktiv. Endlich deshalb, weil das Sportministerium bereits vor knapp eineinhalb Jahren eine Sachverhaltsdarstellung mit dem Vermerk „eingeschränkt dringend“ bei der Behörde eingereicht hatte.

Die Staatsanwaltschaft hegt aufgrund von Indizien den Verdacht, dass es im OSV zwischen 2006 und 2013 zu systematischen Förderbetrug gekommen ist. Darin verwickelt könnten Ex-Generalsekretär Thomas Gangel sowie Ex-Finanzreferent Walter Benesch sein.

Richter und Tavlas werden in Schutz genommen

Außerdem bestätigen fünf Präsidiums-Mitglieder des OSV mittels eines Schreibens, dass sowohl die ehemalige Medienbetreuerin Anja Richter, als auch Sportkoordinator Moschos Tavlas darin verwickelt sein könnten. Erstere wurde von ihrer Funktion als in der Sportkommission Wasserspringen enthoben, Letzterer postwendend entlassen.

„Sie dürften beide nicht aktiv beteiligt gewesen sein, sondern wurden missbraucht“, werden sie vom aktuellen Generalsekretär Thomas Unger in Schutz genommen. Die Bösen seien demnach also Gangel und Benesch.

Und genau hier wird es interessant, denn was gerne übersehen wird, ist, dass es ausgerechnet Unger war, der Gangel nach Bekanntwerden der Rechnungsfälschungen im Dezember 2013 eine Abfertigung eines hohen fünfstelligen Betrages zugestand und mit ihm auch aushandelte. Dabei agierte der damals gerade erst mittels Rundmails in den Vorstand hineinkooptierte Finanzreferent Unger hochgradig eigenmächtig. In den LAOLA1 vorliegenden Sitzungsprotokollen findet sich kein Vorstands-Beschluss, ob Gangel überhaupt eine Abfertigung gewährt werden solle. Unger hatte die OSV-Spitze vor vollendete Tatsachen gestellt. Diskutiert wurde nur noch über die Höhe.

Auch der damalige Vize-Präsident Peter Putzgruber gab in einem Interview an, dass Gangel von Konto-Bewegungen gewusst haben muss. Eine fristlose Entlassung wenn nicht sogar eine Anzeige wären nahegelegen.

Der große Teppich

Generalsekretär Thomas Unger

Warum Unger jetzt jemanden als böse hinstellt, dem man Ende 2013 noch als „Aufklärer in der Causa“ – der er nie war – eine fette Abfertigung zahlte? Die Antwort darauf ist wohl an der Person Thomas Unger selbst festzumachen.

2013, als der erste Förderbetrug bekannt wurde, wurde er als eine Art Aufräum-Kommando in den Verband geholt. Das kann er nämlich. In parlamentarischen Anfragen wird darauf hingewiesen, dass Unger sein Können beim Unter-den-Teppich-Kehren bereits bei Ungereimtheiten im oberösterreichischen Landesschwimm-Verband unter Beweis gestellt hat.

Vielleicht war das auch der Grund, warum ihn Benesch 2013 explizit als seinen Nachfolger auf dem Finanzreferent installieren wollte. Jener skandalumwobene Benesch, der als Drahtzieher des mutmaßlichen Förderbetrugs gilt, hatte sich deswegen mit Unger eigens getroffen und auch mit seiner Empfehlung dafür gesorgt, dass der Oberösterreicher schleunigst eingesetzt wurde.

Die Geschehnisse der letzten Jahre in Relation gesetzt verhärten das Bild von fortwährender Vertuschung. Richter und Tavlas jetzt als „Opfer“ hinzustellen mag stimmen oder mag auch nicht stimmen, jedenfalls sind sie wohl nur Teil einer Krisen-Kommunikation.

Zumal die Vorwürfe gegen Tavlas in Schwimmer-Kreisen schon länger kein Geheimnis waren. Hinter vorgehaltener Hand berichteten mehrere Athletinnen unabhängig von Auffälligkeiten bei Abrechnungen. Dazu gesellte sich harsche Kritik an die zwischenmenschlichen Qualitäten des rauen Sportkoordinators, die in der Beschimpfung („Du bist eine Hure!“) einer 16-jährigen Nachwuchs-Schwimmerin ihren traurigen Höhepunkt fanden.

Wer einmal lügt,…

Der OSV trennte sich mit sofortiger Wirkung von Moschos Tavlas

Dass im OSV etwas im Argen liegt, dürfte den Herren Vorstandsmitgliedern doch bei einer genaueren Begutachtung der eigenen Bücher oder spätestens seit dem TPA-Horwath-Bericht klar sein. Darin wurde der Vorstand bereits im Februar 2014 über gefälschte und Förderstellen daher zu Unrecht vorgelegte Rechnungen informiert.

Generell darf man sich aber allmählich fragen, warum dem OSV überhaupt noch Glauben schenken? Für Un- oder Halbwahrheiten gab es in der jüngeren Vergangenheit nämlich gleich einige Beispiele:

Zum einen war es Ungers unrealistisch optimistische Fortführungsprognose, welche die TPA-Horwath-Verantwortlichen überhaupt noch an einen OSV-Fortbestand glauben ließ. Von zu erwartenden Sponsor-Einnahmen von 90.000 Euro und einem Ende der Rechtsstreitigkeiten war dort die Rede. Die Realität: Verlust aller Geldsponsoren sowie eine juristische Niederlage nach der nächsten. Schadenersatzforderungen in sechsstelliger Höhe drohen. Gegenüber der APA sah sich Unger deshalb am Montag sogar bemüßigt, seine ach so himmelhoch jauchzende Einschätzung zumindest leicht zu korrigieren: „Ich hätte sie vorsichtiger formulieren können.“

Zum anderen hat der Vorstand seine Mitgliedsvereine über den wahren Inhalt der Wirtschaftsprüfung schlichtweg belogen: Beim diesjährigen Verbandstag wurde den Vereinen zur finanziellen Situation erklärt, dass alles in bester Ordnung sei. Kein Wort über negatives Eigenkapital oder eine negative fiktive Schuldentilgungsdauer.

Und noch ein Beispiel für den situationselastischen Umgang mit der Wahrheit im OSV: Im März dieses Jahres erklärte OSV-Rechtsreferent Arno Pajek, dass bei der Traglufthalle im Wiener Stadionbad alle Gelder „widmungsgetreu verwendet“ worden seien und dass dieses Thema „ausgelutscht“ sei. Nur zwei Wochen später bringt eine LAOLA1-Recherche ans Licht, dass die Stadt Wien in dieser Causa 60.000 Euro vom OSV wegen unwidmungsgetreuer Verwendung zurückfordert.

Das Damokles-Schwert

Rechtsreferent Arno Pajek und Co. stehen mit dem Rücken zur Wand

Unterm Strich wird klar, dass die nun von Seiten des OSV gesetzten Kommunikations-Akte nur mehr mit Vorsicht genossen werden können.

Die Clique bestehend aus den drei Vize-Präsidenten Peter Rothbauer, Gerd Lang und Stefan Opatril sowie Pajek, Unger und Finanzreferenten Werner Kühnert steht mit dem Rücken zur Wand.

Zumal eine bereits vorliegende Insolvenz-Verschleppung nicht ausgeschlossen werden kann und aufgrund des TPA-Horwath-Berichts nicht unwahrscheinlich erscheint. Wie Rechts-Experte Thomas Höhne erklärt, wäre dann der gesamte Vorstand mit seinem Privatvermögen haftbar. Auch die Referenten.

Vertrauensbasis zerstört

Während also der nächste Akt im Überlebenskampf des ertrinkenden OSV über die Bühne geht, bleiben noch einige offene Fragen.

Beabsichtigt die OSV-Spitze – wie von oppositioneller Seite vermutet – den Verband tatsächlich in den Konkurs zu führen, um dann mit dem bereits gegründeten Parallelverband wieder mit der praktisch gleichen Führung weiterzumachen?

Wenn ja, werden sich sowohl Vereine als auch Fördergeber fragen müssen, ob sie weiterhin mit einer Verbandsspitze zusammenarbeiten wollen, die sie zuletzt des Öfteren hinters Licht führte. Schließlich bemängelte auch das Sportministerium, über die Verbands-Neugründung nicht informiert worden zu sein. An Gesprächen hätte es in der Zwischenzeit jedenfalls nicht gemangelt.

Die jüngste Reaktion von Minister Gerald Klug deutete aber darauf hin, dass die Behörden den Verband nach Möglichkeit retten wollen.

Reinhold Pühringer

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