Jukic: Als ich nach den Olympischen Spielen gesagt habe, dass ich es sein lasse, wenn es nicht in die richtige Richtung geht, war mir das sehr ernst. Dann hätte ich mich darauf konzentriert, mir etwas aufzubauen und eine Familie zu gründen. Aber dann ist mit dem Rio-Projekt Bewegung in den Sport in Österreich gekommen. Es besteht wirklich die Chance, dass der Sport endlich akzeptiert wird, das war ein Erfolg für mich.

LAOLA1: Zahlreiche Sportlerinnen und Sportler klagen, dass sie bis heute kein Geld gesehen haben?

Jukic: Probleme wird es auch in Zukunft geben, das weiß ich. Aber die sind jetzt leichter zu beheben. Jeder kann nachprüfen, wie viel Geld vom Team Rot-Weiß-Rot an die Olympia-Teilnehmer gegangen ist. Das ist ein unglaublich geringer Prozentsatz. Jetzt wird direkt finanziert, was ich nur befürworten kann. Es ist eine Anerkennung für den Sport, wir können unseren Beruf jetzt ernsthaft ausüben.

LAOLA1: Wie meinen Sie das?

Jukic: Viele schauen mich schief an, wenn ich sage, dass ich Sportler von Beruf bin. Aber ich habe meine sportliche Ausbildung mit drei Jahren begonnen. Mit dem Rio-Projekt wird der Sport als Beruf akzeptiert. Ich hoffe, dass uns das 2016 die eine oder andere Medaille bringen wird.

LAOLA1: In der selbsternannten Sportstadt Wien herrschen seit der Wiedereröffnung des Stadthallenbads beinahe feudale Verhältnisse. Wie erleben Sie das?

Jukic: Als Sportler in Wien hat man verloren! Ich habe meine Trainingszeiten, die ich beim Verband beantragt habe, im Stadionbad bekommen. Die Halle steht 70 Prozent der Zeit leer. Das Problem mit den Trainingsmöglichkeiten ist mit dem Stadthallenbad nicht gelöst. In Wien gibt es nur mehr wenig Spitzensportler, weil die es hier alle nicht mehr ausgehalten haben.

LAOLA1: Sie haben auch immer wieder mit dem Gedanken gespielt, ins Ausland zu gehen. Was ist daraus geworden?

Jukic: Ich werde bis Rio viel außerhalb von Österreich trainieren. In Amerika, in Kroatien, ich werde schauen, wo die anderen Nationalteams unterwegs sind und vielleicht eine internationale Trainingsgruppe entwickeln. Weil in Österreich gibt es derzeit niemanden, der auf dem Niveau mitschwimmen kann. Hier hätte ich Jungs dabei, die mit Kraul die Zeiten schwimmen, die ich Delfin schwimme.

LAOLA1: An der Zusammenarbeit mit Vater Zeljko Jukic wird sich aber nichts ändern, oder?

Jukic: Ich hatte schon öfter das Angebot nach Amerika zu gehen. Aber ich habe seit der Junioren-Klasse alle meine Erfolge mit meinem Vater gefeiert – warum sollte ich also etwas verändern? Es gab in all den Jahren natürlich auch Konflikte, aber jetzt funktioniert es reibungslos. Meine Schwester hat jetzt auch die Trainer-A-Lizenz abgeschlossen und kann mich zu Wettkämpfen begleiten. Das wird durch das Rio-Projekt, das mir die Möglichkeit gibt, auch die Begleitpersonen zu finanzieren, um einiges einfacher.

LAOLA1: In der Öffentlichkeit haben Sie das Image des Bad-Boys, des Ungemütlichen. Stört Sie das?

Jukic: Hochrangige Funktionäre aus anderen Ländern sind an uns herangetreten und wollten mit uns arbeiten. Nach dem Warum gefragt, haben sie zu meinem Vater und mir gesagt: „Weil ihr Idioten seid!“ Jemand, der versucht ein System zu verändern, der probiert aus seinen Kindern etwas zu machen in dieser Zeit, in der alles nach Strich und Faden laufen muss und alles kontrolliert wird, der kann nur ein Idiot sein. Aber nur so jemand kann einen Schritt nach vorne machen. Nur leider sterben diese Charaktere aus.

LAOLA1: Wie sehr hat die Pause ihren Blick auf den Schwimmsport und auf den Sport ganz allgemein verändert?

Jukic: Ich war schon immer ein sehr in mich gekehrter Sportler, der wenig nach Außen gibt. Aber durch Gespräche mit anderen Sportlern habe ich gemerkt, wie schwierig der Schwimmsport vor allem mental zu verarbeiten ist. Als Schwimmer hast du nur die Olympischen Spiele – und wenn es dort nicht mit einer Medaille klappt, musst du weitere vier Jahre warten. Im Lauf der Zeit habe ich aber gemerkt, wie sehr mir das Schwimmen fehlt und wie sehr sich ich meinen Sport mag.

LAOLA1: Die Liebe ist also nach wie vor da, obwohl es täglich fünf bis acht Stunden Training bedeutet?

Jukic: Das Wichtigste für mich ist, dass ich es nach wie vor liebe. Es geht nur um mich, nicht um meinen Trainer, meinen Verein oder meinen Verband. Als ich mit 12 Jahren meine erste Krise hatte, hat mein Vater zu mir gesagt: „Wer in die Kirche gezwungen wird, mein Sohn, der betet nicht zu Gott!“ In meiner Auszeit habe ich gelernt, dass es nur an mir liegt, ob ich etwas erreiche oder nicht.

LAOLA1: Sie haben einige Male mit Rücktritt „gedroht“. Wie ernst war es ihnen damit?

Jukic: Egal ist es mir nicht. Denn ich bin kein Bad Boy. Aber ich habe das Image vor allem deshalb bekommen, weil ich mit einigen Medien, die sehr viele Lesermeinungen bilden, Streitigkeiten angefangen habe. Ich habe meine Meinung immer gesagt und das hat einigen nicht gefallen. Deshalb haben sie begonnen, gegen mich zu arbeiten. Nur ist es beim Schwimmen anders als beim Fußball. Bei uns geht es nicht, dass man sagt: Der Jukic hat eine schlechte Technik, der soll nicht in der Nationalmannschaft spielen. Beim Schwimmen gibt es die Uhr und die sagt exakt, wie schnell ich bin. Wenn ich EM-Gold hole, kann keiner schreiben, dass der andere schöner geschwommen ist.

LAOLA1: Ihr Kumpel Marko Arnautovic kämpft genau mit diesem Problem. Leiden Sie mit ihm?

Jukic: Die Gesellschaft muss beginnen zu akzeptieren, dass wir alle Individuen sind. Und da gibt es keine sportwissenschaftliche Theorie, die darüber zu stellen ist. Was für mich gut ist, muss nicht auch für einen Markus Rogan gut sein. Und so ist es auch bei Marko Arnautovic. Er braucht eben ein anderes Umfeld, um seine Bestleistung abrufen zu können. Aber deshalb ist er kein Bad Boy. Wollen Sie ein Beispiel aus dem Schwimmsport?

LAOLA1: Gerne.

Jukic: Mit dem Leben, das ein Ryan Lochte führt, hätte er in Österreich fast jeden Tag eine schöne Geschichte über sich in der Zeitung. Aber er braucht das. Der ist beim Grand Prix irgendwo im C-Finale unterwegs. Drei Wochen vor dem Wettkampf sagt sein Trainer dann: Basta! Und stellt ihm einen Security vor die Tür, damit er nicht mehr raus kann. Und dann wird er Weltmeister. Da interessiert sich niemand dafür, wie er diese Top-Leistung bringt.

LAOLA1: Werden bei Sportlern ihrer Meinung nach andere Maßstäbe angelegt als zum Beispiel bei Managern?

Jukic: Ich denke schon. Der Microsoft-Manager findet sich nur in der Zeitung wieder, wenn er in seiner Branche etwas gut oder schlecht macht. Als Sportler ist man der Öffentlichkeit ausgeliefert, darf nicht auffallen und muss Erfolg haben. Leider leben wir in einer Welt, die von Skandalen geprägt ist und in der nur noch Skandale gesucht werden.

LAOLA1: Sind Sie also gar nicht so böse, wie von einigen Medien dargestellt?

Jukic: Jeder, der sich über mich eine Meinung als Bad Boy gemacht und mich dann kennengelernt hat, hat danach gesagt: „Eigentlich bist du ganz anders, als dein Bild in der Öffentlichkeit!“ Die meisten sind verwundert. Ich sehe mich selbst als Visionär, der gerne etwas verändern möchte. Nicht nur für den Schwimmsport sondern für den Sport allgemein.

LAOLA1: Das erinnert uns an ihren Olympia-Sager vom „Robin Hood des österreichischen Sports“?

Jukic: Wenn es mir gelingt, in diesem Sport-System etwas zu bewegen, dann werden alle wissen, dass es deshalb ist, weil ich mich aufgeregt habe. In meiner Geschichte bin ich immer der Präzedenzfall, sei es mit der NADA oder mit dem Verband. Es war immer das erste Mal, dass jemand etwas macht. Aber ich glaube nach wie vor fest daran, dass auch ein kleiner Stein Großes bewegen kann.

LAOLA1: Täuscht der Eindruck oder bekommen Sie von ihren Sport-Kolleginnen und –Kollegen nur wenig Rückendeckung bei ihrem Kampf?

Jukic: Die Angst ist ein großes Problem. Ich erlebe es in der Schwimm-Welt, wo andere Athleten zu mir sagen: „Das kannst du als Dinko Jukic sagen, aber ich als österreichischer Staatsmeister interessiere niemanden.“ Andere, die vielleicht in einem Leistungszentrum schwimmen, das vom Verband oder vom Staat finanziert wird, fürchten um Förderungen und Unterstützung.

LAOLA1: Sie haben in London eine anonyme Anlaufstelle für Sportler im Ministerium angeregt. Was wurde aus diesem Vorschlag?

Jukic: Bis jetzt leider noch nichts, aber das wird sich in Zukunft hoffentlich ändern. Wir brauchen so eine Stelle, wo sich Sportler beschweren und ihre Anliegen deponieren können. Dann können sich die Verbandsfunktionäre nicht mehr so aufführen, sondern müssen sich benehmen. Schließlich sind die Verbände und Funktionäre Dienstleister des Sports. Aber es ist nach wie vor so, dass viele Sportler von den Funktionären abhängig sind.

LAOLA1: Wir danken für das Gespräch.

Das Interview führten Stephan Schwabl und Reinhold Pühringer

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