Jukic droht: "Bisher habe ich mich nur verteidigt"

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Um Dinko Jukic ist es still geworden.

Der 24-Jährige ist nach dem post-olympischen Theater zuletzt etwas untergetaucht.

Dabei ist er der große Abwesende im schmal bemessenen OSV-Aufgebot für die Weltmeisterschaften in Barcelona. Denn ohne den Olympia-Vierten wird der Traum von WM-Edelmetall ein Traum bleiben.

LAOLA1 bekam den „Robin Hood des Schwimmbeckens“ an den Telefon-Hörer.

Im Interview schießt Österreichs derzeit streitbarster Sportler nicht nur die üblichen Breitseiten in Richtung Verband ab, sondern geht auch auf die neuen Perspektiven unter Projektleiter Peter Schröcksnadel ein und reflektiert sein eigenes Handeln:

LAOLA1: Dinko, was machst du gerade?

Dinko Jukic: Ich bin nicht im Lande. Da die Saison eigentlich schon vorbei ist, trainiere ich nur so, wie ich mir das vorstelle.

LAOLA1: An den Befürchtungen, dass du die Nase vom Schwimmen komplett voll hast und aufhörst, ist demnach nichts dran?

Jukic: Nein. Das kommt wahrscheinlich von den Leuten, die das hoffen. Den Gefallen werde ich ihnen noch lange nicht tun.

LAOLA1: Wie sehr nervt dich das Theater mit dem OSV?

Jukic: Bereits vor der lächerlichen Sperre, die der Verband ausgesprochen hat, habe ich die Probleme angesprochen. Ich persönlich habe versucht, das intern zu regeln, aber die Antwort war, ähnlich wie jetzt bei Jakub (Maly; Anm.): Was willst du eigentlich, Kleiner?! Wir haben entschieden.

LAOLA1: OSV-Finanzreferent Walter Benesch wird im September seinen Hut nehmen. Sportkoordinator Moschos Tavlas steht vor Beginn der Schwimm-Bewerbe in der Kritik. Geht es in die richtige Richtung?

Jukic: Das ist, was ich mir damals schon erwartet habe. Paul Schauer kandidierte nicht zur Wiederwahl. Helmut Tröbitsch, der Vize-Präsident, der damals in den Eklat in Debrecen mit mir verwickelt war, stellte seine Funktion zur Verfügung. Der zweite Vize machte das Gleiche, kandidierte nicht einmal mehr auf der Liste. Das heißt, alle die, die damals in Debrecen ein Problem hatten, zogen sich zurück und ich bin aber trotzdem noch immer der Böse und muss bestraft werden. Allmählich kommt es aber in der Öffentlichkeit durch, dass es nichts mit Dinko Jukic zu tun hat, sondern mit der Willkür des Verbandes.

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Dinko Jukic und Moschos Tavlas (2009)

LAOLA1: Du hattest zuletzt ein angeblich produktives Gespräch mit Peter Schröcksnadel?

Jukic: In erster Linie ging es um das Projekt Rio 2016. Ich habe gesehen, dass da jemand Verantwortung für Sportler übernimmt, der auch Ahnung davon hat. Er weiß, woran ein Athlet vor dem Start denkt. Nicht, dass etwa ein Vize-Präsident zu mir herkommt und mich fragt, ob ich weiß, wo er sitzt. Das sind einfach Sachen, die für mich unpackbar, aber schon vorgekommen sind. Vor einer Junioren-WM in Rio, zu der wir ohne die nötige Zeitumstellung bzw. einen Physio-Therapeuten anreisten, weil der Verband kein Geld dafür hatte, hat mir der gleiche Vize-Präsident eine Broschüre hingelegt und mich gefragt, wann wir uns den Zuckerhut anschauen. Ich war nicht dort, um zu urlauben. Ich weiß, dass die Reisen bezahlt bekommen, dass so eine Großveranstaltung für sie ein netter Urlaub ist und dass sie das hinter dem Mäntelchen der Ehrenamtlichkeit verstecken. Dennoch wird Österreich das einzige Land sein, für das ich je schwimmen werde.

LAOLA1: Präsident Christian Meidlinger sagte im Interview mit LAOLA1, dass er im Herbst auf dich zugehen möchte. Für dich scheint es aber unter ihm keine Zukunft zu geben?

Jukic: Das Problem ist, schon als Meidlinger Wiener Landesverbandspräsident war, habe ich gemerkt, dass er diese typische politische Einstellung hat. Lassen wir einfach alles ruhen, mit der Zeit wird eh alles vergehen. Hinzu kommt, dass Meidlingers Sohn, ein Schwimmer, unter normalen Umständen nie einen Platz im Heeressportzentrum bekommen darf, jetzt aber einen hat. Von daher ist das Präsidentenamt für den Vater mehr ein privates Interesse, als auf die Sportler zu schauen. Er sollte Platz machen.

LAOLA1: Hast du die jüngsten OSV-kritischen Medien-Berichte verfolgt?

Jukic: Ich habe die Sachen über Tavlas gelesen. Es ist wahr, dass die Sportler zwei Stunden auf ein Hotelzimmer warten müssen. Oder dass er mehrere Stunden mit dem Hotel über die Rechnung diskutiert und denen verschiedene Weine und Geschenke bringt, damit sie ihm die Rechnung so schreiben, wie er möchte. Daneben sitzen die Sportler, die hoffen, sich irgendwie einen Transfer zum Bad selbst organisieren zu können. Bei der EM in Debrecen sind wir wegen der unterschiedlichen Abfahrtszeiten aneinander geraten. Ich habe ihnen gesagt: Wenn hier jetzt jemand den Raum verlässt, dann reiße ich euch den Arsch auf. Ich glaube, dass der Verband jetzt merkt, was ich damals gemeint habe und hoffe, dass es langsam auch in die richtige Richtung geht.

LAOLA1: Wie ist es deiner Meinung nach um das Fachwissen der OSV-Führung bestellt?

Jukic: Ein Moschos Tavlas hat nicht viel Ahnung vom Schwimmen. In seinen besten Jahren als Trainer hatte er eine Sportlerin mit 1:03 Minuten auf den 100m Rücken, die es vielleicht knapp auf die europäische Bühne geschafft hat. Er ist aber dann derjenige, der den Sportlern und Trainern vom Rang eines Markus Rogan, meiner Schwester, eines Maxim Podoprigoras, eines Robert Michlmayrs oder meines Vaters erklärt, dass er der Oberboss und Sportkoordinator ist und er weiß, wie es funktioniert. Da stimmt die Kommunikation nicht.

LAOLA1: Hättest du dir von deinen Schwimmer-Kollegen bei deinem Kampf mehr Rückendeckung erwartet?

Jukic: Ich habe gewusst, dass ich diese nicht bekommen werde, weil welche Sportler könnten das riskieren? Jene Athleten, die Nummer zwei bis vier in Österreich sind und knapp an der Quali für internationale Events dran sind, für die gab es keine klaren Kriterien. Für sie gab es einen Moschos Tavlas, der damals die Limitzeiten entsprechend den Schwimmern zurechtgeschneidert hat. Er hat keinen Code herausgearbeitet, sondern hat geschaut, wie er letztendlich wo die Limits ansetzen musste, dass der eine mitfahren konnte und der andere zuhause bleiben musste. Er ging her und sagte sich: Über 50m Rücken hätten wir eine junge Desiree Fellner, die könnte die Norm schaffen, also setzen wir das Limit etwas leichter an, damit sie mitfahren kann. Das war das Werk von Moschos Tavlas. Von daher habe ich gewusst, dass es im Prinzip nur Markus, meine Schwester und mich gibt, die die Limits aus dem Training heraus schwimmen können. Die anderen würden es sonst gar nicht zu den Wettkämpfen schaffen.

LAOLA1: Wer wurde geschnitten?

Jukic: Beispielsweise Dietmar Stockinger, der jahrelang Nummer zwei in Österreich war, aber nie zu einem Großereignis mitgenommen wurde. Es wurden halt immer wieder die Limitzeiten so gesetzt, dass er es nicht schafft. Es gibt auch einen Marco Ebenbichler, der einen offenen Brief geschrieben hat, einen Thomas Narnhofer, der aus dem Kader gestrichen wurde.

LAOLA1: Es entsteht der Eindruck, dass Probleme mit dem Verband praktisch dazugehören.

Jukic: Irgendwann stellte ich mir dann die Frage: Liegt es wirklich an mir? Oder ist es Zufall, dass all diese Athleten Schwierigkeiten mit dem Verband haben? Selbst einem Markus Rogan erging es so. Er hatte halt irgendwann keine Lust mehr und ging nach Amerika. Hunor Mate wechselte einst die Nationalität. In Österreich musste er den Hauptsponsor vom Verband aber irgendwann sogar um zwei Semmeln pro Tag bitten. Den Verband interessiert das nicht. Moschos Tavlas hat zu ihm gesagt: Die Clever-Sachen im Merkur sind billig. Das ist die Antwort, die man bekommt. Der ganze neue Verband, auch jene Leute, die jetzt neu dazugekommen sind, gehören ausgetauscht.

Hunor Mate will keinen Zentimeter mehr für den Verband schwimmen

LAOLA1: Viele Leute geben dir inhaltlich Recht, aber einige meinen, dass du dich im Ton vergriffen hast. Dass du sachlicher vorgehen hättest sollen. Würdest du es rückblickend noch einmal so machen?

Jukic: In Debrecen hat man sich auch mir gegenüber im Ton vergriffen. Ich wollte mir das nicht gefallen lassen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, wie ich damals reagiert habe, sage ich: Okay, das war vielleicht zu viel von mir. Jedoch habe ich davor schon öfter versucht, Dinge im Verband intern anzusprechen. Paul Schauer meinte immer, dass sie das machen würden. Es hat sich aber nie etwas geändert. Irgendwann habe ich gesehen, dass dieser ruhige Weg nicht funktioniert. Sobald man versucht, über die Medien etwas zu bewegen, ist man sofort der Buhmann. Dabei scheint es aber die einzige Möglichkeit zu sein. Ich werde nicht aufhören, komme was wolle.

LAOLA1: Wie verfolgst du die WM?

Jukic: Vom Fernseher aus. Im Schwimmer-Jargon sagt man, dass das nacholympische Jahr nicht von großer Bedeutung ist. Das sieht man an den Ergebnissen heuer. Ich gehe nicht davon aus, dass ich viel verpasst habe. Ich bin aber nicht nach Barcelona geflogen. Ich glaube, selbst wenn ich den Verband angerufen hätte, hätte ich wohl keine Akkreditierung als Begleiter bekommen.

LAOLA1: Wie geht’s bei dir persönlich weiter?

Jukic: Ich reise um die Welt, habe bei einigen Trainingsgruppen mittrainiert, auch um das optimale Umfeld zu finden. Und um mich auch geistig für mein Ziel, die Olympia-Medaille, vorzubereiten.

LAOLA1: Trainierst du ab September wieder in Wien?

Jukic: Davon gehe ich nicht aus. Von Moschos Tavlas wurde mir eine Bahn in der Südstadt für eineinhalb Stunden am Morgen und am Abend zugestanden. Größere Anfragen von mir wurden nicht bedacht. Dabei merke ich gerade, dass egal wo ich auf er Welt hinkomme, wenn ein Trainer in irgendeinem Bad weiß, wer ich bin, macht der sofort eine Bahn für mich frei und bittet mich, mit ihnen zu schwimmen, damit sie sich etwas abschauen können. Dass ich und die Nachwuchsschwimmer vom SC Austria zuletzt Karten für die Wiener Bäder kaufen mussten, aus denen meine Schwester und ich dann auch noch rausgeworfen wurden, geht alles auf die Kappe des Verbandes und der Stadt Wien.

Das Interview führte Reinhold Pühringer

 

Anmerkung der Redaktion: Das Interview blieb nicht ohne Reaktionen. Dominic Meidlinger, Sohn des OSV-Präsidenten, möchte klarstellen, dass die Einteilung der HSZ-Plätze bereits vor der Amtsübernahme seines Vaters erfolgte. Letzterer war zu diesem Zeitpunkt Präsident des Wiener Landesverbandes. Dominic leistete den Grundwehrdienst beim HSZ ab, wurde dann aber nicht weiter übernommen.

LAOLA1: Muss man sich durch die Sperre des Vereins SC Austria Wien durch den OSV Sorgen um die wirtschaftliche Lebensgrundlage der Familie Jukic machen?

Jukic: Das war auch der Grund, warum ich mich entschloss, mit härteren Bandagen zu kämpfen, weil ich mich bislang nur verteidigt habe. Dann habe ich aber gesehen, dass sie darauf aus sind, uns fertig zu machen. Sie wissen, dass sie durch die Sperre des Vereins und den Verlust aller Schwimm-Kids im Verein, meinen Vater, der beim Verein angestellt ist und keinen Cent vom Verband bekommt, praktisch zum AMS schicken. Dabei hat er in den letzten 13 Jahren für über 30 internationale Medaillen gesorgt. So kann es für mich nicht mehr weitergehen. Diese Menschen, die sich im Verband so schön bedient haben, werden jetzt einmal etwas zu hören bekommen. Mit dem SC Austria wird es dem Verband ähnlich ergehen, wie mit den acht Salzburger Vereinen und dem Landesverband Salzburg.

LAOLA1: Für die WM in Barcelona haben sich nur vier OSV-Schwimmer qualifiziert.

Jukic: Nach einem Jahr ohne Markus, Mirna und Dinko sieht man, wo der österreichische Schwimmsport wirklich steht. Das ist, was Moschos Tavlas gemacht hat. Solange man ihm Autonomie gewährt, Dinge zu entscheiden, wird es nicht aufwärts gehen. Der OSV entscheidet, wer in den Leistungszentren in der Südstadt, Linz und Graz Trainer wird. Da fließen auch eine Menge öffentlicher Gelder hinein. Ich kenne aber niemanden, der eines dieser Internats-Systeme vollkommen durchlaufen und eine Medaille geholt hat. In Litauen ist eine 15-Jährige Olympiasiegerin geworden und 17-, 18-jährige Burschen gewinnen anderswo bereits internationale Medaillen. Unsere sind hingegen froh, wenn sie irgendwo an einem Semifinale kratzen. Das ist ganz weit von der Realität entfernt. Bei unserem WM-Quartett wird das Ergebnis letztendlich wie schon vor 20 Jahren lauten: Alle sind heil zurückgekehrt, niemand ist abgesoffen.

LAOLA1: Du bist ja bekannt, kein Mensch der leisen Töne zu sein.

Jukic: Ich habe nur EIN Gesicht und morgen möchte ich mich noch in den Spiegel schauen können. Ich werde für den Verband nie die Schlange spielen und mich auf Befehl nach links oder rechts wenden. Wenn ich das wollen würde, wäre ich schon längst Slalomfahrer. Rein metaphorisch gesprochen natürlich.

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