Wir sind Cambridge

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Über 1.400 Namen.

Auf einer großen Wand im Goldie Bootshaus sind sie alle festgehalten. Alle Namen, die für die University of Cambridge in der schon über 180 Jahre andauernden Rivalität mit Oxford zum Ruder griffen.

Und neben all den Aufgelisteten steht entweder ein „Won“ oder ein „Lost“.

Ab Samstag (ab 18:35 live bei ServusTV) wird auch der Name Alex Leichter an dieser ehrwürdigen Wand prangen, womit er der erste Österreicher sein wird, dem diese Ehre wiederfährt.

„Da merkst du, dass du Teil von etwas Größerem bist“, so der Linzer. Auch wenn er meint, dass alleine die Aufnahme auf diese Wand schon eine Würdigung sei, ist die Frage, welches Attribut er sich neben seinen Namen wünscht, müßig.

Das ewige Duell

Es ist kein Geheimnis, dass der Rudersport – zumindest in unseren Breiten – um mediale Beachtung kämpft. Doch genau im Wettstreit mit immer ausgefalleneren Trendsportarten genießt der Ruder-Klassiker Oxford gegen Cambridge aufgrund seines anachronistischen Charakters eine absolute Ausnahmestellung, die ihresgleichen im internationalen Sport sucht.

Kurzum: Das Boat Race ist Kult.

Die im Jahre 1829 begonnene Auseinandersetzung zwischen den beiden Elite-Universitäten mit all ihren Traditionen und Mythen strahlt heutzutage eine Magie aus, die jedes Jahr mehrere hunderttausend Zuschauer an die vier Meilen und 372 Yards (6.779 Meter) lange, geschlungene Strecke auf der Themse in London und Millionen vor die TV-Geräte lockt.

Das Prestige für die insgesamt 16 Ruderer, die in den beiden Booten sitzen, ist enorm. Es fühlt sich an, als würde es sich hier um Sport in seiner reinsten Form handeln.

Und mittendrin in diesem Spektakel ist Leichter. Obwohl es die Premiere des 25-Jährigen im Einser-Boot von Cambridge, dem Blue Boat ist, hat er gleich eine recht außergewöhnliche Rolle über, nämlich die des President, was in unserem Sportverständnis dem Kapitän gleichkommt.

Oxford Cambridge
Siege 78 81
Letzter Sieg 2014 2012
Schnellste Siegeszeit 16:42 min (2005) 16:19 min (1998)
Längste Siegesserie 10x (1976-1985) 13x (1924-1936)

Die acht Besten und Richtigen

Alex Leichter und Clemens Auersperg

Der erste Österreicher überhaupt in der Geschichte des Boat Race und gleich President – was auf den ersten Blick recht überraschend klingt, ist es bei genauerer Betrachtung dann aber gar nicht.

Denn Leichter stellte sich bereits zum dritten Mal der monatelangen, beinharten Selektion, in welcher die beste und – der Hickersberger’schen Lehre folgend – auch die richtige Besetzung jenes Achters ermittelt wird, der Oxford die Stirn bieten soll.

In den vorigen beiden Jahren scheiterte der Mann vom Ruderklub Wiking Linz knapp und musste letztlich im Goldie, das wie das Bootshaus nach einem früheren Cambridge-Ruderer benannt ist, platznehmen. Also dem zweiten Achter, der vor dem großen Showdown ein Rennen gegen die Reserve Oxfords fährt.

Diesmal hat er es jedoch gepackt. Wie vier andere ließ er sich zur Wahl aufstellen und wurde prompt zum President gewählt. Das bedeutet ein Mehr an Verantwortung für Leichter. „Ich muss den Club nach außen hin, etwa bei Charity- oder Medien-Events, vertreten und soll freilich auch ein gutes Vorbild abgeben“, schildert er im Gespräch mit LAOLA1.

Ein President mit Ö-Schmäh

Modetechnisch geht es Cambridge beim Presidents-Shooting sehr offensiv an

In wichtigen Momenten verlangt es dann freilich nach ein paar inspirierenden Worten in Form einer Ansprache. Etwas, was Leichter keineswegs scheut. Ruder-Kollege Clemens Auersperg kann das bestätigen.

„Ich hätte ein mulmiges Gefühl, in einer Sprache, die nicht meine Muttersprache ist, eine Ansprache zu halten, aber Alex macht das bravourös. Der österreichische Schmäh kommt gut an“, verrät Auersperg, der nur um ein Haar an einem der acht begehrten Plätze vorbeigeschrammt ist und heuer im Goldie rudert. Der zweite Linzer ist jedoch erster Ersatzmann. Sollte vom A-Team jemand ausfallen, würde er nachrücken.

„Dennoch hoffe ich, dass das nicht passiert, wir sind schließlich ein Team“, so Auersperg, der freilich mit dem großen Ziel Boat Race für sein letztes Studienjahr von der Columbia University in New York nach Cambridge gewechselt war. „Natürlich ist die Enttäuschung über das knappe Verpassen groß, aber wenn Cambridge siegt, sehe ich unsere Rolle im Goldie als vollauf erfüllt, weil wir unsere Einser-Garnitur davor genug gefordert und dementsprechend gestärkt haben“, spielt er auf den unbarmherzigen Selektionsprozess an.

Gewogen und gemessen

Selektionsstart am Ergometer

Die Selektion begann Anfang September mit einem Ergometer-Rennen über 2.000 Meter, dem sich die 60 ambitioniertesten Athleten der 31 (!) Ruder-Klubs der Uni Cambridge stellten.

Etwas, wobei Leichter sich gleich empfehlen konnte. „Alex ist einer der körperlich stärksten, der ist am Ergometer ganz vorne mit dabei“, weiß Auersperg. Es folgte am 1. November das Fours Head, ein Einzelzeitfahren in diversen Vierer-Variationen über den umgedrehten Kurs des Boat Race. Ein Event, bei dem Boote von beiden Unis rudern. Oxford stellte diesmal zwar den schnellsten Vierer, Cambridge glänzte jedoch mit mehreren schnellen Besatzungen. Danach gibt es Uni-interne Matches im Achter, ehe Cambridge in einem Trainingslager in Banyoles (ESP) die letztliche Besatzung festlegte.

Professoren ohne Gnade

Die 6.779 Meter lange Strecke des Boat Races im Westen Londons

Unzählige Trainingskilometer wurden heruntergespult und viel Schweiß vergossen. Doch es waren nicht nur die physischen Herausforderungen, welche dem Duo in den vergangenen Monaten praktisch alles abverlangten. „Das Rennen ist deshalb so besonders, weil es nicht nur sportlich hochwertig ist, sondern du auch akademisch während dieser Zeit voll gefordert bist“, gibt Leichter zu bedenken. „Die Professoren nehmen nicht die geringste Rücksicht.“ Den Rivalen aus Oxford ergehe es nicht anders.

Auersperg sieht das genauso: „Die Leute unterschätzen, wie streng die Uni ist.“ Das fange in dem im Jahre 1209 gegründeten Traditions-Institut schon bei der Bewerbung an. „Da wird dir sogar davon abgeraten, anzugeben, dass du ruderst, weil dann die Befürchtung aufkommt, dass du Kurse wegen des Trainings versäumen könntest“, so Auersperg, der auf der Cambridge Judge Business School heuer seinen Master in Management finalisiert.

Leichter wollte, nachdem er an der WU Wien zu studieren begonnen hatte, ins Ausland gehen und gleichzeitig seine Ruder-Karriere vorantreiben, was ihn schließlich nach Cambridge verschlug. Im Juni wird er im Fach „Land Economy“ abschließen.

Wie ein Studium an jener Uni, welche mit 90 die weltweit meisten Nobelpreisträger hervorgebracht hat, sowie ein Hochleistungssport unter einen Hut zu bringen sind, lässt sich aus Sicht des Linzer Duos auf ein Schlagwort reduzieren: Zeit-Management.

Schlag auf Schlag

Die Tagesabläufe der Ruder-Aushängeschilder sind deshalb sehr straff, beginnen in der Regel um halb sechs, ehe es wenig später mit einer zwei-stündigen Trainingseinheit folgt. „Danach schnell ein Frühstück oder halt ein zweites bevor es um neun in die Vorlesungen geht“, erzählt Auersperg. Um halb zwei folgt die zweite Trainingseinheit, die bis fünf oder sechs Uhr dauert.

„Am Abend wird dann noch aufgeholt, was du auf der Uni verpasst hast und freilich gegessen in rauen Mengen“, grinst Leichter, der weiß, wovon er spricht. Mit 99 kg Lebendmasse brachte der 1,94 m große Oberösterreicher beim offiziellen Wiegen der beiden Boat Race Besatzungen den Höchstwert auf die Waage (siehe Foto links).

Leichter als Schwerster. „Zum Glück hat den Wortwitz von den anderen noch niemand überrissen“, schmunzelt der President.

Wenn dich alle Studenten kennen

Wenn schon die „Profs“ nicht viel für das ruderische Gedeihen der Light Blues übrig haben, so haben es zumindest die Mitstudenten sowie Einwohner Cambridges. Denn wie die rund 40 Ruder-Klubs in einer Stadt, die in etwa halb so groß ist wie Linz, erahnen lassen, ist die Sportart dort eine ganz große Nummer.

„Man sagt, dass jeder Cambridge-Student irgendwann einmal gerudert hat“, meint Auersperg. Von Promi-Status wollen beide dennoch nicht sprechen. Das sei übertrieben. „Wir sind halt bekannte Sportler. Die Studenten kennen uns alle, viele folgen uns via Social Media“, beschreibt es Leichter.

Während Leichter bei allen Etappen gut durchkam, hatte Auersperg insbesondere in Spanien gehörig zu kämpfen. „Da kam ich gerade von einer Bandscheiben-Verletzung zurück. Das war hart für mich.“ Womöglich der Grund, warum es letzten Endes knapp nicht gereicht hatte.

Letztlich schafften es neben Leichter noch vier US-Boys, ein Niederländer, ein Australier sowie ein Brite ins Blue Boat.

Zur Formüberprüfung wurde der niederländische Achter zu einem Trainingsrennen auf die Themse eingeladen. Gegen das mit vier Weltmeister besetzte Oranje-Boot konnte bei zwei Läufen über die beiden Hälften der Original-Strecke ein Sieg sowie ein – wenn man so will – Unentschieden erzielt werden. Leichter: „Im ersten Lauf hatten sie große Schwierigkeiten mit Wind und Wellengang. Bedingungen, an die wir gewohnt sind. Im zweiten war es vollkommen offen.“

Spätestens beim Material sei aber sehr wohl erkennbar, dass für das Prestige-Rennen keine Kosten und Mühen gescheut werden.

Obwohl um den Klassiker ein wahrer Hype herrscht, regiert der Amateur-Gedanke. Weder Preisgelder noch Sportler-Stipendien werden bezahlt.

Für die Studiengebühren, die pro Jahr rund 12.000 Euro ausmachen, hat Leichter sein Erspartes verwendet.

Einziger Lohn bleibt für ihn der Schriftzug an besagter Wand.

Am liebsten eine Eins ohne Sternchen

2008: Schwimmer sorgte für Neustart

Gesunkene Boote, ein Unentschieden, wegen eines angeblich betrunkenen Schiedsrichters (1877), oder ein Schwimmer, der das Rennen zu einem Neustart zwang (2012) – die lange Geschichte des Boat Races hat viele seltsame Ausgänge hervorgebracht.

Welchen sich Leichter wünscht? „Keinen einzigen Zwischenfall, keine Boots-Berührungen und ein Cambridge-Sieg. Damit kein Sternchen in den Gewinnerlisten steht, das meint: Sieg, ABER…“

Ob es schon eine spezielle Taktik gibt, wolle er nicht verraten. Wer im Rennen letztlich die Innen- und wer die Außenbahn bekommt, entscheidet das Los.

Zurückrudern

Nach dem Abschluss wird es für beide wieder zurück nach Österreich gehen, wo sie auch ihre Ruder-Karriere fortsetzen. „Wir stehen in Kontakt mit dem Verband und Nationaltrainer Carsten Hassing“, erklärt Leichter.

Ob sich die beiden nach einer Rückkehr in einem Vierer (mit YOG-Startern Querfeld und Seifriedsberger) oder gar in einem Zweier wiederfinden, müsse man erst sehen. Für einen Achter fehlt in österreichischen Gefilden im Moment ohnehin der dafür notwendige Athletenpool.

Insofern sollten die beiden ihre Zeit im Ruder-Wunderland England noch ein wenig genießen.

 

Reinhold Pühringer

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