Die Siebers: Zwei Brüder, ein Traum

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Alles in der Welt kommt auf einen gescheiten Einfall und einen festen Entschluss an.

Das behauptete zumindest Johann Wolfang von Goethe.

Offen lässt der Beckenbauer unter den Dichtern allerdings, die Grundmotive besagten Einfalls. Ruderer Bernhard Sieber kann ein Lied davon singen.

Was er – zumindest aus heutiger Sicht – als seine Bestimmung sieht, dem lag aber einst eine völlig anderweitige Grund-Intention zu Grunde.

„Es war in der AHS“, erinnert sich der Wiener mit einem Grinsen. „Wir konnten aus verschiedenen Freifächern wählen. Eines davon war Rudern, worauf sich ein paar Freunde und ich gesagt haben: Rudern? Da kriegst du sicher einen super Körper.“

Nächstes Etappenziel in Sevilla

Einige Jahre später sitzt Sieber noch immer mit dem Rücken in Fahrtrichtung im Boot. Verändert haben sich seither aber nicht nur Brust- und Schulter-Umfang des mittlerweile 22-Jährigen, sondern auch sein Zugang zum Sport sowie sein Mitfahrer.

Besagte Freunde von damals sind zwar nach wie vor mit dem Rudern verbandelt, im Boot sitzt hinter ihm nun aber sein jüngerer Bruder Paul. Gemeinsam gehen sie von Freitag bis Sonntag bei der Europameisterschaft in Sevilla im Leichtgewichts-Doppelzweier an den Start.

In der spanischen Metropole will das Duo nach dem vierten Platz im Vorjahr mit einem neuerlichen Final-Einzug die nächste Etappe bei der Verwirklichung ihres großen Traums erreichen, der da heißt, es als Brüder-Paar zu den Olympischen Spielen zu schaffen. Ein Traum, der in der Vergangenheit nicht immer so klar und greifbar schien, wie er es heute tut.

Rückblende

Die ersten schulischen Berührungen mit dem Ruder-Sport weckten in Bernhard schnell die Lust auf mehr, woraufhin er das Training intensivierte. Erfolge stellten sich schnell ein. Und wie das in Familien nun mal so ist, wurde der um zweieinhalb Jahre jüngere Paul vom „Virus“ seines Bruders rasch angesteckt und fand sich alsbald selbst im Boot.

Die Idee von einem reinen Brüder-Gespann war schnell geboren, doch zu groß waren zunächst noch Alters- und deshalb auch Leistungsunterschied.

„Außerdem wollten wir warten, bis Paul mit der Schule fertig ist“, berichtet Bernhard.

Eigenen Weg gegangen

Bei der EM im Vorjahr zeigten Bernhard und Paul Sieber mit Rang fünf auf

Der Start des Brüder-Projektes „Rio 2016“ verlief dann keineswegs risikolos. Die leistungsmäßige Ungleichheit der beiden führte dazu, dass ihre gewünschte Bootsbesetzung vom Ruder-Verband (ÖRV) nicht gut geheißen wurde.

Davon ließen sie sich aber nicht entmutigen. „Wir haben uns weit aus dem Fenster gelehnt, weil wir einfach unser Ding durchziehen wollten“, erklärt Bernhard.

Es ging ihnen auch nicht um schnelle Erfolge, sondern viel mehr um nachhaltige Trainingsarbeit und ein Stück weit auch um die „Faszination des Zweiers“, wie es Paul beschreibt.

Denn Rudern ist nicht nur plumpes „Anreißen“ – nein, im Zweier geht es um die Feinheiten, die Abstimmung, das Harmonieren der beiden Athleten. Mehr als in jeder anderen Bootsklasse.

Die Suche nach dem „perfekten Schlag“

„Man muss sich das so vorstellen“, erklärt Bernhard, „zwischen Ein- und wieder Auftauchen des Ruders wirkt ein Druck auf das Blatt. Dieser Druck kann sich schnell aufbauen und dann langsam nachlassen oder langsam aufbauen und zum Schluss schnell abfallen.“

Stimmen diese Muster zwischen den zwei Ruderern nicht überein, dann kommen sie nicht nur schlechter vom Fleck, sondern fühlen sich auch vom anderen alleine gelassen. Im Zweier fällt das mehr ins Gewicht als bei größeren Bootsklassen, da dort Differenzen in der Masse untergehen.

„Im Zweier entscheiden Feinheiten“, verweist Paul auf unzählige Trainingskilometer und Video-Analysen. „In der Super-Zeitlupe kannst du erkennen, dass beispielsweise bei einem das Ruder-Blatt um eine Zehntel-Sekunde früher aus dem Wasser herauskommt als beim anderen“, so Bernhard.

Noch genauere Feinheiten könne dann auch keine „Super-Slomo“ mehr zeigen. „Das kannst du dann nur noch erspüren“, gibt Bernhard einen Einblick.

Am Reste-Buffet Lust auf mehr bekommen

Dass sich das Duo auf dem richtigen Weg befindet, deutete sich erstmals bei der Restplätze-Regatta 2012 in Luzern an. Jenem Rennen, bei dem sich alle noch nicht qualifizierten Boote, um die letzten zwei Plätze für die Olympischen Spiele rittern, was gemeinhin als härtester Wettkampf des Jahres gilt.

Mit Nacktschnecken unter der Dusche

Paul (rechts): "Ich fahre jedes Rennen davor einmal im Kopf durch."

Die Verhältnisse im Leistungszentrum an der Neuen Donau, das das sportliche Zuhause der beiden Brüder darstellt, sind zwar keineswegs optimal, doch mit dem Schimmel an den Wänden und den Nacktschnecken in der Dusche haben sie sich längst arrangiert.

„Wir möchten nicht groß herumjammern, weil wir sagen, dass diese Voraussetzungen ausreichen, damit wir uns unseren Traum erfüllen können“, meint Bernhard knapp.

Mentale Präparation zählt ohnehin zu den großen Stärken der Neffen von Windsurf-Olympiasieger Christoph Sieber. Der Onkel mit dem großen Namen hat den Erfolgsweg von Paul und Bernhard aber nicht maßgeblich beeinflusst, allerhöchstens flankiert. So hat er den Zwei ihren jetzigen Mental-Coach Stefan Rosenauer vermittelt.

Der, der die Energie in Bahnen lenkt

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche und dem Feilen an Einstellungen durchdringt seither ihr sportliches Treiben und erfasst auch andere Lebensbereiche. Geht es um die Analyse der eigenen Stärken und Schwächen, wissen beide ganz genau, wie die Rollen im Boot verteilt sind.

„Während Bernhard der ist, der explodiert und auch mal mit dem Kopf durch die Wand will, bin ich der eher Introvertierte, der versucht, die ganze Energie in Bahnen zu lenken“, erklärt Paul, warum er letztendlich am Bug sitzt.

Diese klare Verteilung hilft auch bei der Konflikt-Vermeidung. Schließlich ist seit Kain und Abel bekannt, dass Brüder nicht immer einer Meinung sind. Die Siebers stellen da keine Ausnahme dar.

„Wenn wir aber in das Boot steigen, dann lassen wir das draußen“, meint Bernhard. Zu wichtig und zu groß sei das gemeinsame Ziel, für welches beide persönliche Interessen zurückschrauben wollen.

Denn schließlich ist es nicht genug zu wollen – man muss auch tun. Das behauptet zumindest Goethe.

Reinhold Pühringer

„Obwohl alle vom Start weg wie die Wahnsinnigen rausmarschiert sind, haben wir als jüngstes Boot bis zur 1.000m-Marke super mithalten können“, war Bernhard überrascht. In der zweiten Hälfte des Rennens wurden die Youngsters aber auf den Boden der Realität zurückgeholt und mussten als Fünfte die physiologische Überlegenheit der Gegner anerkennen.

„Es klingt vielleicht kitschig“, so Bernhard, „aber als wir dann völlig geschlaucht im Ziel waren, habe ich gesagt: Dann werden wir halt U23-Weltmeister.“ Und so war es dann auch.

Im Juli 2012 ruderte das Duo im litauischen Trakai zum bisher größten Triumph ihrer Karriere.

Der Stinkefinger als Kommunikationsmittel

Mit ihren Erfolgen tragen die Siebers ihren Anteil zur neuen Aufbruchstimmung im heimischen Verband bei. Nach zwei Olympischen Spielen ohne ÖRV-Beteiligung übernahm im März der ehemalige Weltklasse-Athlet Horst Nussbaumer das Präsidenten-Ruder. Ihm folgten sein früherer Mitstreiter Norbert Lambing als Sportdirektor sowie neue Strukturen.

„Alle Bereiche sind jetzt klar abgesteckt. Für mich als Sportler gibt es keine Unsicherheiten mehr. Das macht wieder richtig Spaß“, honoriert Bernhard Sieber.

Ein nicht unwesentliches Mosaik-Steinchen ist herbei Carsten Hassing. Der Däne ist seit Oktober neuer Nationaltrainer und soll dafür sorgen, dass die drei Zentren Wien, Linz und Kärnten wieder in die gleiche Richtung rudern.

Sein Werkzeug dafür ist unter anderem Humor. „Das fängt schon in der Früh an, wenn du zum Training kommst und er dich in seinem Akzent mit ‚Good Morning, Skiddy-Boys‘ begrüßt“, schmunzelt Bernhard. Oder wenn es etwa darum geht, die Ruder nicht zu verkrampft zu halten, was über den richtigen Einsatz der Mittelfinger funktioniert: „Da kann es schon einmal vorkommen, dass er dir das von Weitem mit in die Höhe gestreckten Mittelfingern signalisiert.“

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