Ringer nach IOC-Beschluss: "Wir geben nicht auf"

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Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Ringen fliegt 2020 aus dem olympischen Programm. Die Bestätigung im Herbst gilt nur noch als Formsache.

„Es ist ein Schock“, bringt es Amer Hrustanovic, Österreichs Olympia-Starter in London, auf den Punkt. Den 24-Jährigen erreichte die Kunde während eines Trainingslagers im ungarischen Tata. „Es ist heftig, weil es keinerlei Vorzeichen gab.“

Denn ursprünglich galt Moderner Fünfkampf als Streichkandidat Nummer eins. Bezüglich Ringens kamen aus IOC-Kreisen zuletzt sogar positive Meldungen. „Es hieß, dass die Gewichtsklassenzahl bei den Damen auf sieben erhöht wird“, schüttelt Toni Marchl, Leistungssportverantwortlicher im heimischen Verband, ebenfalls den Kopf.

„Wohin soll das führen, wenn bei Kommerz gegen Tradition immer der Kommerz den Vorzug erhält?“, verweist Thomas Reichenauer, Präsident des heimischen Ringsport-Verbandes (ÖRSV), auf den historischen Hintergrund der Olympischen Spiele.

„Wischi-waschi“ statt Ringen?

Das IOC gab an, anhand von 39 Kriterien, darunter TV-Quoten oder auch Anti-Doping-Bestimmungen, entschieden zu haben. Für die Ringer unverständlich. „Wenn Ringen tatsächlich rausfliegt, was haben dann Softball oder Wischi-waschi – oder wie dieser Sport heißt, dann bei den Spielen verloren?“, schreckt Hrustanovic nicht vor einem Seitenhieb auf Wushu, das aktuell Kandidaten-Status genießt, zurück.

„Meiner Meinung nach sollten auch Fußball oder Basketball nicht olympisch sein. Das leuchtet mir überhaupt nicht ein. Oder Boxen. Das ist zwar eine Kampfsportart, aber nach einem Olympia-Sieg wird praktisch jeder Profi. Und wenn ein Weltmeister-Titel mehr zählt als ein Olympia-Sieg, dann kann irgendwas nicht stimmen.“

Alles schön reden will der 86-kg-Athlet aber nicht. „Ich gebe dem FILA (Ringer-Weltverband; Anm.) eine Mitschuld, weil die Regeländerungen, die es seit 2000 bis jetzt gegeben hat, unglaublich waren. Alle drei oder vier Jahre musstest du dich an eine neue Änderung gewöhnen. Da verstehe ich das IOC ein Stück weit. Entweder eine gescheite Änderung oder gar keine.“

Regierungen eingeschaltet

International ist die Bestürzung über die IOC-Entscheidung enorm. In den Nationen mit großer Ringer-Tradition wandten sich die Aushängeschilder und Verbände sogar an ihre Regierungen. In den USA, in denen die Zweikampfsportart insbesondere durch die Colleges populär ist, benötigt eine Unterschriften-Aktion nur noch einige zehntausend Unterstützungen, damit sich die Regierung mit dem Thema auseinandersetzen muss. Das mediale Echo ist dementsprechend groß.

„Die Griechen haben bereits angemerkt, dass Ringen im Eid der antiken Olympischen Spiele vorkommt“, so Marchl, der nicht versteht, warum das IOC auf seine Wurzeln vergisst. Schließlich zählte Ringen bereits bei der Premiere 1896 zum Programm der Spiele der Neuzeit.

Aus den Worten des Olympia-Sechsten schwingt die Hoffnung mit, dass der Rauswurf noch lange nicht durch ist.

Positiv stimmt ihn der große Aufschrei, mit dem er selbst nicht gerechnet hat. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das IOC das durchbringt.“

Ringen hat bis zum September Kandidaten-Status. Im Mai dürfen sich Ringen, Squash, Wushu, Klettern, Wakeboard, Rollersport und Karate dem IOC präsentieren. Der Ort dieser Tagung soll mit St. Petersburg ausgerechnet in einer Ringer-Hochburg stattfinden. Die endgültige Entscheidung, welche aufgenommen wird, fällt im September in Buenos Aires.

„Tödliche“ Konsequenzen

Sollte der Olympia-Exodus aber tatsächlich Realität werden, wären die Folgen für die Sportart verheerend. „Alleine von der Motivation her“, weiß Marchl. „Für uns zählen nur die Olympischen Spiele, um dort einmal im Rampenlicht zu stehen. Wenn das wegfallen würde, können wir zusperren. Das wäre unser Tod.“

In deutschen Medien wird vorgerechnet, dass die Förderungen des dortigen Ringer-Verbandes auf ein Drittel sinken würden. ÖRSV-Präsident Reichenauer wollte zu den Zahlen in Österreich noch keine Schätzung abgeben. „Fest steht allerdings, dass die Förderungen seitens des BSO oder des Team Rot-Weiß-Rots, für die der Olympia-Status ein Kriterium ist, wegfallen würden.“ Den Rückfall auf ein Drittel beschreibt er als „Worst Case“.

Hrustanovic glaubt an ähnlich fatale Folgen, ihn persönlich würde es allerdings nicht mehr treffen. „2016 ist es ja noch olympisch und ich habe ohnehin vor, nach Rio aufzuhören. Bitter ist es für die Jungen, denen der Weg versperrt wird. Für sie ist das sch…“

Von Wallner bis Beckenbauer

Während also die internationalen Big Player der Ringer-Matte ihre Regierungen eingeschalten, versucht auch der ÖRSV mobil zu machen. Anlaufperson aus heimischer Sicht ist in erster Linie Leo Wallner, der als einziger Österreicher im IOC sitzt. Darüber hinaus will man bei der Frontbildung innerhalb der Sportart nicht fehlen.

„Wir werden den Kontakt zu den internationalen Verbänden suchen, um geschlossen hinter der FILA zu stehen“, erklärt Reichenauer. Die schwache Rolle der FILA innerhalb des IOC wird von vielen Seiten als Mitgrund für die Rote Karte gesehen.

„Außerdem möchten wir den Kontakt zu Opinion Leader suchen, die von außerhalb der Sportart für das Ringen eintreten.“ Diesbezüglich hat der ÖRSV bereits bei Franz Beckenbauer vorgesprochen, der gewillt sein soll, den deutschen IOC-Vizepräsidenten Thomas Bach umzustimmen.

Eines steht laut Marchl aber fest: „Wir sind Ringer, wir geben nicht auf.“

Reinhold Pühringer

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