Wozu überhaupt Europaspiele?

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Eine sportliche Großveranstaltung wird an ein Land vergeben, welches es – vorsichtig formuliert – mit den Menschenrechten nicht allzu genau nimmt (Baku sperrt Amnesty aus).

Die Geschichte wiederholt sich.

Der darauffolgende mediale Aufschrei ist zwar jedes Mal groß, scheint aber mehr oder weniger wirkungslos zu verpuffen.

Ganz umsonst ist er vielleicht aber doch nicht, schließlich rang sich das IOC erst Ende 2014 zu seiner „Agenda 2020“ durch, in welcher man sich darauf einschwor, künftig einen neuen Kurs einzuschlagen.

Zuletzt erklärten sich nämlich immer weniger westliche Demokratien dazu bereit, sich dem immer offensichtlicheren neuen Leitmotto der Spiele „größer, teurer, protziger“ zu unterwerfen. Für die Winterspiele 2022 bleibt den Olympiern etwa nur noch die Auswahl zwischen Peking und Almaty. Beides alles andere als klassische Wintersport-Orte.

Wie auch immer, dürstet also selbst dem sonst so reformresistenten IOC nach einem Umdenken. Vor diesem Hintergrund ist die Wahl des Ausrichters der heuer erstmals ausgetragenen Olympischen Europaspiele mit Baku (12. bis 28. Juni) jedoch alles andere als glücklich.

„Gäbe es Medaillen für die Zahl inhaftierter Regierungskritiker, wäre Aserbaidschan ein Platz auf dem Siegerpodest sicher“, wurde jüngst ein Amnesty-International-Mitarbeiter im „Spiegel“ zitiert.

Keine faire Wahl

Um die Entscheidungsfindung des Europäischen Olympischen Komitees (EOC) ein wenig zurechtzurücken, sei fairerweise ergänzt, dass die Spiele bereits 2012, also zwei Jahre vor dem Beschluss der „Agenda 2020“, vergeben wurden. Baku erhielt diese als einziger Bewerber mit 38 zu 8 Stimmen.

IOC-Agenda hin oder her ändert das freilich nichts an der politischen Situation im von Größe und Einwohnerzahl (9,5 Mio.) her mit Österreich vergleichbaren Land an der Westküste des Kaspischen Meeres.

Obwohl zwar alle fünf Jahre Wahlen stattfinden, kann die dortige Präsidialrepublik auch genauso gut als Erb-Monarchie bezeichnet werden. Es herrscht das Geschlecht der Aliyevs, die von "Foreign Policy" als Corleones des kaspischen Raumes bezeichnet werden. 2003 trat Ilham Aliyev in die Fußstapfen seines Vaters Haidar.

Seit der Loslösung aus der Sowjetunion 1991 bewerteten internationale Beobachter keine Wahl als frei oder fair. Bei seiner jüngsten Wiederwahl hat Aliyev 2013 ohne einen einzigen Wahlkampf-Auftritt – beispielsweise schickte er zu TV-Diskussionen Vertreter, die seine Versprechen verlasen – mit 84,6 Prozent (!) der Stimmen gewonnen. OSZE (OSZE-Büro in Baku droht die Schließung) sowie die kaum vorhandene Opposition zweifeln die Rechtmäßigkeit des Ergebnisses an. Laut einem „Standard“-Artikel hatte es sich bei acht der neun Wahl-Herausforder lediglich um Strohmänner des Staatschefs gehandelt.

Wer aufmuckt…

Präsident Ilham Aliyev hält die Zügel der Macht fest in der Hand

Kritik an Aliyev, der dank einer Verfassungs-Änderung auf Lebenszeit wiedergewählt werden kann, sei de facto unmöglich.

Im August des vergangenen Jahres berichtete die „Zeit“, dass in Aserbaidschan seit 2012 „mindestens 40 politische Aktivisten, Menschenrechtsverteidiger, Journalisten und viele andere Personen verhaftet wurden. Die Festnahmen erfolgten aufgrund fingierter Vorwürfe, darunter Drogenbesitz, Steuerhinterziehung und sogar Landesverrat.“

Menschenrechtsorganisationen steigen auf die Barrikaden. „Selbst in dringenden Fällen werden Inhaftierte oft nicht medizinisch versorgt“, heißt es vonseiten Amnestys.

2012 wurde Aliyev vom „Organized Crime and Corruption Reporting Project“ zum „korruptesten Mann des Jahres“ gewählt. Hinter ihm landeten der albanische Drogenbaron Naser Kelmendi, der usbekische Präsident Islam Karimov und Vladimir Putin.

Die ebenfalls der NGO angehörende aserbaidschanische Journalistin Khadija Ismayilova, die heuer den „PEN/Barbara Goldsmith Freedom to Write Award“ bekam, wurde im Dezember 2014 in Baku eingesperrt, um nur eine der vielen Inhaftierten zu nennen.

23 Prozent Wirtschaftswachstum

Gestützt auf die Öl- und Gas-Vorkommen des Landes treibt Aliyev sein Macht-System und den Ausbau Bakus weiter voran. Die Zwei-Millionen-Metropole ist seit Jahrtausenden ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, den einst schon Marco Polo als bedeutenden Handelsplatz der Seidenstraße beschrieb.

Heutige Besucher schwärmen vom Nebeneinander historischer Bauten und futuristischer Architektur.

Eine Stadt und ein Land, das boomt. Zwischen 2006 und 2008 hatte das Wirtschafts-Wachstums Aserbaidschans 23 Prozent betragen. Nun wieder angekommen bei vier Prozent ist der Fortschritt aber unübersehbar. Zum Vergleich: Österreichs Wachstum wird 2015 mit 0,8 Prozent beziffert.

Stadt nicht mehr wiederzuerkennen

„Die Stadt ist kaum wiederzuerkennen“, bestätigt etwa Sabrina Filzmoser. Österreichs Parade-Judoka machte erstmals 2004 Bekanntschaft mit Baku. „Im Rahmen der Militär-Weltmeisterschaft“, erinnert sie sich. Eine Reise, die mit einer Lebensmittel-Vergiftung begann. „Wegen der damals noch schlechten Bedingungen wollten wir aber partout nicht in ein Krankenhaus“, so die Welserin, die sich deshalb vom Physio-Therapeuten gesund pflegen ließ.

Vom damaligen Stadtbild ist der 34-Jährigen noch die Einkaufsstraße in Erinnerung geblieben. „Sobald du aber in eine Seitengasse eingebogen bist, war es aus mit dem Asphalt. Nur noch Schotter-Wege.“ Kein Vergleich mehr zu heute, wo schöne Parks sowie McDonald’s-Filialen das Stadtbild mitprägen.

Die aggressive Baupolitik hat auch ihre Verlierer. Für ein schönes Stadtbild werden ganze Viertel dem Erdboden gleichgemacht. Wie etwa im Zuge des Eurovision Song-Contests 2012, für welchen die rund 16.000 Zuschauer fassende Crystal Hall innerhalb eines Jahres errichtet wurde. Dabei musste mittels Zwangs-Aussiedlungen Platz geschaffen werden.

An den Bau-Projekten rund um die Europaspiele verdienen die Aliyevs, die Vettern-Wirtschaft im großen Stil betreiben, kräftig mit.

Parallelen zu Katar

Aufnahmen aus dem Nationalstadion in Baku aus dem August 2014

Wie bereits der Songcontest bieten auch die European Games für Aserbaidschan die Gelegenheit, sich via „Soft Power“ international zu profilieren. Ähnlich wie im Falle von Katar wird dabei die Plattform Sport benutzt.

2016 wird erstmals die Formel 1 in Aserbaidschan, das unter anderem Trikotsponsor von Atletico Madrid ist, gastieren. Im Rahmen der in ganz Europa stattfindenden Fußball-EM 2020 werden gleich drei Gruppenspiele sowie ein K.o.-Duell in das knapp 69.000 Zuschauer fassende Nationalstadion von Baku geholt werden.

Bereits zweimal (2016, 2020) hat man sich zudem für Olympische Sommerspiele beworben, allerdings jedes Mal gescheitert.

Alles in allem kein günstiger Boden für die ersten Europaspiele. Auch ÖOC-Präsident Karl Stoss bezeichnet die Wahl als „nicht gerade glücklich“. Mit Kritik halten sich Österreichs Olympier freilich zurück.

Wohl nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel Vorsitzender der Marketing-Abteilung des EOC ist, genießen die Spiele innerhalb des ÖOC praktisch jene Beachtung, die auch den „großen“ zuteilwerden.

Die Frage nach dem Wert

Nach weiteren Kritik-Punkten der Europaspiele muss nicht lange gesucht werden. Mit Blick auf den ohnehin sehr dichten Wettkampf-Kalender stellt sich vielerorts die Frage: Wer braucht diesen zusätzlichen Höhepunkt überhaupt?

Alleine unter dem Emblem der fünf Ringe explodiert das Programm in den vergangenen Jahren regelrecht. Neben den beiden großen Spielen (Sommer und Winter) gibt es mittlerweile mit den Jugendspielen (YOG; Sommer und Winter), dem Europäische Jugend-Festival (EYOF) und dem neu-initiierten Format das bereits sechste olympische Spektakel.

„Für uns als Ausstatter des österreichischen Teams ist es natürlich gut, einmal mehr sichtbar zu sein, aber mit allen diesen Veranstaltungen ist schon eine Inflation an Highlights spürbar“, nennt Willy Grims, Geschäftsführer von Erima Österreich, das Kind beim Namen.

Die Welt- und Europameisterschaften bzw. etwaigen Grand Slams oder Rennen einer WM-Serie in den diversen Sportarten kommen freilich noch dazu.

Kraut und Rüben

Sabrina Filzmoser gewann 2014 das Grand-Slam-Turnier in Baku

Die Bedeutung der Europaspiele ist aber nicht nur für die Athleten schwer einzuordnen. Für Außenstehende ist dies schier unmöglich. Denn während es in Baku für Filzmoser beispielsweise um EM-Medaillen und Olympia-Quali-Punkte geht, findet bei den Schwimmern ein Nachwuchs-Bewerb statt.

Während sich Schützen, Tischtennis-Spieler und Triathleten mit einem Sieg sogar direkt für Rio qualifizieren können, dürfen sich Aerobic, Karate und die russische Kampfsportart Sambo erstmals auf einer olympischen Bühne präsentieren.

Eine völlig andere Baustelle beackern indes die 48 österreichischen Leichtathleten, die in Baku im Rahmen der viertklassigen Team-EM (vierte Liga von vier) um den Wiederaufstieg kämpfen. Kurzum: Kraut und Rüben. Leistungen und Erfolge der insgesamt 145 entsendeten österreichischen Sportler werden inter-disziplinär kaum vergleichbar sein.

Kein vorschnelles Urteil

Insofern überrascht es nicht, dass Kritiker lieber die Bezeichnung „Totgeburt“ als „Vision“ in den Mund nehmen. Filzmoser sieht sehr wohl etwas Positives darin. Wobei sie gleich einwirft: „Als ich das erste Mal von Europaspielen gehört habe, habe ich das Gleiche wie zunächst bei den Jugendspielen gedacht: Nicht noch ein Olympia-Event.“

Doch Filzmoser kennt durch ihre internationale Vernetzung auch eine andere Sicht auf die Dinge und weiß daher nur allzu gut, welch großen Stellenwert Asien- und Panamerikanische Spiele genießen. Damit aber nicht genug: „Es gibt ja sogar noch andere Spiele wie etwa die Sea Games, die für die Sportler in Südostasien praktisch das Nonplusultra sind.“

Anfang Juni haben die Spiele, die bereits zum 28. Mal ausgetragen werden, in Singapur begonnen. „Athleten aus Ländern wie Vietnam, Laos oder den Philippinen bereiten sich vier Jahre darauf vor. Bei großen Olympischen Spielen gibt es für sie meistens wenig zu holen, von daher sind die Sea Games eine ideale Plattform für die Sport-Begeisterung und den olympischen Geist“, so Filzmoser, aus deren Sicht es zu wenig ist, sich nur alle vier Jahre mit den olympischen Werten auseinanderzusetzen.

Eine ähnliche Bedeutung halte sie auch für die Europaspiele denkbar. Es komme lediglich darauf an, was wir daraus machen.

„Aber dafür muss man ihnen erst einmal Zeit geben, sich zu etablieren und zu entwickeln.“

Und vielleicht entwickelt dann auch das EOC so etwas wie Verantwortungsgefühl bei der Vergabe von Großereignissen. Denn angesprochen auf die menschenrechtliche Lage in Aserbaidschan üben sich die Olympier einmal mehr im Wegschauen.

Die Rechnung dafür bekam das EOC am Mittwoch präsentiert: Die Niederlanden, die die zweite Auflage im Jahr 2019 austragen soll, entschied sich, die Spiele zurückzugeben. Offenbar hat man keine Lust, bei der Image-Talfahrt mitzumachen.

 

Reinhold Pühringer

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