Einmalige Geisterbeschwörung

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Für die einen geht es um Quotenplätze für Rio, für die nächsten um EM-Medaillen und wieder andere sind einfach froh, sich überhaupt einmal auf olympischer Ebene präsentieren zu dürfen.

Zweifellos, es ist schwierig, den sportlichen Wert mancher Leistungen der ersten Europaspiele richtig einzuordnen.

In dieser Hinsicht dürfen die Leichtathletik-Bewerbe in Baku getrost als Härtefall eingestuft werden.

Schließlich ließe alleine die Bezeichnung Europaspiele vermuten, dass die besten Europäer am Start sind, doch das ist im Falle der Leichtathletik weit gefehlt.

In Baku findet die Team-EM der vierten von vier Leistungsstufen statt. 14 Nationen rittern um vier Aufstiegsplätze. Darunter auch Österreich, das mit 46 Sportlern (22 Damen, 24 Herren) nicht nur den direkten Wiederaufstieg anpeilt, sondern eine Medaille holen will. Quasi als Draufgabe.

Als härteste Konkurrenten um Edelmetall gelten neben Mitabsteiger Slowakei noch Israel und Aserbaidschan. „Die Gastgeber haben ordentlich aufgerüstet“, spielt ÖLV-Sportdirektor Hannes Gruber auf den einen oder anderen finanziell motivierten Nationenwechsel an.

Von Wundertüten und Doppelstartern

Mit einem der „neuen“ aserbaidschanischen Asse wird beispielsweise Jennifer Wenth Bekanntschaft machen. Die aktuelle Nummer elf der Europarangliste vom SVS Schwechat wäre über 3.000m eigentlich Favoritin, wäre da nicht eine gewisse Bontu Megersa. „Das ist eine Äthiopierin, über die ich mir nicht einmal eine einzige Zeit ergoogeln konnte“, klassifiziert Wenth ihre Gegnerin als „Wundertüte“. Laut offiziellen Angaben ist diese allerdings erst 16 Jahre alt.

Das Punktesystem für die Gesamt-Wertung ist denkbar einfach: Für einen Disziplinen-Sieg bekommt eine Nation in Baku 14 Zähler gutgeschrieben. Wird sie Disziplinen-Letzter im 14 Länder umfassenden Feld, steht nur ein Punkt zu Buche. Herren und Damen werden addiert.

Einer, der gleich doppelt für Aserbaidschan zuschlagen möchte, ist Hayle Ibrahimov. Wie der Vorname bereits andeutet, trug der Langstrecken-Spezialist nicht immer die Farben vom „Land des Feuers“, sondern tut dies erst seit 2009. Davor lief er ebenfalls für Äthiopien. Der 25-Jährige gilt über 3.000 und 5.000m als großer Favorit. Auf die fünf Kilometer trifft er unter anderem auf den Österreicher Valentin Pfeil, dessen persönliche Bestzeit von 14:03,58 knapp eine Minute über jener Ibrahimovs (13:09,17) liegt.

Franzmairs Bio-Rhythmus noch irgendwo in Europa

Abgesehen nationaler Wechselspiele bleibt die Frage, welchen Stellenwert diese Team-EM für die Athleten selbst hat. LAOLA1 fragte sich deshalb quer durch die rot-weiß-rote Belegschaft und stellte fest, dass die Herangehensweise innerhalb der ÖLV-Equipe so unterschiedlich wie die Leichtathletik-Disziplinen selbst ist.

Während beispielsweise die angesprochene Wenth die Konkurrenz aufgrund der auf die Universiade (3. bis 14. Juli) ausgerichteten Saisonplanung aus dem Training heraus läuft, hat sich 800m-Hoffnung Niki Franzmair zuletzt sehr wohl „etwas aus dem Training rausgenommen“.

Erst am Dienstag war der 20-Jährige aus Eugene, an deren renommierter Leichtathletik-Universität er seit heuer studiert, nach Österreich gekommen und gleich weiter nach Baku gereist. Jetlag? „Ich spüre die Umstellung schon etwas, aber wenn ich einmal Profi werden möchte, muss ich mich sowieso an das Reisen gewöhnen.“ Die nötige Spritzigkeit sei laut Beobachtungen seines früheren Heim-Trainers Wolfgang Adler jedoch vorhanden.

Mit zu viel nötigem Respekt

100m-Hürden-Sprinterin Beate Schrott hatte gegenüber LAOLA1 bereits erklärt, dass ihr bei den Europaspielen vor allem um das Ablegen des Respekts vor der Hürde gehe. Durch einen Sturz beim Einlaufen für das Meeting in Hengelo (NED) hatte sie zuletzt viel an Sicherheit eingebüßt.

„Vor den Olympischen Spielen 2012 bin ich so viele Rennen gelaufen, dass alles praktisch nur noch Routine war. Ich bin mit einem unglaublichen Selbstvertrauen an den Start gegangen. Das brauche ich jetzt wieder“, so die 27-Jährige, die in London Achte wurde.

Von den aktuellen Trainingsleistungen halte ihr Trainer Rana Reider sogar eine Zeit unter 12,82 Sekunden – also schneller, als sie jemals zuvor gelaufen ist – für möglich.

Wichtigster Wettkampf der Saison

Für 400m-Hürden-Läufer Thomas Kain bietet Baku indes eine ideale Gelegenheit, das Limit für die diesjährige WM in Peking zu knacken. Zuletzt hatte dem 19-Jährigen bei seinen 51,45 Sekunden in Regensburg eine magere Hundertstel auf die Norm gefehlt. „Und hier in Baku hast du super Bedingungen“, lobt Kain die Beschaffenheit der Bahn im über 61.000 Zuschauer fassenden Nationalstadion.

Beinahe noch motivierter geht Benjamin Siart die Sache an. Obwohl der 31-Jährige 2012 dem Leistungssport den Rücken gekehrt hat, ist er nach wie vor Österreichs bester Hammerwerfer. „Für mich ist es das Highlight der Saison“, meint der Hüne, der mittlerweile auch der Wuchtel beim Rugby hinterherläuft.

Gruber weiß um die verschiedenen Herangehensweisen seiner Athleten. Der Sportdirektor bringt auf den Punkt, was seine Sportler in den Gesprächen schon erwähnten: „Dieser Bewerb ist der einzige im Leichtathletik-Kalender, bei dem der Mannschafts-Gedanke im Vordergrund steht.“ Er sei die beste Gelegenheit, um ein Team-Gefüge zu formen.

Und gibt es in der ÖLV-Mannschaft so etwas wie Team-Spirit? Schrott: „Absolut! Da wir sonst eher Einzelkämpfer sind, herrscht hier eine ganz eigene Stimmung.“

Eine Team-EM im Rahmen von Europaspielen, die unterm Strich also sehr verschiedenartige Bedeutungen hat.

Aus Baku berichtet Reinhold Pühringer

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