Eine ausgelassene Gold-Chance

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Wer das österreichische Tischtennis-Herren-Team im Vorfeld der Europa-Spiele als Favorit bezeichnet hätte, hätte sich lächerlich gemacht.

Das deutsche Team um Starspieler Timo Boll galt als bei weitem stärkste Auswahl, die sich die Goldmedaille eigentlich nur mehr abholen musste.

Dann bekam ausgerechnet Boll Magenbeschwerden. Und konnte nicht spielen. Das heißt nach dem geltenden Reglement, dass sowohl das Doppel als auch ein Einzel automatisch verloren sind. Deutschland startete also mit einem 0:2 in die Vormittagspartie gegen Schweden, schaffte es mit drei Siegen aber ins Halbfinale. Österreich ließ gleichzeitig nichts anbrennen und bezwang Russland wie schon zuvor Kroatien mit 3:0.

Deutschland scheitert

19:30 Uhr Ortszeit: Deutschland traf auf Frankreich, Österreich auf Portugal.

Und Timo Boll konnte wieder nicht spielen, wieder zwei automatische Niederlagen für sein Team. Die ersten zwei Spiele entschieden Dimitri Ovtcharov und Patrick Baum noch für sich, Nummer drei ging aber an Frankreich. Emmanuel Lebesson rang Ovtcharov 3:1 nieder – der erste echte Sieg Frankreichs war schon das Ticket ins Finale.

Gleichzeitig plagte sich Österreich gegen Portugal. Robert Gardos verlor das Auftaktspiel gegen Tiago Apolonia. Im zweiten Satz gab er ein 8:10 aus der Hand und holte seinen Kontrahenten so ins Spiel zurück – Punkte, denen der Österreicher noch nach dem Spiel nachtrauerte. „Er war absolut schlagbar, ich war zwei Sätze lang besser“, ärgerte sich der 36-Jährige. Im weiteren Verlauf machte Gardos die Kondition zu schaffen, die lange Saison habe Spuren hinterlassen.

Österreich scheitert

Nach Stefan Fegerls Sieg gegen Marcos Freitas brachte das Doppel die Vorentscheidung. Die von Freitas als „eines der besten Doppel Europas“ bezeichneten Habesohn/Gardos verloren 1:3, Gardos bemängelte danach seine derzeitige Form in Einzel wie Doppel. Danach scheiterte Fegerl in seinem zweiten Einzel am 20-jährigen Joao Geraldo, der Traum vom Finale war ausgeträumt.

Durch das Ausscheiden Deutschlands doppelt bitter. Als ein vom Regelwerk hörbar frustriertes deutsches Team bereits Interviews gab, war die Gold-Chance plötzlich real – zeitgleich kämpfte Fegerl noch um den Finaleinzug.

Daraus wurde nichts, so bleibt einem ebenso gefrusteten ÖTTV-Trio nur das Spiel um Bronze gegen den Lieblingsnachbarn.

0:0 oder 0:2?

Der deutsche Trainer Jörg Roßkopf übte sich in Tiefstapelei. „Österreich ist natürlich der Favorit in diesem Spiel“, stellte er klar, nachdem er von LAOLA1 den feststehenden Gegner erfuhr. Hielt mit einem Schmunzeln aber auch fest: „Das Spiel fängt bei 0:0 – vielleicht 0:2 – an, dann schauen wir, was passiert.“

Ob Boll bis morgen fit sein würde, ließ der Chefcoach noch offen, deutete aber an: „Wir müssen sehr wahrscheinlich mit der Situation umgehen, alle drei Spiele gewinnen zu müssen.“

Nachsatz: „Aber es ist für uns nicht der entscheidende Wettkampf.“

Eine Bemerkung, die Roßkopf mehrfach machte, der Fokus liegt ganz offensichtlich schon auf dem Einzel. Wie Gardos beklagte sich auch Ovtcharov über die intensive Saison.

Also könnte sich trotz allem Ärgernis über die verpasste Chance schon morgen eine neue ergeben. Denn ob ersatzgeschwächter Gegner oder nicht, Medaille ist Medaille.

Aber wer weiß, vielleicht war es ja auch nur ein neuer Trick von Rossmann – gegen Schweden wussten weder Gegner noch Medien bis zum Doppel, ob Boll noch auftauchen würde.

 

Aus Baku berichtet Martin Schauhuber

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