"Das geht in Baku, aber nicht in Europa"

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Nach den Olympischen Winterspielen 2014 von Sotschi hat Christoph Sieber bei Großereignissen der olympischen Familie die Rolle des "Chef de Mission" des Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC) übernommen.

So auch bei den am Freitag beginnenden ersten Europaspielen in Baku, wo der ÖOC-Sportdirektor seit vergangener Woche weilt, um für das rot-weiß-rote Team mit 143 Athleten alles vorzubereiten.

Natürlich sind diese kontinentalen Titelkämpfe auch für den Surf-Olympiasieger 2000 Neuland. Der 44-Jährige beschäftigt sich aber lange genug mit der Thematik, um die Chance der Idee sowie die auf Weiterentwicklung der Europaspiele einschätzen zu können. Sieber im Interview:

Frage: Herr Sieber, mit den Europaspielen gibt es nun ein weiteres Sport-Großereignis im internationalen Wettkampfkalender. Wie sehen Sie den aktuellen Stellenwert dieser kontinentalen Titelkämpfe?

Christoph Sieber: Die Frage ist, wie schafft man es, keine zusätzliche Belastung für die schon vollen Kalender der verschiedenen Sportarten zu machen, indem man eine multi-sportive Europameisterschaft veranstaltet. Das sportpolitisch umzusetzen, ist natürlich ein längerer Weg. Jetzt haben wir eben weniger Sportarten, die bei diesen ersten kontinentalen Spielen ihre EM veranstalten. Die Hoffnung ist, dass es nächstes Mal mehr Sportarten sind.

Frage: Viele Sportarten müssten dafür aber ihren Wettkampfkalender stark umkrempeln.

Sieber: Bei den großen Sportarten wie Schwimmen und Leichtathletik ist es kaum denkbar, dass man die bekommt, weil das so große Events für sich alleine sind. Man muss natürlich betrachten, die anderen Kontinentalspiele (Anm.: z.B. Asien-Spiele, Panamerika-Spiele) bestehen seit vielen Jahrzehnten und so muss man auch dieser Idee ein wenig Zeit geben, damit sie sich durchsetzen kann. Aber offenbar ist das Europäische Olympische Komitee entschlossen, das weiterzuführen. Den Rest muss man abwarten.

Frage: Wie sehen Sie die Erfolgschancen vorerst einmal für die Baku-Spiele, für die viel Geld in die Hand genommen wurde?

Sieber: Bei Baku kann man schon meinen, dass es ein Erfolg wird. Da wird alles daran gesetzt. Aber die Idee ist, das runterzubrechen auf leistbare Maßstäbe. Weil das, was Baku jetzt liefert, das geht in Baku, aber nicht 'in Europa'. Da ist es vernünftig, ein Konzept anzubieten, damit es Nachhaltigkeit bekommt, es auf einen Modus zu bringen, dass es leistbar ist für jedes europäische Land.

Frage: Neben den Europaspielen wurden für 2018 die "European Sports Championships" ins Leben gerufen. Mehrere Sportarten werden da in Schottland zeitgleich ihre Europameisterschaften austragen. Was halten Sie davon?

Sieber: Warum sich jetzt manche Sportarten zusammentun, um eine quasi Gegen-EM zu veranstalten, ist eine Sportpolitiksache, die sich auf einer anderen Ebene abspielt.

Frage: Wie sehen Sie das Sportarten-Spektrum bei den Europaspielen mit einerseits olympisch etablierten Sportarten, andererseits mit solchen ohne olympische Relevanz?

Sieber: Grundsätzlich beinhaltet die Agenda 2020, dass das Veranstalterland sich gewisse Sportarten wünschen kann. Auch Baku hat Sportarten einbringen können. Typisch dafür ist Sambo (Anm.: Kampfsport). Das ist sehr ostblock-, russland-lastig. Dann Blind-Judo, da ist der weltweit Beste ein Azeri. Das war auch aufgelegt natürlich. 3 x 3-Basketball aber ist ein Format, das mehr und mehr gepusht wird. Das macht diese Sportarten zugänglicher als über große Mannschaften, und leistbarer für die Nationen. Das wird man öfter sehen jetzt.

Frage: Mit 143 Aktiven stellt das ÖOC für Baku sein größtes Team. Wie sehen Sie diese Zahl im Vergleich mit der Größe der ÖOC-Teams für Olympische Spiele, die durchgehend darunter liegt?

Sieber: Von der Beschickung her gibt es natürlich gravierende Unterschiede. Man darf nie den Charakter einer Europameisterschaft vergessen, im Gegensatz zu Olympischen Spielen. Demzufolge liegt zwar das Nominierungsrecht bei uns. Andererseits können wir zum Beispiel die Leichtathleten (Anm.: 46 Aktive), wenn die in der dritten Liga (Anm.: eigentlich vierte von vier) qualifiziert sind, nicht der Möglichkeit berauben, in die zweite Liga aufzusteigen. Da fehlt mir der Grund zu sagen, wir schicken euch dort nicht hin. Ebenso wenn uns Quotenplätze zugesagt werden. Nach welchem Kriterium sollen wir auf einem EM-Niveau entscheiden, nur bis zu diesem Niveau und nicht darunter? Wir haben nicht die Selektionskriterien, die wir bei Olympischen Spielen haben und mit den Verbänden ausarbeiten. Wir sehen uns semi-mäßig in der Verantwortung. Bei Olympischen Spielen sind wir aber natürlich verpflichtet, wer nominiert wird usw. aufgrund der Olympischen Charta.

Frage: In der österreichischen Öffentlichkeit werden die Europaspiele wenig wahrgenommen. Das ist ganz anders, als es immer vor Olympia der Fall ist.

Sieber: Ja, es ist noch wenig greifbar für viele. Es ist eine andere, eine breitere Ebene des Team Austria. Es zu formen, zu pushen, zu kommunizieren - diese Möglichkeit werden wir nicht halbherzig wahrnehmen. Das ist sicher unser ideeller Auftrag, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten mit dem Team Austria schauen, dass es so transportiert wird, dass es ein Multiplikator für ein österreich-weites 'Wir-Gefühl' ist, das föderale Grenzen überwindet, ein patriotisches Gefühl schürt, dass in Österreich im internationalen Vergleich sehr kurz kommt.

Frage: Aber ist es nicht schon ein wenig knapp dafür? Die Spiele beginnen doch nun schon.

Sieber: Es gibt die blanken Fakten. 6.000 Athleten sind doppelt so viele wie in Sotschi, das wird ein Riesending dort. Es wird ein großartiges Erlebnis für die Athleten. Es gibt die ideellen Werte dahinter. Für uns (Anm.: ÖOC) ist die ganze Organisationsstruktur die gleiche wie bei traditionellen Olympischen Spielen. Wir nutzen es auch ein bisschen als Generalprobe für Rio (Anm.: Olympia 2016), gewisse Prozesse innerhalb des Teams. Am Anfang waren wir als operative Ebene auch nicht glücklich über noch so eine Riesenorganisation dazu. Aber dann haben wir gesagt, okay, so ist es und dann machen wir es gescheit.

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