Österreichs stärkster Hausmeister

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Bei den von 12. bis 28. Juni in Baku ausgetragenen Europaspielen kommen vier Sportarten erstmals zu olympischen Ehren: Aerobic, Beachsoccer, Karate und Sambo.

Richtig gelesen: Sambo.

Was sich nach einer Mischung aus rhythmisch schwingenden Hinterteilen aus Brasilien und einem orthographischen Fauxpas anhört, ist in Wahrheit eine Kampfsportart, die Anfang des 20. Jahrhunderts von der roten Armee entwickelt wurde. Sprich: Knapp daneben.

Man(n) respektive Frau trägt dabei Kimonos (Kurtkas) ähnlich wie im Judo, Schuhe wie im Ringen und kurze Hosen, die je nach Oberteil in rot oder blau gehalten sind.

In eine jener Hosen wird am 22. Juni auch Kevin Cekic schlüpfen. Jener Salzburger, der Österreich in Baku als einziger Sambo-Kämpfer vertreten wird. Wie groß die Hosen des 23-Jährigen in etwa sind, dazu später mehr.

Noch nie gehört

Gekämpft wird im Sambo auf einer Ringer-Matte

Bevor beim selbstdefinierten Sportfan nun leise Selbstzweifel aufkommen, weil er oder sie noch nie etwas von Sambo gehört hat: Halb so wild! In Österreich führt die Sportart nämlich ein Schattendasein. Der erst 2009 gegründete Verband wird von der Bundes-Sportorganisation nicht offiziell anerkannt.

Noch nicht, wenn es nach Swetlana Neubauer-Sokolik geht. Die Präsidentin des Verbandes, der sich ebenfalls mit ÖSV abkürzt, ist zugleich seine Gründerin. „Gemeinsam mit meinen russischen Freunden haben wir das gestartet“, erklärt die seit 17 Jahren in Österreich lebende Dame im Gespräch mit LAOLA1. „Weil die alte Liebe zum Sport rostet nie.“

Schon vor ihr habe es Versuche gegeben, die Sportart in Österreich zu etablieren. Diese seien jedoch gescheitert. Laut Verbands-Homepage gibt es hierzulande derzeit sechs Vereine, die Sambo anbieten. Die Präsidentin spricht von rund 200 Athleten, die regelmäßig Sambo ausüben. Von großen internationalen Erfolgen könne angesichts der Jugend der Sportart in Österreich noch keine Rede sein. „Wir müssen erst einmal mit dem Nachwuchs arbeiten“, so Neubauer-Sokolik.

Der Quereinsteiger

Baku ist somit die größte Bühne, auf der sich Sambo bislang der europäischen Bühne präsentieren kann. Und Präsentation sei auch das Stichwort, wenn Neubauer-Sokolik nach den Erfolgs-Chancen von Cekic gefragt wird.

Der Athlet sieht das lobenswerterweise anders und nennt artig eine Medaille als Ziel. Seinem Begehren zuträglich ist, dass die Anzahl seiner Gegner in Baku stark limitiert ist. „Mit mir sind es neun“, weiß der mehrfache Staatsmeister, gegen den auf nationaler Ebene praktisch kein Kraut gewachsen ist.

Er selbst versucht sich erst seit drei Jahren im Sambo. „Im Kampfsport bin ich aber schon seit über zehn Jahren.“ Über eines der zunehmend populärer werdenden Mixed-Martial-Art-Studios, in welchem er zunächst Grappling und Boxen trainierte, ist er auf die neue Herausforderung gestoßen. Ein typischer Werdegang für viele österreichische Sambo-Kämpfer, wie Neubauer-Sokolik bestätigt.

Die Salzburger Hebebühne

Cekic bekommt es zumeist mit größeren Gegnern zu tun

Sambo ist eine Mischform aus verschiedenen Kampfsportarten. Generell muss zwischen Sport-Sambo und Combat-Sambo unterschieden werden.

Während Letzteres als Mixed-Martial-Arts-Form mit Schützern beschrieben werden kann, ist Erstgenanntes einem dem Judo und dem Jiu Jitsu ähnlicher Sport, bei dem es um Wurf-, Griff- und Hebel-Techniken geht. „Viel spielt sich im Bodenkampf ab“, ergänzt die Präsidentin zum Sport-Sambo, welches bei den Europaspielen zum Einsatz kommen wird.

Um sich für seine große Chance in Baku möglichst gut vorzubereiten, sucht Cekic gerade nach geeigneten Judo-Vereinen rund um Salzburg. Von seinen Mattenkollegen will er sich noch das eine oder andere abschauen.

Zumal Trainingspartner bei seinen doch recht aufsehenerregenden Maßen dünn gesät sind. Seine nach Selbstschätzung „170 bis 180 Kilo“ verteilen sich nämlich auf kompakte 1,75 Meter Körpergröße. „Da viele meiner Gegner größer sind als ich, habe ich mich auf Aushebe-Techniken spezialisiert“, verweist Cekic auf seine Stärken.

Dementsprechend lege er auch sein Kraft-Training aus, bei dem er sich vorwiegend auf Beine und Hebe-Übungen fokussiert. Sein doppeltes Körpergewicht bringe er zur Hochstrecke. Das Training hat er mit seinem Beruf gut abgestimmt. „Ich arbeite als Hausbetreuer, also wenn man so will als Hausmeister. Das passt am besten zum Training“, schildert er.

 

Sambo World Championship 2012 Minsk

Posted by Sambo International Federation (FIAS) on Montag, 13. April 2015


Für den wohl kräftigsten Hausmeister Österreichs musste das ÖOC besondere Reise-Vorkehrungen treffen. Dort hatte man lange hin und her überlegt, Cekic für einen angenehmen Flug gleich einen zweiten Sitz im Flieger zu buchen. Letztlich entschied man sich für den Gangplatz beim Notausstieg, um dem nötigen Komfort gerecht zu werden. „Dabei geht sich das mit einem Sitz schon aus. Schließlich bin ich ja schon öfter geflogen“, schmunzelt Cekic.

Monotone Angelegenheit

In der von Russland geprägten Sportart ist die Dominanz des Mutterlandes extrem groß. Neubauer-Sokolik erwartet für Baku, wo 75 Sportler aus rund 20 Länder auf die Matte gehen werden, ein ähnliches Bild: „Es ist momentan eine vergleichbare Situation, wie sie im Judo oder im Taekwondo noch vor einigen Jahrzehnten geherrscht hat, als die Ursprungsländer praktisch alles gewonnen haben.“

Der weltweiten Verbreitung ist das freilich nicht gerade zuträglich, weshalb sich Neubauer-Sokolik, die Mitglied des Exekutiv-Komitees des Weltverbandes ist, für die Europaspiele eine möglichst vielfältige Medaillen-Verteilung wünscht.

„Wenn Sambo olympisch werden will, dann muss man nachdenken, wie man diese Sportart in vielen Nationen populär macht“, erhofft sie sich von Baku einen ersten Schritt.

Damit die irreführende Assoziation mit südamerikanischen Rhythmen vielleicht irgendwann einmal in den Hintergrund tritt.

Reinhold Pühringer

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