Das Sorgenkind muckt auf

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Das Sorgenkind muckt auf

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Denkbar knapp schrammte Österreich am Montag bei den Europaspielen in Baku vorbei. Hätte Günther Matzinger bei der abschließenden 4x400m-Staffel nicht den Stab fallen lassen, dem ÖLV-Team wäre der erste Platz nicht mehr zu nehmen gewesen.

So musste Rot-Weiß-Rot aber der Slowakei den Vortritt lassen. Eine Silberne, die trotz Aufstiegs etwas bitter schmeckt.

Andersherum hätte die erste ÖOC-Goldene ausgerechnet im Leichtathletik-Teambewerb etwas symbolisch Ironisches gehabt. Schließlich ist die Bedeutung der nur viertklassigen Mannschafts-EM im Rahmen dieser Spiele ähnlich schwierig einzuordnen wie die Premiere in Baku als Ganzes.

Wie auch immer, Hannes Gruber konnte das egal sein. Denn der ÖLV-Sportdirektor zählt ohnehin zu jener Gattung Mensch, die mehr auf den Inhalt als auf die Verpackung schaut. Sprich: Sein Metier sind die Zahlen – und die können sich aus ÖLV-Sicht durchaus sehen lassen:

14 persönliche Bestleistungen, die zu sieben Disziplinen-Siegen führten, lassen Gruber positiv bilanzieren. „Wir sind trotz des unglücklichen Ausgangs zufrieden, wir haben eine Reihe an hervorragenden Leistungen erlebt“, meint er.

Die Richtung stimmt

Lange Zeit hatte Österreich die Slowakei im mit bis zu 22.000 Zuschauern besetzten Nationalstadion von Baku (Fassungsvermögen 60.000) mit mehreren Punkten auf Distanz gehalten. Gruber sieht darin einen Aufwärtstrend, schließlich sei man beim Abstieg im Vorjahr aus der dritten Stufe abgeschlagen hinter den Slowaken gelegen.

„Und gerade im Team-Bewerb kannst du mit einer Beate Schrott oder einem Gerhard Mayer nicht allzu viel bewegen. Hier brauchst du die Breite, die Dichte“, meint Gruber. Baku habe gezeigt, dass man hier Fortschritte gemacht hat.

Ein frühlingshaftes Erwachen ist in der heimischen Leichtathletik also spürbar. Warum der Trend bei Österreichs zuletzt wohl größtem Sorgenkind bei Olympischen Sommerspielen nach oben zeigt, dafür nennt Gruber zwei Gründe:

„Zum einen haben wir mit Gregor Högler und Philipp Unfried nun zwei hauptamtliche Trainer, die sich rein um den Spitzensport kümmern.“ Freilich gebe es in den diversen Leistungszentren weitere Coaches, die sich jedoch nicht ausschließlich um die Top-Athleten kümmern können.

„Zum anderen wurde der Stützpunkt in der Südstadt enorm ausgebaut. Sowohl was die Infrastruktur, als auch das Winter-Training betrifft.“ Heuer konnten die Werfer erstmals indoor ihr Programm durchziehen.

Lösungs-Strategien sind gefragt

Befeuert wird der Aufwärtstrend von einer ganzen Reihe an jungen Athleten. Insbesondere im Mehrkampf drängen etliche Talente nach. Eine Entwicklung, die in den kommenden Jahren noch weitergeht, schließlich rangieren mit Sarah Lagger (1.), Karin Strametz (7.) und Andrea Obetzhofer (9.) derzeit gleich drei ÖLV-Hoffnungen in den Top-Ten der U18-Jahresweltbestenliste.

„Es ist eine Strategie von österreichischen Trainern, auf den Mehrkampf zu setzen, weil da die Möglichkeit, in die Weltspitze vorzudringen, größer ist, als in anderen Disziplinen“, weiß Gruber.

Die vielen Jungen begrüßt er freilich, wohlwissend, worauf es nun ankommt. „Das Wesentliche ist, dass wir es schaffen, die Talente in die allgemeine Klasse rüberzubringen“, spricht er die nach wie vor hohe Dropout-Rate nach der Matura oder Lehre an.

Eine Möglichkeit, den Sport professionell auszuüben, ist das Heeressportzentrum (HSZ), in welchem der ÖLV aktuell acht Plätze hat. Vor 15 Jahren waren das noch deren 13. Zum Vergleich: Damals hatte Österreich zwölf Leichtathleten bei den Spielen in Sydney an den Start gebracht. Gruber: „Natürlich hätten wir gerne mehr HSZ-Plätze, aber ich sage, dass das kein Muss ist. Siehe Beate Schrott oder Andrea Mayr.“ Das Duo hat neben dem Medizin-Studium den Sprung in die internationale Spitze geschafft.

Auf der Rio-Rechnung

Wie viele österreichische Leichtathleten den Sprung nach Rio 2016 schaffen, steht noch in den Sternen. Der einzige, der sein Ticket bereits in der Tasche hat, ist Gerhard Mayer, der im Mai den Diskus auf die damalige Jahres-Weltbestweite von 67,20 Meter schleuderte.

Gruber hat fünf bis sechs weitere Rio-Starter auf der Rechnung. Als aussichtsreiche Kandidaten nennt er Schrott, Kira Grünberg, Ivona Dadic, Andrea Mayr, Anita Baierl, Edwin Kemboi und Dominik Distelberger.

Geht seine Rechung auf, würde Österreich in etwa auf das Kontingent von London kommen, wo es deren sieben waren.

Aus Baku berichtet Reinhold Pühringer

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