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Olympia 2028 - Es kommt nicht auf die Größe an

Gerade "vor dem Hintergrund der für Österreich relativ demütigenden Situation nach London" nennt es der deutsche Sportsoziologe Helmut Digel einen "Knüller", dass in Wien eine Bewerbung für olympische Sommerspiele diskutiert wird.

"Für Außenstehende kam das sehr überraschend. Diesen Überraschungsaspekt sollte man natürlich nicht unterschätzen. Der kann motivatorisch einiges bewirken", sagte der langjähriger Präsident des deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Der Rat des Council-Mitglieds des Weltverbandes IAAF: Zweifler überzeugen, verantwortungsvolles Konzept vorlegen, entsprechende Mittel bereitstellen.

Langer Atem notwendig

"Es sind noch 15 Jahre, da kann Enormes entwickelt werden, wenn man wirklich an sich selbst glaubt. Und Österreich muss an sich selbst glauben und nicht an sich selbst zweifeln", sagte Digel.

Bei einem "Ja" der Wiener Bevölkerung in der Frage, sich um die Sommerspiele 2028 zu bemühen, müssten nicht nur die notwendigen Investitionen getätigt werden.

"Man muss in so einer Bewerbung auch früh mit einem langen Atem arbeiten. Man muss wissen, dass man auch ein zweites Mal durchzustarten hat und sich nicht gleich zurückzieht, wenn man beim ersten Mal nicht gewinnt."

Unterschied zwischen Sommer und Winter

Für Professor Digel ist unverständlich, dass Salzburg nach zwei gescheiterten Kandidaturen nicht nochmals ins Rennen um Winterspiele gegangen ist.

"Die Wiener haben das Problem, dass Österreich im Moment beim olympischen Sommersport nicht eine vergleichbare Position aufzuweisen hat wie der Wintersport. Im Wintersport hat Österreich aufgrund der sportliche Erfolge zwangsläufig auch eine gewichtige Position im Internationalen Olympischen Komitee", gibt Digel zu bedenken.

Im Sommersport sieht er dies nicht. Im Sommersport hätten die Erfolge stagniert, der Anschluss an die Weltspitze sei verloren gegangen. Von London 2012 kehrte das rot-weiß-rote Team ohne Medaillen heim.

Schub für den Sport

Der Olympiabewerbung müsste eine gezielte Förderung des Sports folgen.

"Ich kann nicht nur Olympische Spiele organisatorisch steuern, in dem ich Sportstätten bereitstelle. Auch die Sportarten müssen sich in einer interessanten Verfassung befinden, das muss geplant werden und das würde eine außergewöhnliche finanzielle Belastung für das Sportministerium und damit den Steuerzahler bedeuten", sagte Digel.

Eine Verpflichtung eingegangen

Dass die Athleten bei Olympia im eigenen Land auch Erfolg haben, sei wichtig für die Identifikation mit den Spielen.

"Sondern wie potent ist die Stadt und welches Organisationstalent bringt die Stadt mit. Und welches Vertrauen hat man aus der internationalen Perspektive. Und das sehe ich, dass die Stadt sehr positiv besetzt ist."

Für die Stadt dürfte schon allein die Bewerbung ein Gewinn sein. "Es muss gebaut, und nur nicht geplant werden. Sie müssen auch etwas umsetzen, bevor die Olympischen Spiele entschieden werden."

Mit Originalität

Aus Digels Sicht hat Wien ein Verkehrsproblem und auch in der Hotelerie Modernisierungsbedarf, will man weiterhin als Tourismusziel so begehrt sein.

"Man wird zwangläufig in Wien investieren müssen - wenn man das in Verbindung mit dem Sport macht - umso besser." Wenn Wien sich bewerbe, könne es durchaus mit anderen Bewerbern mithalten - "unter dem Aspekt der Originalität und das man etwas Besonderes ist und eine außergewöhnlich Geschichte hat und außergewöhnlich attraktiv ist".

Die Möglichkeiten, die Wien "wie kaum eine anderen Weltstadt" biete, mache es zu einer ganz besonderen Bewerberstadt für Sportereignisse. Als Mitbewerber erwartet er sich Städte aus China, Südkorea, USA. "Aber da hat eine Stadt wie Wien auch ihren Charme. Es wäre ein Riesenerlebnis für die Leute, hierherzukommen."

Großer Aufholbedarf

Dass es auch für die Sportler ein Erlebnis wird, dafür muss freilich noch viel, um nicht zu sagen, alles gemacht werden. Digels Sicht von außen deckt sich mit dem ernüchternden Blick der Szenekenner:

"Die Sicht von außen sagt, dass Wien keine einzige moderne Sportstätte besitzt, die den höchsten Ansprüchen für die nächsten zwanzig Jahre genügen würde. Wien benötigt ein Stadion für ein Leichtathletik-Großereignis, multifunktionale Indoor-Arenen für Handball, Basketball, Leichtathletik, Volleyball. Eine Schwimmarena. Wenn man das alles mit einem Olympiapark und einem Olympiadorf verbindet, und die Wohnungen später in moderne Appartements überführt, wäre das eigentlich risikolos angesichts der Immobilienentwicklung in Wien", ist der Sportsoziologe überzeugt.

Und freilich müsste man im Vorfeld auch die Sportarten, so natürlich auch die Kernsportart Leichtathletik, im Fernsehen zeigen.

"Dann hat man die Verpflichtungen gegenüber den olympischen Sportarten und kann sich nicht mehr aus der Verantwortung nehmen", sagte der hochrangige Leichtathletik-Funktionär.

"Eine Chance für Wien"

Würde man bei Winterspielen einen relativ bescheidenen Effekt in Bezug auf Infrastruktur und nachhaltige Strukturen erzielen, so könne man hingegen bei Sommerspielen enorm viel für die Region und die Stadt erreichen.

"Und darin sehe ich die Chance von Wien", sagte Digel.

"Das Entscheidende ist, ob man bereit ist, im Sinne einer Stadtentwicklung Investitionen zu tätigen."

Zur Stadterneuerung

Dazu müsse das richtige Gelände gefunden werden, das als moderner Sportraum ausgewiesen werde.

"Das Problem East-London (wurde für Olympia 2012 saniert/Anm.) hat Wien auch. Es gibt auch Viertel, die mittel- und langfristig saniert werden müssen. In so eine Gegend kann man einen Olympiapark hineinplanen und dabei die notwendigen Sanierungsarbeiten finanzieren. Und heute kann man so etwas nur noch in wenigen Ländern der Welt finanzieren. Dazu gehört aber Österreich. Ökonomisch ist es eines der gesundesten Länder der Welt, in der EU gibt es nicht mehr als fünf Länder, die vertretbar positiv dastehen", meinte Digel.

Asiatische Übermacht

"Für alle asiatische Staaten, alle Schwellenländer ist die Idee, Olympia zu veranstalten, naheliegend. Malaysia, Singapur, China, wo jede Zwölfmillion-Einwohnerstadt ein Großereignis plant, werden alle in diesem Wettbewerb ihre Rolle spielen. Die Frage ist, hat Europa dabei noch eine Chance? Und wer aus Europa kann dabei noch eine Chance haben? Das sind für mich zunächst einmal die wirtschaftlich gesunden Staaten", sagte Digel.

Und fügte an: "Und es geht nur, wenn Regierung und Opposition gemeinsame Sache machen. Sie müssen das gemeinsam tragen. Genau das haben wir in London gehabt. Und es war ein Regierungswechsel und Sebastian Coe musste mit zwei Premierministern leben. Der eine hat ihm die Bewerbung gewonnen, der andere hat die schöne Show gehabt."

Keine Frage der Größe

Ob Wien mit knapp zwei Millionen Einwohnern zu klein sei, sei nicht die Frage, die man diskutieren müsse, meinte Digel.

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