21 Kilometer im Dunkeln

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21 Kilometer im Dunklen

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Die letzten Minuten vor dem Startschuss.

Inmitten 42.000 anderer Menschen steht Kristijan Ciganovic. Etwas fehlt. Ein Griff in die Bauchtasche. Da ist er: Ein Nylon-Damenstrumpf, an jedem Ende zu einer Schlaufe geknotet. Der wichtigste Teil seiner Laufausrüstung.

Kristijan Ciganovic ist blind.                                                                 

Er streift eine Schlaufe über sein linkes Handgelenk, die andere über das rechte seines Weggefährten Helmut Hinek. Ciganovic ist jetzt mit dem Mann verbunden, der ihn in den kommenden drei Stunden über die Halbdistanz des Vienna City Marathon begleitet. Begleitet, nicht führt. Blinder und Sehender laufen Seite an Seite, der mit einem gelben Guide-Leibchen ausgestattete Hinek weist ihm teils verbal den Weg, manchmal nimmt er ihn schlicht an der Hand.

Kurz vor dem Start erinnert Ciganovic seine „Augen“: Auf der Prater-Hauptallee werden Unmengen an Plastikbechern auf der Strecke liegen. Für einen Durchschnittsläufer spielt das kaum eine Rolle, der 43-Jährige muss auf solche Dinge aber gut aufpassen. Er hat schon Erfahrung, hat den Halbmarathon 2010 und 2014 absolviert.

Kristijan Ciganovic war nicht immer blind.

Er kam bereits als schwach Sehender zur Welt, verlor seine Sehkraft aber erst mit 14 Jahren endgültig. „Es war sehr schleichend, ich habe nie normal gesehen. Mit sieben hatte ich im Zuge einer OP, bei der das Auge sehr stark blutete, meine erste Erfahrung mit Blindheit. Es ist danach wieder besser geworden, ich habe wieder etwas sehen können. Ich kenne quasi jeden Grad der Sehschwäche. Wenn es so langsam geht, kannst du es an keinem Tag festmachen. Du merkst zum Beispiel irgendwann, dass du keine Farben mehr erkennst. Man könnte es mit einem Bildschirm vergleichen, dessen Bild langsam ausfällt.“

Kein Entkommen aus dem Pulk

Startschuss. Eigentlich sah der Plan vor, sich aus dem fünften von sechs Startblöcken schnell von der Masse zu entfernen. Das Chaos eines Marathon-Starts ist schon für Sehende schwer zu navigieren, die Zeit spielt für den Hobbyläufer sowieso nur eine Nebenrolle. So sagt er am Tag vor dem Rennen: „Ich möchte entspannt durchlaufen, so dass es mir Spaß macht.“ Ciganovic gibt das Tempo vor, Hinek passt sich an - wobei beide betonen, dass sie ohnehin beinahe gleich starke Läufer sind.

In drei Wellen zu je zwei - nach bisheriger Bestleistung gestaffelten - Startblöcken bewegt sich die Masse über die Reichsbrücke. Nach zwei Kilometern steckt das Duo noch mitten im Feld. „Du kannst es nicht vermeiden. Viele der Läufer vor uns waren nicht allzu schnell und wir mussten sie überholen“, analysiert Ciganovic danach – und der 60-jährige Hinek erklärt, warum das oft nicht so einfach ist: „Viele hören wegen ihrer Kopfhörer nichts. Zu zweit kommt man oft nicht so leicht vorbei, wenn sie das nicht merken, ist das etwas unangenehm.

Ciganovic zog 2004 31-jährig nach Österreich, seiner ersten Frau und Tochter zuliebe. Für Blinde ist sein neues Heimatland im Vergleich zu Kroatien „ein Paradies“, wie er es nennt. Trotzdem gibt es Verbesserungsbedarf: „Man darf nicht einschlafen und sagen, dass wir das Beste erreicht haben.“ Nach wie vor tut sich was, wie der leidgeprüfte Blinde berichtet: „Bei der U-Bahnstation Längenfeldgasse habe ich früher in Schweiß gebadet, wenn ich auf den Bahnsteig musste. Wir haben uns beschwert, seit zwei Jahren gibt es nun Markierungen. Jetzt ist es super.“

Nach seinem Umzug begann der Neo-Österreicher zu laufen: „Aus gesundheitlichen Gründen und weil ich nicht zunehmen wollte. Damals hatte ich keine Ahnung, dass es noch zu einem Halbmarathon kommen würde. Ich habe einfach angefangen und dann hat es begonnen, Spaß zu machen. Als ich mich erstmals für den Halbmarathon anmeldete, konnten es manche nicht glauben – aber meine Freunde haben mich unterstützt.“

„Jetzt überholen uns die auch noch“

Beim VCM dünnt sich das Feld Kilometer für Kilometer aus. Für perfektes Laufwetter ist es einen Tick zu warm, Freunde und Angehörige reichen den Läufern auch außerhalb der Verpflegungsstellen Wasserflaschen. Als Hinek und Ciganovic zwei Frauen überholen, sagt eine frustriert: „Na super, jetzt überholen uns die auch noch.“

Ciganovic läuft mit verschiedenen Begleitläufern. Mit Hinek arbeitet er erst seit 2014 zusammen. "Ich habe Karl Mayr, Kristijans Trainer beim Allgemeinen Behindertensportverein Wien, über eine Plattform des Blindensportverbandes kontaktiert“, berichtet der. Der pensionierte Ex-Bankangestellte ist erst seit kurzem Begleitläufer, ein Marathon ist für ihn aber kein Neuland. Schon in den 80ern lief er die 42,195 Kilometer des VCM mehrfach, mit einer Bestleistung von 3:30 Stunden. Warum nun Blindensport? „Ich habe in meiner Zeit bei der Bank für die Mitarbeiter Teilnahmen an Sportveranstaltungen organisiert und an vielen Bewerben selbst teilgenommen. Durch den Sport habe ich sehr viel Positives erlebt, was Gesundheit und Sozialisierung betrifft. Nun wollte ich das an jemanden weitergeben, der alleine nicht Sport machen könnte“, erklärt Hinek. Bedarf an neuen Begleitläufern besteht ständig, Interessierte können sich beim nächstgelegenen Behindertensportverein melden.

Hinek und Ciganovic vor dem VCM (Foto: Nolting)

Das Duo macht einen ungewöhnlichen ersten Eindruck. Ciganovic etwas kleiner, trotz Training ist noch ein Bauch zu sehen, Stoppelbart. Der 17 Jahre ältere Hinek: Groß, schlaksig, glattrasiert, sanfte Stimme. Was verbindet: Beide lachen gerne und viel.

Sie begegnen einander auf Augenhöhe. Wie zwei alte Freunde. In ruhigen Momenten plaudern sie über die Begebenheiten des Vorabends. Mehr als eine bloße Laufgemeinschaft.

Diese Partnerschaft funktionierte von Tag eins an. „Im Prinzip sieht man schon beim ersten Lauf, ob es geht oder nicht“, sagt Ciganovic. Hinek bestätigt: „Wir sind läuferisch etwa gleich stark. Wir plaudern sehr viel, es ist sportlich und zwischenmenschlich sehr positiv. Ich glaube, dass wir – falls keine Verletzung passiert – noch länger zusammenbleiben.“

Blindes Vertrauen

Auf den 21 Kilometern des Wiener Halbmarathons vertraut Ciganovic seinem Freund bedingungslos. „Das ist für mich normal. Als blinder Mensch kannst du ohne Vertrauen nicht leben. Wenn dir jemand auf der Straße oder am Bahnhof Hilfe anbietet, MUSST du ihm vertrauen.“ Hinek weiß das: „Ich bin mir dieser Verantwortung bewusst. Es war auch ein Grund, warum ich für heuer den Halbmarathon bevorzugt habe – ich wusste nicht, ob ich 42 Kilometer lang so konzentriert sein kann.“

Ciganovic' Urkundensammlung wächst

Am Laufsonntag liegen auf der Prater Hauptallee nicht nur Plastikbecher, sondern auch Bananenschalen. Die wirklichen Hindernisse haben aber zwei Beine. Eine Läuferin übersieht Ciganovic und schneidet seinen Weg, es kommt zu einer kleinen Kollision. Aber sturzfrei. Dazu muss Hinek mehrfach kreuzenden Touristen und auch einer Mutter mit Kinderwagen ausweichen. Normalerweise kündigt er potenzielle Probleme mitsamt Distanzangabe an, in Extremfällen hält Hinek seinen Laufpartner schlicht zurück.

„Ich bin nicht sein Trainer. Ich bin nur der, der ihm die Unbill des läuferischen Lebens zu umschiffen hilft“, beschreibt der Begleitläufer seine Aufgabe. Ciganovic ergänzt aus seiner Warte: „Mit anderen Begleitläufern funktioniere ich anders. Man kann es damit vergleichen, wie mich im Alltag unterschiedliche Leute führen – jeder macht es anders. Es kommt darauf an, wie groß, alt oder schnell sie sind und welche Beziehung wir haben. Größere Menschen neigen beispielsweise dazu, mich beim Gehen mit der Hand auf der Schulter zu lenken.“

Ein Blinder erlebt den Marathon anders

Bei seinem ersten VCM begeisterte Ciganovic, dass „es wirklich so schön ist. Es ist überall Musik zu hören, die ganze Stadt läuft mit.“ Während des Bewerbs hält ihn Hinek über die Umgebung auf dem Laufenden: Wir haben die Reichsbrücke verlassen, wir sind auf der Lasallestraße, wir sind am Praterstern, wir laufen an Schönbrunn vorbei. Die Wahrnehmung eines Blinden für Sehende verständlich zu beschreiben, fällt Ciganovic aber schwer. „Ich kann manche Geräusche sicher besser unterscheiden. Es ist für mich einfach Alltag", sagt er. Wenn er spricht, sind seine Worte gut überlegt, er nimmt sich Zeit.

Der Vater einer Tochter ist in zweiter Ehe mit einer ebenfalls blinden Argentinierin verheiratet. Er ist ausgebildeter Sprachlehrer, hat Latein und Spanisch studiert. Dazu kommen noch Kroatisch und Deutsch auf Muttersprachen-Niveau, auch Englisch könnte er lehren. Derzeit arbeitet der 43-Jährige in der Hilfsmittelfirma Caretec als Kundenberater und im Verkauf.

Daneben trainiert er nach Möglichkeit mit Hinek – in den Wochen vor dem VCM gelang das aber nur zwei Mal, weshalb meist das Laufband im Fitnesscenter herhalten musste.

Änderungen nach Nenngeld-Streit

2015 den VCM zu laufen war keine Spontan-Entscheidung. Direkt nach dem Halbmarathon 2014 meldete sich Ciganovic für die komplette Distanz des heurigen Bewerbs an. Im März entschied er schließlich, auf die 21 Kilometer umzusteigen: „Es hätte für mich keinen Sinn gehabt, beim 30. oder 35. Kilometer aufzuhören.“ In bewährter Manier will er sich auch diesmal in den Tagen nach dem Marathon für 2016 anmelden.

Das, obwohl es heuer einen Disput um das Nenngeld gab. Die Veranstalter forderten die 50-80€, die jeder Starter bezahlen muss (die genaue Summe variiert je nach Anmeldedatum) auch vom Begleitläufer und ließen Blinde damit quasi doppelt zahlen.

Mithilfe des Behindertenanwalts Erwin Buchinger erstritt Ciganovic eine Refundierung von Hineks Nenngeld. Der Veranstalter des VCM betont auf Anfrage von LAOLA1, dass auch der Begleitläufer Infrastruktur und Dienstleistungen in Anspruch nimmt, kündigt aber an: „Wir werden an einer einheitlichen Vorgangsweise für die Teilnahme von blinden Läufern und ihren Begleitläufern beim nächstjährigen Marathon im Einklang mit dem Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz arbeiten.“

Ein bisschen zu viel Ballast

In der Zielkurve (Foto: Felix Nolting)

Nach 2:33 Stunden Netto-Laufzeit überquert Kristijan Ciganovic die Ziellinie des Vienna City Marathon. In der 90-Grad-Zielkurve muss Hinek seinen Weg zuvor noch mit viel Körpereinsatz korrigieren, direkt hinter ihnen laufen ein Vater mit Kinderwagen und eine Frau, die ihren Zieleinlauf mit dem Handy filmt.

Eine Minute nach zwölf Uhr hat er es schließlich geschafft. „Am Ende wurde es anstrengend“, befindet er direkt nach dem Zieleinlauf nüchtern, aber sichtlich stolz. Vor einem Jahr brauchte er noch zwölf Minuten länger.

Zwei Tage nach dem Rennen fällt die Analyse mit etwas Distanz anders aus. „Ich habe bemerkt, dass ich zu viel zugenommen habe. Ich möchte gar nicht wissen, wie ich ohne den Sport ausschauen würde“, scherzt er nach einem Mohn-Apfel-Kuchen. Und freut sich schon auf das nächste Training und den nächsten Bewerb: „Ich bin für jeden Lauf dankbar.“

Die nächste Kooperation mit Hinek soll eine ruhigere Sache werden. „Ein Marathon mit 2.000 Teilnehmern ist sicher angenehmer“, glaubt Ciganovic.

Aber zuerst müssen neue Laufschuhe her. Das alte Paar hat die 21 Kilometer am Sonntag nicht so gut überstanden wie sein Besitzer, der seinen Muskelkater nach zwei Tagen schon fast nicht mehr spürt.

Kristijan Ciganovic schaut eben immer nach vorne.

Auch wenn er nicht auf herkömmlichem Wege sieht.

 

Martin Schauhuber

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