Ein Leben mit dem Nackenschlag

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Ein Leben mit dem Nackenschlag

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Horror-Diagnose Querschnittlähmung.

Stabhochspringerin Kira Grünberg wird nach einem Trainingsunfall nicht mehr gehen können. Für einige Tage wird Österreichs amtierende Leichtathletin des Jahres noch auf der Intensivstation der Innsbrucker Uni-Klinik liegen. Ihre Verletzungen waren lebensbedrohlich.

Was in der 21-jährigen Tirolerin und ihren Angehörigen gerade vorgehen muss, ist nicht auszumalen.

 Nachempfinden können dies wohl nur Menschen, die einen ähnlichen Schicksalsschlag durchlebt haben. Thomas Geierspichler ist so einer. Wie Grünberg hat sich der Salzburger in jungen Jahren den fünften Halswirbel gebrochen. Er sitzt seither im Rollstuhl und ist als zweifacher Paralympics-Sieger zu einem der bekanntesten Behindertensportler des Landes avanciert.

Ein Sprachrohr, wenn man so will. Doch als ihn LAOLA1 mit der Bitte erreicht, Einblick in mögliche emotionale Vorgänge und Folgen zu geben, zögert der 39-Jährige. Er möchte sich nicht wichtigmachen, nicht aus der Ferne Ratschläge geben, meint er. „Ich habe mit meiner Freundin darüber gesprochen, weil ich überlegt habe, zu dem Thema gar kein Statement abzugeben“, gibt er zu erkennen, dass es schon mehrere Medien-Anfragen gegeben hat. „Es ist ein heikles Thema, doch wer soll dazu überhaupt etwas sagen können.“

Geierspichler willigt doch ein. Allerdings möchte er sich nicht anmaßen, die Situation der Familie Grünberg beurteilen zu können. Schließlich stehe jedwedes Schicksal für sich, kein Fall sei wie der andere, weshalb er sich weitgehend auf Schilderungen aus seinen Erfahrungen beschränken möchte.

Wie einbetoniert

Geierspichler holte im Rennrollstuhl insgesamt neun Paralympics-Medaillen

Geierspichlers schicksalshafter Tag war der 4. April 1994, als er als 17-Jähriger am Heimweg von der Disco als Beifahrer in einen Unfall verwickelt wurde. Die ersten Tage im Krankenhaus beschreibt er schlichtweg als die Hölle.

„Für mich und meine Familie ist da eine Welt zusammengebrochen. Wenn du dort mit dieser Diagnose liegst, gibt es in diesem Moment nichts Schlimmeres“, meint er. Da er sich nicht bewegen konnte, sei er wie einbetoniert im Bett gelegen.

„Es hat am ganzen Körper gewurlt, so als ob du vom Kalten ins Warme kommst. Nur halt mal Tausend. Das waren höllische Schmerzen. Ich wollte mich kratzen, konnte es aber nicht. Auf der anderen Seite bist du von Schmerzmitteln so benebelt, dass du alles nur teilweise mitbekommst“, gibt Geierspichler einen Einblick, bricht seine Ausführungen aber jäh ab, weil er den Angehörigen kein zu schreckliches Bild malen möchte. Nachdenklich schließt er: „Genaueres sollten sie wahrscheinlich gar nicht wissen.“

Suche nach der neuen Identität

Die Schmerzen vergingen, einige Fähigkeiten wie beispielsweise das Gefühl in den Händen kamen wieder. Jenes in den Beinen tat es nicht. Für Geierspichler der Super-GAU. Etwas, mit dem er einfach nicht fertig wurde. „Weil ich im Kopf noch immer der Thomas Geierspichler war, der in Anif Fußball spielte, der auf der Aschenbahn über 60 Meter den anderen davonlief. Ich war sehr sportlich und das war mit einem Mal einfach weg. Ich dachte damals, dass mein Leben vorbei ist und nichts mehr wert ist.“

Den Thomas Geierspichler, der im Rollstuhl saß, konnte und wollte er nicht akzeptieren. Er sah sich nicht mehr als Mensch, sondern als einen Behinderten – ein Objekt. „Für mich waren Behinderte damals arme, bemitleidenswerte Wesen, denen man halt einen Behindertenparkplatz gibt, damit sie auch integriert sind. Oder denen man Geld hinschmeißt, damit man sein soziales Gewissen erleichtern kann.“

Geierspichler musste seine Identität erst neu finden. Diesem Prozess hat er sich jedoch lange verweigert. „Mit meiner Kifferei und meinen anderen Experimenten habe ich versucht, mich in Watte zu packen, alles zu vernebeln, weil ich es nicht wahrhaben wollte.“ Drei Jahre versuchte er, die Augen vor der Realität zu verschließen, bis er sich endlich stellte. Erst danach sei es für ihn möglich gewesen, sich neue Ziele zu stecken.

Realisieren statt akzeptieren

Geierspichler blickte nach drei Jahren der Realität ins Auge

Doch sein Schicksal wolle er – auch in Richtung der Familie Grünberg –keinesfalls als exemplarisch verstanden wissen. Schließlich sei der Umgang mit Schicksalsschlägen ein individueller. „Ein Niki Lauda hat auf seinen Feuerunfall beispielsweise völlig rational reagiert. Der hat das in seinem Kopf sofort abgehakt.“ Zudem bezeichnet sich Geierspichler in Bezug auf seine Reife rückblickend als „Baby im Körper eines Jugendlichen“. 

Der Prozess des sich selbst Findens benötige nun mal Zeit, die man den Betroffenen geben sollte.

Dies ist einer der wenigen Ratschläge, die Geierspichler zu entlocken sind. Denn auf das Wort „Ratschlag“ reagiert er beinahe allergisch. Zu viele dieser „gut gemeinten“ Tipps habe er damals selbst bekommen.

„Es ist ungefähr so, als wenn du in deinem Leben noch nie zuvor geschwommen bist, aber mit einem Mal ins kalte Wasser geschmissen wirst. Du hast nur eine Chance – und die heißt, dich irgendwie über Wasser zu halten. Dann kommen aber alle diese super gescheiten Ratschläge. Bestimmt will jeder nur das Beste für einen, aber diese vielen Ratschläge von außen prasseln förmlich auf dich ein. Sie können dich fast erschlagen. Sie sind wie kleine Holzstücke, die dir jemand ins Wasser zuwirft, mithilfe derer du dich kurz über Wasser halten kannst oder die dir kurz ein Gefühl von Sicherheit vorgaukeln. Aber wirklich Auftrieb geben sie dir letztlich nicht.“ Der einzige Ausweg bleibe, schwimmen zu lernen.

Einer der häufigsten Ratschläge sei gewesen, sein Schicksal zu akzeptieren. „Doch in Wahrheit habe ich es realisieren müssen.“ Dazwischen liege der Unterschied, dass im Gegensatz zum Akzeptieren das Realisieren, was er als bloßes Vergegenwärtigen der aktuellen Lage bezeichnet, noch Handlungsspielräume lässt. Entscheidend sei das schonungslose Eingestehen der Probleme. „Dann habe ich zu mir gesagt: ‚Ich sitze im Rollstuhl, hasse es, kann es aber nicht ändern‘“, spricht Geierspichler von einer tränenreichen Phase. „Doch genau hier hat die Heilung ansetzen können. Plötzlich war ich authentisch mit mir selbst.“

Generell sei Trauer und Bedauern ein nicht zu vernachlässigender Teil bei ihm gewesen. „Es war wichtig, dass dafür Platz war, weil es mir geholfen hat, das alles zu verarbeiten“.

Im Sport fand Geierspichler wieder neuen Spaß am Leben. Gold-Medaillen bei den Paralympics in Athen und Peking untermauern das eindrucksvoll.

Über den Glauben kehrte auch das Prinzip Hoffnung wieder zurück. Hoffnung, die ihn auch nach 20 Jahren im Rollstuhl davon träumen lassen, eines Tages wieder gehen zu können. „Ich bin aber kein Volltrottel und weiß, dass ich auch im Rollstuhl sterben kann. Nichtsdestoweniger lässt mich diese Hoffnung positiver an Dinge herangehen.“

 

Reinhold Pühringer

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