Der "Schwager" aus Jamaika

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Wagner: "Als würde ich meinen Schwager einladen"

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Sie sind wieder weg.

Am Montagmorgen hob ein Charter-Flieger in Richtung Moskau ab. An Bord befanden sich die 80 US-Leichtathleten, die sich in den vergangenen knapp zwei Wochen in Linz auf die WM in der russischen Hauptstadt (10. Bis 18. August) vorbereiteten.

Doch warum kommen Weltstars wie Allyson Felix oder Justin Gatlin ausgerechnet nach Linz? Gute Frage.

„Die Trainingsanlagen auf der Gugl sind großartig“, lautet Robert Wagners Antwort, die jedoch nicht ganz ausreicht. Der Leichtathletik-Manager, der seit rund 25 Jahren im Geschäft ist, lotste den US-Tross in die Stahlstadt.

„Die Sportler und auch die Leute vom US-Verband sagen, dass es in ganz Amerika keine Anlage gibt, wo alles so kompakt an einem Ort ist“, erklärt er. Mit der LA-Halle, einem 50m-Schwimmbecken, einem Kraftraum sowie Räumlichkeiten für Physio-Therapeuten und Medizinische Betreuung spielt die Gugl alle Stücke.

Keinerlei Star-Allüren

Gute Infrastruktur hin oder her - nicht unwesentlich bei der Entscheidungsfindung der US-Verantwortlichen war auch das gute persönliche Verhältnis Wagners zu den Stars aus Übersee. Insgesamt hatte der Agent im Laufe der Jahre 19 Olympiasieger und 27 Weltmeister unter Vertrag, die meisten davon aus den USA und Deutschland.

Auch Colin Jackson zählte zu seinen Mandanten. Der britische Ex-Weltrekordhalter über 110m-Hürden startete von 1988 bis 2001 beim Meeting in Linz. Im Vorjahr kehrte er auf Vermittlung von Wagner als US-Coach mit einer kleinen Trainingsgruppe auf die Gugl zurück, um sie auf die Olympischen Spiele vorzubereiten. Es hat ihm offenbar gefallen, da er heuer mit einem noch größeren Tross in Oberösterreich Station machte.

„Colin kennt Linz und hat Freunde hier“, spricht Wagner von sehr engen Banden, die in der Leichtathletik herrschen. „Es kennt praktisch jeder jeden.“ Dementsprechend locker und umgänglich sei auch das Verhältnis mit den Superstars wie beispielsweise Allyson Felix. „Sie ist ein völlig unkomplizierter Mensch“, berichtet er über die vierfache Olympiasiegerin und achtfache Weltmeisterin.

„Da gibt es keinerlei Star-Allüren. Wir reden da schließlich von der Leichtathletik und nicht vom Fußball“, verweist Wagner auch auf die Hochschul-Abschlüsse der US-Stars.

Foto mit Bolt

Persönlicher Kontakt heißt auch der Trumpf, wenn es um Usain Bolt geht. Das weltweit größte Aushängeschild, das es in der Leichtathletik gibt, will Wagner für die Gugl Games am 26. August nach Linz lotsen.

Schröcksnadel nicht erreichbar

Robert Wagner hat gute Kontakte in die Leichtathletik

Abseits von den ÖLV-Funktionären vermisste Wagner auch die Unterstützung von Seiten des neu ins Leben gerufenen „Projekt Rio 2016“. Dessen Vorsitzenden, Peter Schröcksnadel, habe er in den vergangenen Tagen vergeblich versucht zu erreichen.

„Ich habe mir gedacht, dass Usain Bolt in Linz ein positiver Impuls für den österreichischen Sommersport sein könnte, weshalb ich alle Olympia-Athleten einladen wollte, um daraus ein großes Sportfest zu machen. Doch Herr Schröcksnadel ist ja nicht erreichbar! Ich habe gehört, er sei fünf Wochen Fliegenfischen in Kanada.“

Dass wohl jeder einen Urlaub verdient, sieht Wagner noch ein, nur der Zeitpunkt ist ihm gänzlich unverständlich. „Während des Hahnenkammrennens fliegt er schließlich auch nicht weg“, lautet sein Konter. „Sommersport-Chef sein und im Juli fünf Wochen auf Urlaub zu gehen, das passt einfach nicht zusammen.“

„Sportler werden zu Tode gefördert“

Dass die US-Stars mit Österreich ausgerechnet in ein Land kommen, welches über mangelnde Sportanlagen klagt, diesen Behauptungen kann Wagner nichts abgewinnen. „Das ist doch Blödsinn“, sagt er mit seelenruhiger Stimme. „Wir haben alles, was wir brauchen.“

Dabei gilt die mangelnde Infrastruktur doch spätestens seit den Spielen in London als Grundübel für die rot-weiß-rote Erfolgslosigkeit. Wagner ortet diese jedoch vielmehr im System, das nicht zu wenig, sondern zu viel für den Athleten macht. „Wir fördern unsere Sportler zu Tode. Bei uns gibt es jede Menge Geld und Förderungen, aber geschlagen werden wir von Ländern, wo es kein Geld gibt, also kann es daran nicht liegen. Wir haben ein Gesellschaftssystem, in dem die Sportler nicht wirklich müssen.“

Seiner Meinung nach wirken sich diese Umstände negativ auf die Einstellung aus. „Wir haben keine hungrigen Athleten. Unsere Sportler bekommen schon Geld, auch wenn sie noch gar nichts geleistet haben.“

Dabei bezieht er sich auch auf Erfahrungen, die er als Manager mit österreichischen Leichtathleten gemacht hat. „Bei denen war das Bedürfnis nach internationalen Wettkämpfen ganz gering. Wozu auch? Die hatten schließlich ohnehin ihr Gehalt beim HSZ. Unsere Sportler können ihren Sport auf der Play Station betreiben. Dort gibt es genauso Gewinner und Verlierer.“

Um der Problematik beizukommen, würde Wagner eine Forcierung des Universitätssport-System nach US-amerikanischem Vorbild befürworten.

Reinhold Pühringer

Eine Übereinkunft mit dem 100m-Weltrekordler wurde bereits erzielt. Die letzte Hürde stellt die Start-Gage des Jamaikaners dar. Diese ist allerdings 250.000 Euro hoch und somit alles andere als ein Pappenstiel.

Mit einer Aktion soll das Engagement des fleischgewordenen Blitzes nun doch noch Realität werden. Es werden 250 VIP-Tickets zu je 1.000 Euro angeboten. Wer eine solche Karte ersteht, wird direkt an der 100m-Bahn sitzen und nachher eine Gelegenheit für ein persönliches Foto mit dem Superstar bekommen.

„Das Interesse ist sehr groß“, berichtet Wagner von zahlreichen Anfragen und E-Mails. „Aber ich bin schon lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass Interesse und verkaufte Karten zwei Paar Schuhe sind.“

Nur Moskau im Kopf

Eine echte Deadline, bis wann Bolt über das Zustandekommen der Gage informiert werden muss, gibt es praktisch nicht.

„Aktuell hat er nur seinen 100m-Lauf bei der WM im Kopf. Danach wird er in London stationiert sein“, weiß Wagner. Von dort sei eine kurzfristige Anreise kein Beinbruch. Die terminliche Flexibilität des 26-Jährigen ist schnell erklärt.

„Ich kenne Usain seitdem er 15 ist, als er noch kein Überdrüber-Star war. Ähnliches gilt auch für seinen Manager Ricky Simms, mit dem ich oft gemeinsam von Meeting zu Meeting gereist bin. Das ist wie eine große Familie. Das ist so, als würde ich meinen Schwager einladen“, meint Wagner, der Bolt 2010 zu einem von ihm organisierten Meeting nach Daegu holte.

Die Heimat der Gummi-Bärchen

Im Idealfall könnte Bolt am 23. oder 24. August in Linz mit dem Flieger landen. Für die Gugl Games werden auch einige der US-Stars wieder nach Oberösterreich zurückkehren. Darunter auch Justin Gatlin, der bei einer Bolt-Zusage dann auf die 200m ausweichen würde.

Vielleicht bleibt ihm dann auch ein wenig mehr Zeit für Sightseeing als zuletzt. Während der Vorbereitungszeit auf die WM besichtigten er und seine Teamkollegen allerdings die Haribo-Fabrik und zeigten sich erstaunt, dass die Gummi-Bärchen ihre Heimat in Österreich haben.

ÖLV zeigt kein Interesse

So sehr sich Wagner über die neuerlichen Trainingsgäste aus Übersee auch freute, war es ihm in gewisser Hinsicht auch unangenehm. Denn während sich in Linz in den vergangenen Tagen US-Spitzen-Funktionäre ein Stelldichein gaben, ließ sich vom ÖLV niemand blicken.

„Mir ist das so peinlich, das kann sich kein Mensch vorstellen“, schüttelt Wagner den Kopf. „Furchtbar! Das ist eine Frage der Höflichkeit, der Gastfreundschaft. So etwas macht man nicht.“

Er hätte die Gelegenheit gerne genützt, um mit den US-Granden über mögliche Kooperationen zu sinnieren. „Wir stellen ihnen im Sommer diese Trainingsmöglichkeit zur Verfügung und dafür helfen sie uns mit unseren Athleten“, schwebte Wagner vor. Doch angesichts des fehlenden ÖLV-Interesses ist diese Chance dahin.

Auch von den heimischen Athleten oder Trainern hatte nur Nachwuchs-Läufer Niki Franzmair die Chance genützt, sich etwas von den Ausnahmekönnern abzuschauen.

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