Pistorius darf an der WM teilnehmen – zurecht?

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Ja, der CAS hat richtig entschieden!

Ein Kommentar von Reinhold Pühringer

Die Entscheidung, dass Oscar Pistorius bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Deagu (KOR) starten darf, ist das richtige Signal. Das Urteil des Sportgerichtshofs (CAS) in Lausanne hat gezeigt, dass die Behauptungen, er könnte durch seine Prothesen einen technologischen Vorteil haben, so nicht stimmen. Die groben Benachteiligungen am Start und in der Beschleunigungsphase wurden vom Weltverband IAAF offensichtlich unter den Teppich gekehrt, womit sich das eigentliche Thema offenbart – und zwar die Diskriminierung von Behinderten-Sportlern.

Wenn ein globaler Fachverband versucht, einem Sportler die Teilnahme an Bewerben zu verweigern, ist das alarmierend und zugleich unmenschlich. Es scheint, als würde Barrierefreiheit nur in U-Bahn-Stationen und öffentlichen Gebäuden, aber nicht in unseren Köpfen existieren.

Dabei könnte ein Oscar Pistorius für unsere Gesellschaft doch so wertvoll sein. Er könnte ein Zeichen setzen, dem weitere folgen könnten. Dies wiederum könnte zu einer Enttabuisierung des Themas Behinderung führen. Menschen mit gewissen Beeinträchtigungen würden vielleicht – irgendwann in ferner Zukunft – nicht mehr als benachteiligt angesehen werden.

Deshalb: So lange nicht klar belegbar ist, dass Pistorius durch seine Karbon-Schienen einen Vorteil hat, muss er starten dürfen. Und sollte die Sportwissenschaft eines Tages tatsächlich zu der Erkenntnis kommen, dass die „Blades“ den menschlichen Beinen überlegen sind, dann plädiere ich dafür, dass ein technologisch „Geläuf“ zu entwickeln.

Auch wenn noch ungewiss ist, wie viele Schritte Pistorius in Daegu für seinen 400-m-Lauf benötigen wird, könnten es dennoch die ersten Schritte zu einem „barrierefreien“ Sport sein.

Nein, Pistorius sollte nicht starten!

Ein Kommentar von Christoph Nister

Was Oscar Pistorius auf sportlicher Ebene leistet, ist kaum in Worte zu fassen.

Wie er sich trotz seiner Behinderung nie entmutigen ließ, mit 17 Jahren zum Sport kam und dort Rekord um Rekord verbesserte, ist schwer beeindruckend.

Auch, dass er die Qualifikation zur WM in Daegu meisterte, ringt mir größten Respekt ab.

Verständnis dafür, dass er teilnehmen darf, kann ich trotzdem nicht aufbringen. Das hat aber nichts mit Diskriminierung zu tun.

Bei nüchterner und rein auf Fakten basierender Betrachtung sollte schnell klar werden, dass der CAS einen Fehler machte, als er dem Südafrikaner das Startrecht zusprach.

Der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) hatte zuvor aus guten Gründen gehandelt, als er sich gegen Pistorius’ Teilnahme an einer WM oder Olympischen Spielen aussprach.

In einem Gutachten wurde ersichtlich, dass Pistorius dank seiner Prothesen in der zweiten Rennhälfte seiner Lieblingsdisziplin (400 m) klare Vorteile gegenüber der Konkurrenz hat.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass dem 24-Jährigen beim Start oder der Beschleunigung Nachteile entstehen. Das darf allerdings keine Rolle spielen, denn auch andere Sportler haben – beispielsweise aufgrund ihrer Körpergröße – zum Teil gravierende Nachteile gegenüber ihren Kontrahenten.

Natürlich stehen diese Nachteile in keinerlei Relation zum Fall Pistorius. Und doch ist es wichtig, sie zu erwähnen, denn auch diese Athleten dürfen sich keinerlei technischer Hilfsmittel bedienen, um Defizite auszugleichen.

Es wäre undenkbar, einem körperbehinderten Schwimmer Flossen zu erlauben, damit er Michael Phelps Paroli bieten kann.

Oscar Pistorius ist ein Ausnahmeathlet, der mit seinen Leistungen für Furore sorgte und dies mit Sicherheit auch bei der WM tun wird. Letztenendes profitiert auch die IAAF von seinem Start, da er zusätzliche Medienpräsenz garantiert.

Eine Win-Win-Situation für beide Seiten? Nein, denn eines Tages könnte ein körperbehinderter Sportler dank technischer Hilfe die Weltrekorde der Nichtbehinderten brechen. Die aktuelle Diskussion wird neu entfachen, nur wird es dann zu spät sein.

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