Paula Radcliffe und die Stil-Frage

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Die Kopfbewegungen sind irgendwo zwischen Nicken und Winden einzuordnen, der Schritt stampfend, die Armbewegungen teils unrhythmisch, die Gesichtszüge verzerrt.

Wenn Paula Radcliffe läuft, hat die Ästhetik Pause. Gazellenhafte Anmut sieht anders aus.

Eine der besten aller Zeiten

Dennoch ist die Engländerin eine der besten Langstrecken-Läuferinnen ihrer Zeit.

Sie hält die Weltrekorde im Marathon (2:15,25) und über die 10.000 Meter auf der Straße (30:21), hat unzählige Goldmedaillen im Vitrinen-Schrank und zählt mit 38 Jahren immer noch zur absoluten Weltspitze.

Wenig ökonomisch

Dabei gilt ihr Laufstil als wenig ökonomisch.

Experten bescheinigen ihr unisono, einige Sekunden schneller laufen zu können, wenn sie ihre Eigenheiten ablegen würde. Durch den verkürzten Nacken und die nach oben gezogenen Schultern würde die Atmung erschwert.

„Ich habe daran gearbeitet“

Doch die zweifache Mutter sieht es nicht so: „Ich habe daran gearbeitet, nicht zu sehr mit dem Kopf zu wackeln. Das zu ändern, kostet aber viel Kraft.“

Sie habe im Laufe der Zeit ihre unorthodoxen Kopfbewegungen eingeschränkt, ganz abstellen könne sie diese aber nicht. „Das ist eine unterbewusste Sache, mir fällt das nicht einmal auf“, sagt Radcliffe.

Scherzhaft sieht die Läuferin, die bei Olympischen Spielen stets Pech hatte, nie eine Medaille holen konnte, sogar einen Vorteil: „Zumindest hat so niemand ein Problem, mich im Feld zu identifizieren.“

In der Tradition Zatopeks

Zudem ist die Britin nicht die erste ihrer Art, deren unkonventioneller Stil für Aufsehen sorgt. Auch Emil Zatopek, zwischen 1948 und 1952 vierfacher Olympia-Sieger, war dafür bekannt. „Die tschechische Lokomotive“ zog Grimassen während dem Laufen und wackelte wild mit dem Kopf.

Auch deswegen wurde er zum tschechoslowakischen Volksheld und Liebling der Massen.

Unmenschliche Leistungen, menschliche Erscheinung

Er wirke dadurch „nicht wie ein formloses Produkt der modernen Technik“, sondern „erwirbt seinen Sieg teuer, ein Mann, mit gequälten Gesicht, der während des Laufs um Atem ringt“, beschrieb der französische Schriftsteller Pierre Magnan Zatopek.

Diese Eigenarten sind auch Radcliffe zuzuschreiben. Obwohl sie fast unmenschliche Leistungen erbringt, lassen sie ihre Fehler dabei doch so menschlich erscheinen.


Harald Prantl

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