"Habe den Sturz gesehen"

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"Für mich ist es vielleicht gar nicht so schlimm"

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Sechs Wochen sind seit dem tragischen Unfall von Kira Grünberg beim Stabhochsprung-Training vergangen.

Jetzt stellt die 22-Jährige in einem ORF-Interview ihren ungebrochenen Kampfgeist und ihre bemerkenswerte Lebenseinstellung erneut unter Beweis.

Rückblick

Die Tirolerin bricht sich am 30. Juli bei einem Sturz aus großer Höhe den 5. Halswirbel. In einer Notoperation wurde der fünfte Halswirbel durch einen Teil des Beckenknochens verstärkt und mit dem 4. und 6. Wirbel verschraubt.

Vom Hals abwärts gelähmt, sollte sie nie mehr Arme und Beine bewegen können. Die Schäden seien permanent und ließen keinen großen Spielraum für eine positive Entwicklung, so die niederschmetternde Diagnose der Ärzte in der Innsbrucker Uni-Klinik.

Ihr Schicksal bewegt Österreich. Zahlreiche Spenden werden gesammelt, bei einem Lauf-Event in Wien nehmen 3.400 Menschen teil. Sie wollen Kira Mut machen und zeigen sich von ihrem Kampfgeist beeindruckt und inspiriert.

Bundespräsident Heinz Fischer und seine Gattin stehen an der Spitze zahlreicher prominenter Besucher am Krankenbett der Tirolerin.

Nach drei Wochen intensiver Therapie in Bad Häring die erfreuliche Nachricht: Österreichs Rekordhalterin (4,45 m)  kann ihre Arme bewegen, arbeitet jeden Tag hart an sich und strahlt unglaublichen Lebenswillen aus.

 

LAOLA1 fasst das beeindruckende Gespräch zusammen:

 

Kira Grünberg über ...

... den Sturz:

Ich habe vom Anlauf zu wenig Schwung in den Stab übertragen und dadurch habe ich es nicht geschafft, auf der Matte zu landen und bin in den Einstichkasten abgestürzt. Es war gar keine Stresssituation. Es war einer der ersten Sprünge. Ich war nach dem Bänderriss wieder fit für Wettkämpfe. Das war eigentlich meine Generalprobe vor dem nächsten Wettkampf.

Wenn ich selber darüber rede, ist es halb so schlimm. Wenn man es von anderen hört, aus anderen Perspektiven, ist es ein bisschen anders. Wie es Papa und Mama miterlebt haben, darüber haben wir noch nicht oft geredet.

... die Erinnerung und den von ihrer Mutter gefilmten Sturz:

Der Sturz ist wie auf die Augenlider gebrannt. Den sieht man immer wieder vor sich, ohne, dass man ihn angeschaut hat. Das merkt man sich für den Rest des Lebens. Ich habe ihn mir so oft durch den Kopf gehen lassen und wollte eigentlich nur abgleichen, ob das, was ich in Erinnerung habe, mit der Tatsache übereinstimmt.

... das Risiko beim Stabhochsprung:

Man weiß, dass der Sport gefährlich ist. Es hat auch schon Todesopfer gegeben, aber selber habe ich die Sportart nicht als gefährlich empfunden. Ich bin verantwortlich. Ich habe den Stab in der Hand, bin angelaufen und gesprungen. Wenn es schief geht, ist auf keinen Fall der Wind schuld oder die Anlage. Es ist immer der Sportler selber. Das macht es für mich leichter. Für mich wäre es ganz schwer, wenn wer anderes daran schuld wäre, wenn ich es nicht selber in der Hand gehabt hätte.

... Pflege durch ihre Eltern:

Am Anfang habe ich nur ganz wenig und leise geredet. Die Eltern wissen einfach, was ein Kind braucht. Ob man ein Baby füttert oder ein älteres Kind ist fast das gleiche.

... Nahrungsaufnahme:

Am Anfang war das ein großes Problem. Ich bin auf der Intensivstation ein paar Tage künstlich ernährt worden. Dann kam der Tag, an dem es geheißen hat: "Jetzt musst du wieder selber essen."  Ich habe dann mit Kakao und Trinken angefangen. Essen hat gedauert, aber mittlerweile habe ich wieder recht guten Hunger und esse fast wie früher.

... sportlichen Ehrgeiz:

Jeder Tag im Reha-Zentrum ist hartes Training. Da hilft es, wenn man das von früher gewöhnt ist. Wenn man früher nicht so viel Sport gemacht und sich nicht so mit dem eigenen Körper beschäftigt hat und das plötzlich machen muss, ist es sicher eine große Umstellung, zu lernen, jeden Tag an seinem Körper zu arbeiten. Ich bin das von früher gewohnt, das erleichtert es mir um einiges.

Die Unterstützung der Fans gibt Grünberg viel Kraft

... prominente Besucher:

Ich habe nicht mit so viel Aufmerksamkeit gerechnet. Solche Leute hätte ich in meinem früheren Leben wahrscheinlich nicht kennenlernen dürfen. Für mich ist es noch immer unerklärlich. Ich war früher zwar eine gute Sportlerin, aber nicht ganz an der Spitze und nicht so bekannt. Ich glaube, es hat viele mitgenommen, dass einem jungen Mädchen das passiert und es so aus dem Leben gerissen worden ist.

... Freunde:

Wenn Freunde das erste Mal zu Besuch kommen, sagen sie schon: "Das ist ein mulmiges Gefühl zu dir ins Zimmer zu kommen." Sie haben tagelang darüber nachgedacht, wie sie mir gegenübertreten sollen. Wenn sie dann wieder gehen, sagen sie, dass sie so froh sind, dass sie zu Besuch waren und gesehen haben, dass es mir gut geht, weil es ihnen dadurch auch besser geht.

... ihren Freund Christoph:

Ich hätte mir nicht gedacht, dass er so gut damit umgehen kann. Ich bin froh, dass er auch an meiner Seite ist und noch immer hinter mir steht.

... die Unterstützung aus der Bevölkerung:

Das bedeutet mir schon sehr viel, das gibt unheimlich viel Kraft. Es ist erstaunlich, wie viele Leute an mich denken, das ist schon etwas ganz Besonderes.

... geplante Stiftung:

Ich will, dass andere, die dasselbe oder ähnliche Schicksal haben, das freie Gefühl haben, sich um nichts Sorgen machen müssen und gut regenerieren können. Ich habe es relativ gut erwischt und will anderen Leuten helfen.

... Comeback auf dem Platz:

Ich kann mir vorstellen, wieder auf den Platz zu gehen. Ich habe mir die WM in Peking im Fernsehen angeschaut und will meine Jungs wieder springen sehen und ihnen Tipps geben.  Wenn ich fit bin, will ich im Training wieder dabei sein.

... ihr Leben nach dem Unfall:

Ich lebe einfach so weiter wie früher, bloß dass ich jetzt halt ein bisschen an das Bett gebunden bin und an den Rollstuhl, aber sonst hat sich irgendwie nichts verändert. Mein Kopf und mein Geist sind gleich geblieben. Für mich ist es vielleicht gar nicht so schlimm wie für andere Menschen. Es ist genauso ein schönes Leben.

... kleine Freuden:

Man freut sich über kleinere Dinge, über die man sich früher nie freuen hätte können. Wenn man nach zweieinhalb Wochen wieder einen Sonnenstrahl auf der Haut spürt, das Gefühl ist unglaublich. Oder als ich mit Papa in der Sonne gesessen und Eis gegessen habe, da freut man sich wie ein kleines Kind, das ist fantastisch.

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