"Die Meetingsstruktur ist zusammengebrochen"

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Österreich ist erstmals seit 30 Jahren wieder Gastgeber einer großen Leichtathletik-Tagung.

Der Europäische Verband (EAA) hielt am Freitag in Wien die Exekutiv-Komitee-Sitzung ab und führt an diesem Wochenende in Neusiedl am See die CEO-Konferenz durch.

Die Tagung steht unter dem Motto "Stabilität, Unabhängigkeit und Wachstum - Optimieren der Finanzen der Mitgliedsverbände in herausfordernden Zeiten".

Im Interview sprach EAA-Präsident Hansjörg Wirz (Schweiz, 68) über den Stellenwert der europäischen Leichtathletik, die Freiluft-Europameisterschaften während der Fußball-EM und die Herausforderungen der Zukunft.

Frage: Wo sehen Sie die europäische Leichtathletik jetzt und wo geht der Weg hin?

Hansjörg Wirz: "Wir haben in Europa einen sehr gesättigten Markt mit vielen verschiedenen Sportarten. Unsere Sportart hat den Weg der Globalisierung gemacht. Wir sind heute in allen Kontinenten sehr stark, überall noch mit anderem Potenzial. Es hat ja auch eine andere Verteilung gegeben, wenn man das Weltniveau betrachtet. In diesem kompetitiven Markt muss man auch Erfolge haben. Das hat dazu geführt, dass wir überlegt haben, ob unsere Wettkampfformen für diese veränderten Zeiten und den veränderten Markt noch richtig sind, weil wir in der Finanzierung ja abhängig vom Erfolg sind. Es geht darum, ob man unsere Sportart sehen will im Fernsehen. Das ist unsere Finanzierungsquelle."

Frage: Was waren die Ergebnisse dieses Veränderungsprozesses?

Wirz: "Wir haben mit den Verbänden entschieden, dass wir Europameisterschaften nicht nur alle vier Jahre haben können. Wir brauchen sie jedes zweite Jahr. In Zahlen ausgedrückt: wir haben bei Europameisterschaften 1.350 Athleten im Einsatz. Wenn wir Europäer zu Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen gehen, sind es 500 bis 700 Athleten weniger. Die Frage ist, wo sind diese 500 oder 700 in den vier Jahren, wenn wir keine EM haben? Eine der Hauptaufgaben ist, sicherzustellen, dass wir neue Generationen entwickeln. Wenn wir uns nicht erneuern können, werden wir international im Anteil auf Weltniveau noch kleiner werden. Das dürfen wir nicht. Ich glaube, dass wir es auch schaffen, dieses Potenzial und Niveau zu halten. Auch mit weiteren Maßnahmen. Es gibt noch Potenzial bei der Meetingstruktur."

Frage: Wie hält man im Überangebot an Sportarten das Interesse hoch?

Wirz: "Früher waren die Zuschauer im Stadion Experten, heute ist das nicht mehr der Fall. Deshalb ist es wichtig, wie wir unseren Sport präsentieren, wie wir eine bessere Orientierung verschaffen. Das ist nicht so einfach wie im Fußball, wo man nur den Ball nachschaut. In unserer Sportart ist der Zuschauer auch vor der Aktion aktiv. Die Animation des Athleten, das Einklatschen bringt eine emotionale Bindung. Der Zuschauer muss Bestandteil der Veranstaltung sein, die geringere Kenntnis kann man damit kompensieren, und so findet er die Sportart attraktiv. Für den Fernsehzuschauer passiert das über Bilder. Aber das kann auch nur geschehen, wenn wir nicht nur in thematischen Kanälen sind, sondern auch den öffentlich-rechtlichen. Da haben wir auch in Österreich ein Problem."

Frage: Leichtathletik findet nicht nur in Stadien statt, der Laufboom hält an.

Wirz: "Im Leistungssport können wir nicht sagen, dass wir wachsen können. Aber wir sind nicht nur bei Olympia die Sportart Nummer eins, sondern auch wenn es darum geht, was wir als Serviceleistung der Gesellschaft bieten können. Alles, was im Bereich Fitness und Gesundheit geschieht. Es gibt schon sehr viele Aktivitäten, die aber nicht mit uns liiert sind. Die Wahrnehmung und Bedeutung unserer Sportart ist nicht nur für den Markt wichtig, es sind auch die Werte der Anerkennung wichtig. Und das geschieht einerseits auf der Ebene der Bevölkerung und andererseits auf politischer Ebene, bis hoch zur EU. Ziel ist es, einen Schirm über die ganzen Aktivitäten zu spannen und eine Ebene zu schaffen. Das streben wir mit verschiedenen Projekten an."

Frage: Viele Sportarten sind gefordert, sich zu verändern, um nicht aus dem olympischen Programm zu fallen. Die Leichtathletik braucht sich als Kernsportart keine Sorgen zu machen. Hat man sich darauf ausgeruht und Entwicklungen verschlafen?

Wirz: "Die Leichtathletik ist eine sehr traditionelle Sportart. So lange sich eine Sportart über die eigene Bewegung finanziert, so lange wird das als isolierte Einheit gesehen. Aber das ist heute nicht mehr der Fall, man ist Bestandteil der Gesellschaft. Und die verändert sich. Und wenn sich eine Sportart dann nicht überprüft, dann steht sie still. Es ist aber auch so, dass unsere Sportart sehr leicht ausdrückt, was sie tut. Wenn ich Weitsprung sage, weiß jeder, der springt weit. Das hat vielleicht auch den Trugschluss geweckt, dass unsere Sportart resistent ist gegen Veränderungen. Es ist richtig, dass man schon früher über Veränderungsprozesse nachdenken hätte müssen. Aber wir sind nicht allein, wir sind Teil eines Weltverbandes. Von 200 Stimmen haben wir 50. Aber wir haben bei der Team-EM einige Dinge eingebaut, um andere Wege und die Flexibilität zu zeigen."

Frage: Die EM in Helsinki findet vor Olympia statt, parallel zur Fußball-EM. Wie schwierig ist diese Herausforderung?

Wirz: "Wir glauben, dass wir jetzt eine Lösung haben, auch mit dem Fernsehen, die ideal ist. Wir sind in der letzten Woche des Fußballs, da gibt es freie Tage. Die EM ist zu einem Zeitpunkt, in dem Wettkämpfe bestritten werden müssen, eine Woche später ist Nennschluss für die Spiele. Bei der EM haben wir mehr Athleten als zu den Spielen können, die hätten sonst nichts in dieser Saison. Von den Pre-Entries sind wir leicht höher als vor Barcelona 2010. Viele Topathleten werden dabei sein. Die Zeichen sind gut, die Organisatoren in Helsinki arbeiten intensiv. Finnland hat eine Leichtathletik-Tradition und das Team ist nicht für die Fußball-EM qualifiziert. Und die Stunde Zeitverschiebung hilft uns auch bei der Planung."

Frage: Nach mageren Jahren ist es um die österreichische Leichtathletik wieder besser bestellt. Wie fällt Ihr Blick ins Nachbarland aus?

Wirz: "Jetzt ist eine Entwicklung da, es wäre schön gewesen, wenn sie schon etwas früher gekommen wäre. Aber ihr hattet auch einige Probleme mit der ganzen Dopingsache. Eine Generation kommt, man kann feststellen, dass da wieder etwas wächst. Organisatorisch hattet ihr immer Götzis, das ist weltweit ein gutes und bekanntes Meeting. Sonst ist die Meetingstruktur auch etwas zusammengebrochen, da wurden teilweise Fehler gemacht. Aber es ist auch wichtig, dass man Strukturen, Wettkampf-Angebote und auch Athleten hat. Wenn man keine eigenen Athleten hat, ist es einfach schwieriger. Ich kenne das von Zürich."

Frage: Sie haben das Thema Doping angesprochen. Wie hat man das Problem in Griff?

Wirz: "Es ist viel geschehen in diesem Bereich, der Blutpass etwa. Das erschwert es einem auch individuell, dass man manipulieren kann. Das hilft dort, wo solche Systeme durchsetzbar sind. Aber man kann nicht sagen, dass man das Problem weltweit gelöst hat. Wenn ich in einem Land bin, das nicht einmal genügend Trinkwasser hat, kann ich nicht über Anti-Doping-Systeme sprechen. Aber es ist wichtig, dass man geografisch eine gewisse Abdeckung sicherstellen kann, vor allem wenn die Athleten dann nach Europa oder zu Weltmeisterschaften kommen."

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