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Die Hautfarbe als Vorteil und Problem

Christophe Lemaitre hat einen großen Vorteil: Er ist weiß.

Christophe Lemaitre hat ein großes Problem: Er ist weiß.

Die Hautfarbe des Franzosen ist der Grund, weshalb er überhaupt dermaßen berühmt geworden ist. Sie ist aber auch der Grund, weshalb er sich ständig mit politischer Vereinnahmung konfrontiert sieht.

Keine Frage, der Sprinter zählt über die 100 Meter zu den besten der Welt. Mehr aber auch nicht. Seine persönliche Bestleistung von 9,92 Sekunden, die er Ende Juli lief, ist mehr als passabel. Aber 2011 waren bereits neun Männer schneller.

Doch der 21-Jährige ist eben der schnellste Weiße aller Zeiten. Und das rückt ihn ins Rampenlicht. Oder ist jemandem Ngonidzashe Makusha ein Begriff? Der Mann aus Simabwe bewältige die 100 Meter Anfang Juni in 9,89 Sekunden…

Weltbekannt mit 42 Schritten

Am 9. Juli 2010 wurde Lemaitre mit 42 Schritten weltbekannt. Als er bei den französischen Meisterschaften in Valence die Ziellinie überquerte, zeigte die Anzeigetafel 9,98 Sekunden an.

Dieser Sprint machte den Youngster zum ersten Weißen, der die magische Schallmauer von zehn Sekunden durchbrochen hatte. Die Leichtathletik-Welt war in heller Aufregung. Nur Lemaitre selbst nahm es locker: „Die zehn Sekunden sind nur ein Schritt, kein Ziel an sich.“

Sollte der Junge aus der ostfranzösischen Stadt Annecy gedacht haben, damit sei die Sache erledigt, hatte er sich getäuscht. Denn in den darauffolgenden Wochen entbrannte die Diskussion, weshalb schwarze Menschen zu schnelleren Läufen imstande sind, von neuem.

Eine überflüssige Dimension

Muskelfasern, die schneller kontrahieren, dichtere Knochen, weniger Körperfett, schmalere Hüften, längere Beine, tiefer sitzende Bauchnabel,… Viele Theorien wurden ausgegraben.

Und Lemaitre bekam sie alle zu hören. Ob denn die Hautfarben-Theorien überdacht werden müssten, wurde er gefragt. „Für mich spielt das keine Rolle. Diese Überlegungen überlasse ich den Medien“, blockte er sofort ab.

„Ich habe diese Zeit unter exzellenten Verhältnissen erzielt. Ich muss sie unter normalen Bedingungen bestätigen“, weiß Lemaitre, der aber auch zu bedenken gibt, bei diesem Lauf einen schlechten Start hingelegt zu haben.

Um bei der WM in Daegu ins Finale einzuziehen, wird er diese Leistung wohl zumindest wiederholen müssen. Sein Ziel: „Ich will in den Endlauf kommen und dort unter die Top fünf.“ Sein 70-jähriger Trainer warnt aber: „Bis dahin ist noch eine Menge zu tun. Arbeit, Arbeit, Arbeit.“

Bolt ist ihm egal

An den ganz großen Coup, WM-Gold, wagt sowieso niemand zu denken. Angesichts von Mitbewerbern wie Usain Bolt ist das auch völlig unrealistisch.

Denn Lemaitre ist schnell, aber eben nicht so schnell. Das weiß er. Und viele Gedanken macht er sich über den jamaikanischen Weltrekordler sowieso nicht: „Bolt ist Bolt, ich habe keine Probleme mit ihm. Er macht, was er will. Ich bewundere ihn nicht, ich bewundere niemanden, weder im Sport, noch im sonstigen Leben.“

Und ernsthaft konkurrieren kann er mit ihm sowieso nicht. Denn zwischen den Zeiten der beiden liegen tatsächlich Welten.

Christoph Lemaitre ist zwar ein passabler Sprinter, angesichts der Leistungsstärke der absoluten Weltspitze jedoch auch nicht mehr. Aber er ist eben weiß.

Harald Prantl

Wenngleich dem Sprinter klar war: „Offensichtlich gehe ich damit in die Geschichte ein. Und ich glaube, dass man hier auf ein mächtiges Tabu der Leichtathletik prallt.“

„Aber ich habe diese überflüssige Dimension der Hautfarbe immer abgelehnt“, stellte er sofort klar. Er habe eine Menge Freunde, die schwarz oder arabischer Herkunft seien, doch die Hautfarbe sei bei ihren Gesprächen über athletische Leistungen nie ein Thema, erklärte der Franzose.

Der Zurückhaltende

Trotz seines jungen Alters wirkte der Sportler stets abgeklärt, gab in Interviews nie unbedachte Äußerungen von sich. Obwohl er rückblickend feststellen muss: „Ich war auf den medialen Ansturm nicht vorbereitet.“

Überhaupt legt „White Lightning“, wie er genannt wird, im Umgang mit den Medien ein für einen Sprinter ungewöhnliches Verhalten an den Tag. Er spuckt keine großen Töne, klopft keine Sprüche. Seine Antworten sind vielmehr einsilbig, nur das Notwendigste wird ausgesprochen.

Das mag an seinem Wesen an sich liegen. „Zu Beginn hat er gar nicht gesprochen. Nicht einmal mit mir“, erinnert sich Pierre Carraz, sein Trainer. Der Coach weiter: „Ich habe mich gefragt, ob er ein Autist ist.“

Doch der Sohn eines Ringers war schlichtweg schüchtern. Das stellte er bereits als Kind fest. Damals versuchte sich der Leichtathlet noch als Mannschaftssportler, spielte unter anderem Fußball und Rugby.

„Ich dachte, dass es gut für mich wäre, in einer Gruppe zu sein. Aber das hat nicht funktioniert, weil ich immer schon jemand war, der sehr introvertiert ist und wenig spricht. Wenn ich jemand nicht gekannt habe, habe ich auch nicht versucht, ihn kennenzulernen“, beschreibt Lemaitre diese Zeit.

Entdeckung und Aufstieg

Im Alter von 15 Jahren wurde das Talent des zurückhaltenden Jugendlichen bei einem Sportfest entdeckt. Athletic Sports Aix nahm ihn auf, nach einem Jahr Training lief der Teenager über die 100 Meter 10,96 Sekunden.

In weiterer Folge ging es steil bergauf. 2008 holte Lemaitre in Bydgoszcz bei der Junioren-WM Gold über die 200 Meter, ein Jahr später sicherte er sich bei der Junioren-WM in Novi Sad Gold über die 100 Meter.

Kurz nach seinem 9,98-Sekunden-Sprint strahlte der Stern des Franzosen ganz hell. Bei der EM in Barcelona triumphierte er über 100 und 200 Meter sowie mit der 4x100-Meter-Staffel.

Volle Konzentration

Doch der Ruhm brachte auch Schatten. Rechtsextreme Gruppierungen interessierten sich zunehmend für den Athleten. Sein Vater erhielt sogar einen Brief vom Ku-Klux-Klan, der seinen Sohn zu einem Treffen in Texas einlud. Der Sportler verzichtete auf eine Reaktion.

Vielmehr konzentrierte er sich auf seine Arbeit auf der Laufbahn und studierte nebenbei Elektrotechnik. Ein Sportstipendium an einem US-College wurde dankend abgelehnt.

„Ich schneide mich freiwillig von der Außenwelt ab, um mich voll und ganz meinen sportlichen Zielen zu widmen“, verlautbarte er.

Ein neuer Rekord

Und immer wieder gab er zu Protokoll: „Ich kann mich noch verbessern.“ Das gelang dem 1,89-Meter-Schlaks tatsächlich. Mit seinen 9,92 Sekunden Ende Juli 2011 setzte er ein Ausrufezeichen. Wobei erwähnt werden muss, dass der Rückenwind von 2,0 Meter pro Sekunde gerade noch zulässig war.

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