Eine Wunderheilung mit Relax-Effekt

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„Entspannt und locker.“

So beschreibt Tina Zeltner ihre Herangehensweise an die Judo-WM in Chelyabinsk, bei der sie am Mittwoch gemeinsam mit Sabrina Filzmoser in der Klasse bis 57 kg auf die Matte steigt.

Angesichts ihrer gerade einmal 21 Jahren und der Tatsache, dass es erst ihre zweiten Weltmeisterschaften sind, ist man geneigt dazu, ihre Einschätzung mehr als Wunschdenken abzutun. Denn wer ist bei seiner zweiten WM-Teilnahme schon entspannt?

Doch die Worte der Niederösterreicherin klingen glaubwürdig. Glaubwürdig, da sie auf den Geschehnissen dieser Saison basieren.

Rückblende

2014 war für Zeltner das bislang schwierigste Jahr ihrer Karriere. Aufgrund Probleme in ihrer Betreuungssituationen wirkte sie im Jänner emotional ausgebrannt. Prompt riss sie sich in einer Bodenkampf-Situation zu Beginn des Trainingslagers Mittersill das Kreuzband im Knie. Nicht wenige orteten einen psychosomatischen Zusammenhang.

Den Gang auf den OP-Tisch und die damit einhergehende Zwangspause von sechs Monaten wollte Zeltner tunlichst vermeiden. Über einen Verbands-Vize-Präsidenten wurde sie zu Mohamed Khalifa vermittelt. Es heißt, dass der Alternativ-Mediziner einen Kreuzbandriss ohne Eingriff wieder kurieren kann.

Den Besuch in Khalifas Praxis wird Zeltner nie vergessen. „Ich bin auf Krücken und mit Schiene zu ihm rein und konnte ohne wieder rausgehen“, spricht die Wimpassingerin von einem kleinen Wunder. Die Behandlung selbst war aber alles andere als angenehm. „Es war die Hölle. Das waren unglaubliche Schmerzen, aber es hat geholfen.“

Zeltner konnte unmittelbar danach wieder springen und sogar einbeinige Kniebeugen machen.

Gewissheit erst am zweiten Drücker

So dauerte es nicht lange, bis Zeltner wieder ins Mattentraining zurückkehrte. Eine MRT-Untersuchung sollte über den Zustand des Knies Gewissheit bringen. Sie ließ die Aufnahmen zwar machen, wollte von den Ergebnissen aber nichts wissen. Aus Angst, dass das gute Gefühl im Knie vielleicht doch täuschen könnte.

Ohne die Bilder gesehen zu haben, kämpfte sich Zeltner zurück. Im Juni wurde sie bei den Pan American Open in San Salvador Fünfte. Drei Wochen später toppte sie dieses Ergebnis noch einmal und stieg beim Grand Prix in Ulaanbaatar als Dritte erstmals wieder auf ein Podest der World Tour.

In der Vorbereitung auf die WM meldete sich das Knie jedoch zurück. Eine Flüssigkeitsansammlung bereitete ihr im Rahmen des Trainingslagers in Berlin Schmerzen.

Dies warf Fragen auf: Ist die alte Verletzung wieder akut geworden oder war es vielleicht nicht richtig ausgeheilt gewesen?

Nun wollte auch Zeltner wissen, was Sache ist. Mit einer weiteren MRT-Untersuchung machte sie sich selbst ein Bild. Das Ergebnis? „Alles hat gepasst. Das Kreuzband war wieder da und auch die einhergegangene Meniskus-Verletzung sowie die Kapselsprengung waren weg“, strahlt Zeltner. Die Schulmediziner, mit denen sie ebenfalls in Kontakt stand, hatten dafür keine Erklärung. „Für Khalifa war es indes ganz normal. Er hatte das schließlich genauso erwartet.“

Gerangel um ein Rio-Ticket

Nun in Chelyabinsk auf die Matte steigen zu können, ist für Zeltner bereits ein Erfolg. Somit klingt es plausibel, dass sich die Anspannung in überschaubaren Dimensionen bewegt.

Wer die ehemalige Zweite der Junioren-EM aber kennt, der weiß, dass spätestens beim Binden des Gürtels ohnehin der Ehrgeiz zurückkehrt.

Seit Ende Mai läuft der zwei Jahre dauernde Quali-Zyklus für die Olympischen Spiele in Rio. Um sich auf direkten Wege ein Ticket für eine Reise an den Zuckerhut zu sichern gilt es nicht nur, sich unter die besten 14 der bereinigten Weltrangliste (einer pro Nation zählt), sondern auch vor Filzmoser zu liegen.

Während Zeltner nach ihrer Verletzung noch an der 27. Stelle liegt, fliegt befindet sich Filzmoser derzeit in einem absoluten Hoch. Nach fünf Podestplätzen in Folge wird die Welserin aktuell als Fünfte ausgewiesen. Ein Duell also, das im Moment wohl noch ähnlich entspannt ist wie Zeltner in Russland.

 

Aus Chelyabinsk berichtet Reinhold Pühringer

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