Wien als Europas Judo-Nabel?

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Zieht es Europäischen Judo-Verband nach Wien?

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Während in Österreich derzeit fieberhaft nach einem neuen Herren-Nationaltrainer gesucht wird, stattete mit Sergey Soloveychik der Präsident der Europäischen Judo-Union (EJU) Wien einen Besuch ab.

Hintergrund seiner Stippvisite war weniger Hilfeleistung bei der Findung eines neuen Coaches, sondern vielmehr ein Meeting, bei welchem über eine Verlegung des EJU-Büros von Malta nach Wien diskutiert wurde.

„Am 8., 9. Dezember soll diesbezüglich eine endgültige Entscheidung fallen“, bestätigt der Russe im Gespräch mit LAOLA1. Im Interview nimmt Soloveychik darüber hinaus zum Judo-Sport in Österreich und neuen Turnier-Formaten Stellung:

LAOLA1: Herr Soloveychik, es ist zu hören, dass die EJU nach Wien übersiedeln könnte. Wie stehen die Chancen?

Sergey Soloveychik: Wir haben bereits mit verschiedenen Ministern gesprochen, weshalb ich den Eindruck bekommen habe, dass wir hier einen sehr guten Draht zur politischen Führung hätten. Die Unterstützung eines starken Landes wäre eine große Chance für die EJU. Logistisch gesehen wäre Wien mitten in Europa und somit eine super Location. Das würde die Kommunikation mit allen Ländern erleichtern. Der österreichische Verband würde dann das EJU-Sekretariat tragen.

LAOLA1: Der ÖJV befindet sich auf der Suche nach einem Herren-Teamchef. Haben Sie einen Tipp für uns?

Soloveychik: Ich habe bereits mit Präsident Hans-Paul Kutschera, mit dem ich sehr gut befreundet bin, darüber gesprochen und ich werde ihn bei der Suche zu hundert Prozent unterstützen. Aber am Ende kann es nur seine Entscheidung sein. Aber auch wir haben großes Interesse daran, dass Österreich bei den nächsten Olympischen Spielen einen Medaillen-Gewinner hat.

LAOLA1: Was ist im Allgemeinen ihr Eindruck vom österreichischen Judo?

Soloveychik: Judo hat in Österreich ein gutes Ansehen. Ähnlich wie in Russland. Die Größe der beiden Länder ist zwar sehr unterschiedlich, die Situation aber durchaus vergleichbar. Vor Peking hatte man auch in Russland große Erwartungen, konnte aber die Ideen und Stärken nicht umsetzen. Um dies zu realisieren, bedarf es eines sehr guten Trainers. Dieser Coach muss mindestens über vier Jahre mit der Vorbereitung befasst sein.

LAOLA1: Der Weltcup-Kalender wurde zuletzt stark ausgebaut. Um sich für Olympische Spiele zu qualifizieren, sind viele kostspielige Reisen beinahe ein Muss. Dadurch besteht die Gefahr, dass kleinere Länder wie Österreich den Anschluss zur Spitze zu verlieren.

Soloveychik: Vorneweg finde ich es sehr wichtig, viele dieser Events in Europa zu haben. Das spiegelt sich im starken Abschneiden bei Olympia wider. Mit 29 Medaillen haben wir in London mehr Medaillen geholt, als irgendeine andere kontinentale Union. Das heißt, die besten Judoka kommen aus Europa. Somit ist es sehr wichtig, die besten Turniere in Europa zu haben, damit wir nicht weit reisen müssen. Wir sind die starken Organisatoren. Dadurch bekommen wir Geld.

Lasha Shavadatuashvili kündigte seine Teilnahme bereits an

LAOLA1: Welche Ziele verfolgt die EJU?

Soloveychik: Es gibt verschiedene Gebiete, auf denen wir Ziele haben. Auf sportlicher Ebene wollen wir bei den nächsten Olympischen Spielen erneut der stärkste Kontinent werden. Mit Blick auf die Erziehung müssen wir unsere Föderationen unterstützen, damit wir so viele Anfänger wie nur möglich bekommen. Das gilt für alle Teilbereiche, sei es im Behindertensport, bei den Veteranen oder in der Kata. Wir müssen ihnen helfen, Programme zu erstellen, um mehr Leute anzusprechen. Aktuell haben wir in der EJU einen quantitativen Hochstand erreicht. Zudem wollen wir neue Wettkampf-Formate ausprobieren.

LAOLA1: Was schwebt Ihnen vor?

Soloveychik: Im Dezember veranstalten wir in Tyumen ein Challenge-Turnier. Diesen Test-Event müssen wir noch mit der IJF abstimmen, ob es auch in deren Strategie passt. Aber die Grundidee ist, dass es ja etliche Weltklasse-Judoka gibt, die von den Spielen ohne olympische Medaille nach Hause gekommen sind. Bei diesem Event werden erfolgreiche Judoka der Gewichtsklasse des leer ausgegangenen Kämpfers für eine Art Olympia-Revanche in dessen Heimatstadt eingeladen. Das Turnier soll ein bis zwei Stunden dauern, auf einer Matte und mit sechs bis acht Sportlern ausgetragen werden. Wir möchten das jetzt in Russland mit Musa Mogushkov ausprobieren, der in London gleich in der ersten Runde gegen Tarlan Karimov (AZE; Anm.) ausschied. Ich weiß, dass unter anderem Olympiasieger Lasha Shavdatuashvili (GEO), dessen Finalgegner Miklos Ungvari (HUN) sowie der Aseri bereits zugesagt haben. Das könnte ein sehr attraktives Event werden. Auch für Sponsoren. Wir müssen allerdings erst sehen, ob das funktioniert.

Das Interview führte Reinhold Pühringer

LAOLA1: Das hat allerdings zur Folge, dass die europäischen Weltcups sehr stark besetzt sind. Um vergleichsweise leichte Punkte zu bekommen, müssen Judoka beispielsweise nach Samoa oder El Salvador reisen, was es letztendlich derartig teuer macht.

Soloveychik: Das ist wahr. Aber unser Hintergedanke ist nicht, Punkte zu sammeln, sondern Olympische Spiele zu gewinnen. Und wenn man Gold holen will, fliegt man nicht nach Samoa, um dort Punkte zu sammeln. Über die Turniere hinaus, haben wir olympische Trainingcamps installiert. Weltweit ist nun schon bekannt: Wenn man gute Randoris (Sparring; Anm.) haben will, muss man nach Europa gehen. Sogar die Japaner wissen das und kommen deshalb zu uns. Wir müssen diesen Vorteil nutzen.

LAOLA1: In den letzten Jahren wurde das Judo von oben herab sehr stark verändert. Wie denken Sie über diesen sehr raschen Wandel? Hat der Judo-Sport dadurch bereits ein klein wenig von seiner Identität eingebüßt?

Soloveychik: (überlegt kurz): Ich hoffe nicht. Es ist wahr, dass viele Dinge zu schnell verändert wurden. Unseren Athleten und Coaches bleibt kaum Zeit, die Veränderungen im Training zu verinnerlichen. Wir sind allerdings auf einen olympischen Zyklus limitiert. Wir haben leider keine Zeit für Experimente. Gott sei Dank haben wir sehr fähige Trainer. Darum hat der Weltverband kürzlich auch die besten Trainer der Welt nach Budapest eingeladen, um über die künftige Entwicklung des Judos zu diskutieren. Ich hoffe, dass sie die richtigen Entscheidungen fällen. Ich denke, dass es notwendig ist, den Sport weiter zu verändern, weil das meiner Meinung nach sehr wichtig ist, damit Judo eine Top-Sportart bleibt.

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