Die Tradition der Schmerzen

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Ein Schlag gegen veraltete Werte

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Zahlreich und erfolgreich sind Japans Judoka bei den European Open in Oberwart vertreten. Wie praktisch jedes Jahr.

Doch hat man mit den Töchtern Nippons näher zu tun, merkt man, dass heuer etwas anders ist. „Sie gehen plötzlich auf einen zu, sind viel offener, haben keine Scheu“, schildert etwa Sabrina Filzmoser.

Die Wandlung der Grundstimmung unter den Amazonen aus Fernost macht die Welserin vor allem an einem Umstand fest: Dem Ende der "Schreckensherrschaft" von Damen-Coach Ryuji Sonoda.

Dem Weltmeister von 1993 wurde ein Brief seines Olympia-Teams zum Verhängnis, in dem seine Athletinnen dem Olympischen Komitee Japans offenbarten, von ihrem Trainer durch Schläge ins Gesicht, Hieben mit einem Bambus-Stock und andere Erniedrigungen misshandelt worden zu sein.

Ein Skandal, dessen Auswirkungen über den sportlichen Rahmen hinausgehen und der im Land der aufgehenden Sonne sogar eine gesellschaftlichtspolitische Dimension erreicht.

Wenn frischer Wind ausbleibt

Rückblick: 2012, Tatort London. Japans Judo-Herren bleiben erstmals in der Geschichte ohne Olympische Gold-Medaille. Die Ehre des Mutterlands des „sanften Wegs“, wie die Sportart übersetzt heißt, rettet Kaori Matsumoto. Die 57-kg-Kämpferin sorgt für das einzige Judo-Gold einer Nation, die im Vorfeld spekulierte, sieben der 14 Gewichtsklassen zu gewinnen. Kurzum: Katerstimmung in Fernost.

Herren-Trainer Shinichi Shinohara muss daraufhin seinen Hut nehmen. Ein Schnitt, der notwendig ist. Ein Schnitt, der bei den Damen aber ausbleibt. Sonoda darf seine Arbeit fortsetzen. Ganz zum Unmut seiner Athletinnen.

„Sie hatten sich offenbar erhofft, dass wie bei den Herren mit einem jüngeren Trainer ein frischer Wind Einzug hält“, erklärt Filzmoser. Dass dann die Brutalitäten und Erniedrigungen ein Ende haben. „Doch dem war nicht so und deshalb wohl der Brief.“

Andere Länder, andere Sitten

Matsumoto holt Gold in London

Schläge ins Gesicht, Prügel mit einem Bambus-Stock, zudem wurden einige Sportlerinnen gezwungen, trotz Verletzungen zu kämpfen. Was für österreichische Ohren grausam und schwer vorstellbar klingen mag, sorgt in der Judo-Szene selbst für wenig Verwunderung. Körperliche Bestrafungen durch den Coach gehören in der Kampfsport-Hochburg Japan praktisch zum Alltag.

Österreichs Judoka kennen den rauen Umgangston aus diversen Trainingscamps. „Ein Tritt mit dem Knie in den Rücken eines Kämpfers ist nichts Ungewöhnliches. Ich war sogar einmal dabei, als ein Trainer einen Schwergewichtler die Stiege hinunter geworfen hat. Der Arme ist dann unten wie ein Schlosshund gelegen“, erzählt die 32-jährige Filzmoser, die während 28 Japan-Aufenthalten einen tiefen Einblick in die Mentalität auf Japans Matten erhalten hat.

Die Meldung über die Vorfälle wundern die Welserin daher wenig. „Stattdessen hat es mich überrascht, dass das überhaupt an die Öffentlichkeit gekommen ist und solche Wellen schlägt.“

Fälle häufen sich

Absicht der althergebrachten Schule ist es, den Sportler durch Schmerz und psychischen Druck für die Herausforderungen im Kampf zu wappnen. So zumindest der Hintergedanke.

Dieses kulturelle Erbe begann in den letzten Jahren aber gehörig zu bröckeln. 2007 zerrte der Tod eines 17-jährigen Sumo-Ringers, der auf Anordnung seines Trainers von seinen Teamkollegen unter anderem mit einem Baseball-Schläger aufgemischt wurde, die inhumanen Praktiken an das Licht der internationalen Öffentlichkeit.

Hinzu kam der Fall eines High-School-Schülers in Osaka, der seinem Leben nach wiederholten Prügel von seinem Basketball-Coach selbst ein Ende setzte.

Sanfter Weg, sanfte Änderungen

Trainer Ryuji Sonoda: "Die Vorwürfe sind mehr oder weniger wahr."

Vor diesem Hintergrund trifft der Brief des Judo-Damenteams einen aktuell sehr sensiblen Nerv Japans.

Zu einer totalen Abkehr von diesem über viele Jahre bewährten Prinzip sei man aber trotz der jüngsten Vorfälle nicht bereit. Zumindest was das Judo-Lager betrifft. „Sonoda ist lediglich zu weit gegangen. Er hat es übertrieben“, meint Filzmoser, die als Beispiel Kazuhiko Tokuno anführt.

„Er musste zwar sein Amt als Co-Trainer im Nationalteam, wo er den Stil Sonodas mitgetragen hat, abgeben, aber bei Komatsu Limited, dem stärksten Firmen-Team, wollen sie ihn keineswegs absetzen, weil er gute Arbeit verrichtet.“ Und das, obwohl bei Komatsu auch Olympia-Starterinnen im Aufgebot stehen, für die eine Zusammenarbeit im Nationalteam mit Sonoda aufgrund des zerstörten Vertrauensverhältnisses nicht mehr denkbar ist.

Die Frau im Keller

Im Zuge der Affäre entschuldigen sich mehrere Minister öffentlich bei den Opfern Sonodas. „Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Stellung der Frau bei weitem nicht so emanzipiert ist wie etwa bei uns in Mitteleuropa“, erklärt Filzmoser.

Eine unterschiedliche Wertung der Geschlechter macht auch vor dem Sport nicht halt. Als augenscheinliches Beispiel kann hierfür die Ausrichtung der Judo-Trainingshallen (Dojos) angeführt werden. Während das Herren-Dojo auf Budo-Universitäten einen zumeist sehr exklusiven Platz genießt, kann es schon einmal vorkommen, dass die Mattenfläche der Damen im Kellergeschoss vorzufinden ist.

Aber auch hier geht der Trend in eine dem Westen angepasste Richtung. „Der Klub von Matsumoto beschloss anlässlich ihrer Olympia-Goldenen ein prachtvolles Damen-Dojo zu errichten. Eine große Geste!“, berichtet Filzmoser von einem Mosaik-Steinchen.

Olympischer Einfluss

Bereits 28 Japan-Aufenthalte: Filzmoser

Wenn auch nicht so groß wie ein Dojo, aber dafür umso symbolträchtiger ist die besagte Entschuldigung der Regierungsmitglieder.

Dass diese überhaupt zustande gekommen ist, ist wohl auch auf die Olympia-Bewerbung Tokios für die Sommerspiele 2020 zurückzuführen.

Schlagzeilen über einen gewalttätigen Trainer verringern die Chancen schließlich gewaltig. Das sorgt für Anpassungsdruck gegenüber dem Westen und beschleunigt wiederum gesellschaftspolitische Prozesse.

Frischer Wind?

Niederschlag findet der Skandal in den japanischen Medien, die zuletzt mit Artikel über Sonoda nur so strotzten. Und mittendrin das Judo-Nationalteam, das jetzt mit einem neuen Interims-Trainer im Trainingslager in Oberwart weilt.

Mit Masaru Tanabe ist es freilich ein Mann. Wie könnte es auch anders sein. Denn eine Frau hatte diesen Posten in der Geschichte des Landes noch nie inne.

Ein Umstand, der sich auch in einem im Wandel befindlichen Japan wohl nicht so schnell ändern wird.

 

Aus Oberwart berichtet Reinhold Pühringer

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