Peter Scharinger alleine gegen 100

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Das ist Weltrekord. Noch nie zuvor nahmen 949 Starter an einer Judo-Weltmeisterschaft teil.

Genauer gesagt sind es 568 Männer und 381 Frauen, die von 23. bis 28. August in Paris-Bercy um Titel und 500 Punkte für die Olympia-Quali raufen.

 „Ich habe viele Weltmeisterschaften gekämpft, aber das habe ich noch nie erlebt“, staunt ÖJV-Teamchef Udo Quellmalz, der selbst 1995 WM-Gold holte.

Nicht jeder rechnet gerne

Aus österreichischer Sicht den Vogel abgeschossen hat Peter Scharinger. Der Mühlviertler sieht sich in der Gewichtsklasse bis 73 kg unfassbaren 100 Mitstreitern gegenüber.

„Hier werden sechs bis sieben Siege notwendig sein, um ganz vorne zu sein. Der Gewinner ist wahrlich ein würdiger Weltmeister“, rechnet Quellmalz vor.

Als Scharinger mit dieser Mathematik-Aufgabe auf einer Pressekonferenz konfrontiert wird, wandern beim 25-Jährigen die Mundwinkel nach oben. „Na wenn ihr das sagt, wird das schon stimmen“, grinst der EM-Fünfte, der sich offensichtlich nicht mit grauer Theorie beschäftigt. Er scheint mehr der Mann der Tat zu sein.

Strategisch aufgeholt

Die physischen Voraussetzungen, um im mit 17.000 Fans gefüllten Palais Omnisport (Sabrina Filzmoser: „Die Stimmung dort ist einzigartig auf der Welt“) zu glänzen, bringe er ohnedies mit.

„Vergangenes Jahr konnte ich bereits mithalten, allerdings habe ich meine Kämpfe oft knapp verloren, weil ich taktische Fehler gemacht habe“, schildert Scharinger. Aber genau in diesem Bereich hat der Heeressportler in den vergangenen Monaten einen großen Sprung gemacht.

„Peter hat sich taktisch stark verbessert, er bleibt nun fünf Minuten lang auf der ausgemachten Linie“, nickt Quellmalz. Der Erfolg – Scharinger liegt in der Weltrangliste nur knapp hinter den Olympia-Plätzen – gibt dem Duo Recht.

„Das unterscheidet einen durchschnittlichen Athleten von einem guten“, hofft Scharinger, diesen Trend auch in Paris bestätigen zu können.

Die zwei Seiten der Medaille

Die großen Teilnehmerzahlen bei der WM beschäftigen ihn nicht. Mehr Gedanken darüber macht sich da schon Teamkollegin Sabrina Filzmoser. Aber nicht, weil der Weltranglisten-Dritten ihre 65 Gegnerinnen Kopfzerbrechen bereiten, sondern ihr imponiert vielmehr die Entwicklung des Judo-Sports.

Unser WM-Team: Paischer, Drexler, Quellmalz, Filzmoser, Scharinger (v.l.)

„Die riesigen Starterfelder sorgen für eine irrsinnige Aufwertung. Mit so etwas können nur wenige andere Sportarten konkurrieren“, philosophiert die 31-Jährige vor ihren achten globalen Titelkämpfen.

Die Ursachen für das enorme Anwachsen der Teilnehmerzahlen liegen an den Neuerungen des Weltverbands IJF. Zum einen sind seit 2010 zwei Kämpfer pro Nation pro Gewichtsklasse zugelassen und zum anderen wurde durch eine Expansion des Weltcup-Kalenders für eine Internationalisierungswelle gesorgt.

Dennoch stößt das Werken von IJF-Präsident Marius Vizer und Co. bei vielen Funktionären auf wenig Gegenliebe. Ein Anstieg der Kosten für Verbände und Sportler geht mit praktisch jeder Novelle einher. Geldmacherei wird den Granden vorgeworfen.

Nichts dreinreden lassen

Filzmoser kennt diese Kritik an der IJF nur allzu gut. Doch die Welserin will es vermeiden, nur in schwarz-weiß zu differenzieren.

„Viel Kritik heißt nicht unbedingt, dass es schlecht ist“, meint die zweifache Europameisterin mit Verweis auf die riesigen WM-Felder.

„Dass sie auf der einen Seite zwar undemokratisch agieren, macht sie auf der anderen Seite sehr schlagkräftig. Anders wären viele Entscheidungen wohl nicht umsetzbar gewesen.“

Lawine an neuen Ideen

In jüngster Vergangenheit hat die IJF so einiges umgeworfen. So wurde etwa die kleinste Wertung – das Koka – von den Anzeigetafeln dieser Welt verbannt. Das Verbot, die Hose des Gegners bei eigenem Angriff direkt zu fassen, veränderte das Judo sogar grundlegend.

In der gleichen Tonart wird es auch in Zukunft weitergehen. Während der erstaufgerufene Kämpfer bislang blau trug, wird dies nun umgedreht.

Ab der WM gilt auch in Sachen Bekleidungsgröße ein neues Reglement. Der Kimono wird um ein gutes Stück länger, was bei vielen Athleten auf optischen Brechreiz stößt. Ein besseres Greifen soll dadurch garantiert werden.

Gerüchten zufolge soll mit dem Waza-ari bald die nächste Wertung „gekillt“ werden. Darüber wird aber bislang nur gemunkelt. Filzmoser lassen die Änderungen kalt. Zu viel hat sie schon mitgemacht, um sich über so etwas noch aufzuregen. „Ich kann mich sowieso nicht dagegen wehren, darum kämpfe ich gar nicht dagegen an“, legt sie eine Friedlichkeit an den Tag, die von ihr in Paris wohl nicht zu sehen sein wird.

Reinhold Pühringer

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