"Bin Antreiber, kein Künstler"

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Der neue Besen im heimischen Judo-Arsenal

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In der mit Matten ausgelegten Tennis-Halle des Hotel Koglers im salzburgischen Mittersill trifft sich für zwei Wochen die internationale Judo-Elite zum gemeinsamen Schwitzen für die anstehende Saison.

Egal ob Leichtgewichts-Olympiasieger Arsen Galstyan (RUS), Superstar Ilias Iliadis (GRE) oder die von Headcoach Peter Seisenbacher angeführte Abordnung Aserbaidschans – sie alle sind gekommen.

Mittendrin im Gewurrl aus weißen und blauen Kimonos, das sich täglich über acht Stunden erstreckt, ist auch Marko Spittka. „Hier brennt die Luft“, meint er angesichts der knapp 700 Athleten.

Der Deutsche, der bislang im österreichischen Nachwuchs tätig war, hat seit Sonntag eine neue, verantwortungsvollere Funktion. Denn seit einem einstimmigen Beschluss des ÖJV-Vorstands ist der 41-Jährige Judo-Teamchef Österreichs.

Nach seiner ersten Ansprache als neuer Cheftrainer vor versammeltem Kader nahm LAOLA1 telefonisch Kontakt mit dem Olympia-Dritten von Atlanta auf. Im Interview bezieht Spittka Stellung zum Zustandekommen seines Engagements, Problemzonen in den heimischen Reihen sowie großartigen Gelegenheiten.

LAOLA1: Herr Spittka, welche Eindrücke nehmen Sie vom Gespräch mit den Athleten vorhin mit?

Marko Spittka: Das kann ich nicht sagen, weil ja eigentlich nur ich gelabert habe. (schmunzelt)

LAOLA1: Was war Ihnen wichtig, den Kämpfern mitzugeben?

Spittka: Ein paar allgemeine Sachen wie die Struktur, die Ziele und natürlich Reserven, die mir insbesondere bei den Jüngeren aufgefallen sind. Und ein paar Dinge, die wir bei den Erwachsenen ändern wollen. Ich hab das eher allgemein gehalten, aber etwas Emotion reingepackt.

LAOLA1: Was möchten Sie ändern?

Spittka: Es ist wichtig, dass wir eine gefestigte Struktur haben. Die ist bis auf eine Trainer-Position (Assistenz-Coach U21-Herren; Anm.) so gut wie bestätigt. In der Elite werden wir in Zukunft breiter aufgestellt sein, da welche nachrücken. Große Reserven gibt es im Männer-Bereich, wo wir mit viel Emotion und guten Ideen rangehen müssen, um sie nach vorne zu bringen. Dass das nicht von heute auf morgen passiert, muss klar sein – ich bin ja kein Künstler. Aber da müssen wir mit einem Plan rangehen und uns realistische Zwischenziele stecken. Wir müssen auch an die Männer appellieren, dass sie die Inhalte emotional richtig durchsetzen und versuchen, jederzeit wirklich ihr Bestes zu geben. Als Antreiber bin ich ohnehin bekannt. Wenn ich es noch schaffe, dass einige andere Trainer auf dieser Schiene mitziehen, sollte uns da was gelingen. In dieser Hinsicht haben wir in der Vergangenheit schon einige gute Erfahrungen gemacht. Schließlich bin ich ja nicht erst seit gestern in Österreich. Dass das nicht gleich mit allen Athleten funktioniert, sollte jedem klar sein.

Bernadette Graf führte Spittka zu Junioren-WM- und -EM-Gold

LAOLA1: Ursprünglich wollten Sie nur Damen-Trainer werden. Wie kam es zustande, dass Sie nun auch die Männer übernehmen?

Spittka: Es wurde ursprünglich ein anderes System angestrebt, bei dem man eine Frauen- und eine Männerschiene fährt. Dementsprechend wurde auch der Verband mitsamt den dafür verantwortlichen Vize-Präsidenten ausgerichtet, weshalb letztendlich auch der Posten des Herren-Trainers ausgeschrieben wurde. Es wurde geliebäugelt – so denke ich – mir den weiblichen Teil anzuvertrauen. Ich hatte mich damit auch innerlich schon auseinandergesetzt und hatte diesbezüglich auch meine ganzen Vorbereitungen – Trainingspläne, Ziele und so weiter - hierfür getroffen. Nachdem Ezio Gamba (Vorsitzender der europäischen Trainer-Kommission und russischer Cheftrainer; Anm.) einen Vortrag in Wien gehalten hat, wurde auf eine andere Struktur umgeschwenkt. Nach einigen Stunden des Austausches von Informationen und Ideen ist man auf ein System gekommen und hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Nach Abklärung der Einzelheiten haben wir uns geeinigt. Jetzt sind wir dabei, die nächsten Schritte zu machen. Aktuell muss viel aufgearbeitet werden. Das Konzept muss kreiert werden. Alle warten auf die erste Handlung, die ich setze. Es geht darum, dass wieder Ruhe in den Laden kommt.  Wir lassen es aber realistisch angehen und plautzen jetzt nicht rum, dass wir morgen alle Weltmeister werden.

LAOLA1: Das Gamba’sche System sieht auch vor, dass man eine Elite-Truppe zumindest ein Stück weit zentralisiert und mit ihr von Stützpunkt zu Stützpunkt bzw. international viel reist. Zudem ist von einer Kooperation mit dem russischen Team die Rede. Inwieweit spiegelt sich das alles in Ihren Vorstellungen wider?

Spittka: Ich habe von Anfang gesagt, dass die Ausgangssituation zwischen Russland und Österreich komplett unterschiedlich ist. Zum einen haben wir weiß Gott nicht das enorme Kader-Potenzial dieses Riesenlandes. Zum zweiten haben wir nicht diese Riesen-Zentren. Und zum Dritten haben wir nicht die finanziellen Mittel zur Verfügung. Es ist so, dass wir die Zusammenarbeit mit Russland als absolute Chance sehen. Zumal ich persönlich sehr gut mit Ezio kann und sich auch die beiden Verbands-Präsidenten sehr gut verstehen. Von dem her wird uns eine Chance zuteil, die wir nutzen sollten. Aber das heißt jetzt nicht, dass wir alle Russisch lernen müssen. Wir müssen diese Gelegenheit gezielt nützen. Ich werde dazu erste Gespräche mit den Russen in Mittersill führen und Termine abstimmen. Natürlich werden wir zu Trainingslagern hinfahren. Wenn wir das nicht wahrnehmen würden, wären wir ja dumm. Es geht darum, dort einfach einmal reinzuriechen, die guten Partner – insbesondere bei den Männern – zu nutzen. Ich denke, dass wir zu Beginn dort mörderisch Prügel beziehen werden, aber das gehört nun mal dazu. Wir können uns nicht erwarten, dass wir gleich dasselbe Niveau haben. Das wird ein paar Jahre dauern. Vielleicht stoßen wir so auch auf die eine oder andere Idee, die uns auf unserem Weg weiterbringt.

LAOLA1: Welche Zwischenziele gibt es konkret für heuer?

Spittka: Soweit bin ich bisher nicht gegangen, weil ich mir erst einmal ein Bild vom Ist-Stand machen muss. Ich kenne zwar die Kader, aber ich muss sie zuerst einmal ein paar Mal sehen, mit ihnen arbeiten, um ein genaues Bild zu haben. Das gilt vor allem für den männlichen Bereich und die erfahreneren Athleten. Das geht nicht von heute auf morgen. Man kann nicht sagen: So, jetzt bin ich da und jetzt werden wir alle gleich unheimlich erfolgreich in kurzer Zeit. Das wäre der größte Blödsinn, den es gibt. Es muss sich erst einmal alles setzen, zur Ruhe kommen. Die ganzen Rahmentrainingspläne müssen geschrieben werden, erst dann können wir loslegen. Daher kann ich auch aus der Pistole nicht irgendwelche Resultate rausschießen. Das wäre der verkehrte Ansatz.

LAOLA1: Wie sieht es mit dem ständigen Herumziehen der Elite-Truppe aus?

Spittka: In dieser Form wird das nicht funktionieren, weil unser Team bis auf elf Athleten, die im Heeressportzentrum sind, aus Amateuren besteht, weshalb wir die österreichische Variante finden müssen. Einer meiner Leitsätze lautet deshalb, dass die beste Kopie noch immer schlechter als das Original ist – und Österreicher sind nun mal Originale. Wenn so etwas ausgerechnet von einem Deutschen kommt, ist das natürlich immer ein wenig schwierig, aber zumindest versuchen wir hier, wirkliche Originale nach vorne zu bringen.

LAOLA1: Neu an Ihrer Positionierung als Teamchef ist, dass Ihre Kompetenzen bis runter zur U18 reichen. Inwieweit haben Sie das dafür notwendige Konzept bereits im Kopf?

Spittka: Im Kopf habe ich es schon, es muss nur noch niedergeschrieben werden, was während des Trainingslagers, wo ich täglich acht Stunden auf der Matte stehe, noch etwas schwer möglich ist, aber damit setze ich mich schon länger auseinander. Die Sache ist die, dass wir eine Kapazität in der U18 haben, die wir auf keinen Fall verlieren wollen. Wir werden verstärkt altersklassenübergreifend arbeiten, um so eine Symbiose zu erzeugen. Es ist so, dass sich die Trainer in den unteren Altersklassen sehr gut verstehen, weshalb das reibungslos von statten gehen wird. Das erfordert ein bisschen Organisation und eine klare, harte Linie.

Das Interview führte Reinhold Pühringer

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