Die Lehren der Judo-WM

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Dass Daniel Allerstorfer am letzten Tag der Einzelkonkurrenzen der Judo-WM in Chelyabinsk nicht mehr die Kohlen aus dem Feuer holen würde, war Fachleuten allerspätestens nach Bekanntwerden seiner Auslosung klar.

Daiki Kamikawa hielt den Bemühungen des Österreichers mit einer derartigen Unbekümmertheit stand, dass der gefühlvolle Fußfeger und der abschließende Festhalte-Griff des Japaners beinahe wie das logische Ende wirkten.

Während der 21-Jährige mit „Ich hätte etwas frecher kämpfen sollen“ resümierte, stufte Bundestrainer Marko Spittka den Ex-Weltmeister der Gewichtsklassen-losen Allkategorie als „eine andere Liga“ ein.

Der Coach wirkte zwar bemüht, nach der WM-Woche in Russland die positiven Aspekte des Turniers hervorzustreichen, Zufriedenheit sieht jedoch anders aus. Und das wollte der 43-Jährige auch gar nicht leugnen: „Nein, eigentlich bin ich nicht zufrieden.“

Darüber konnten seine Athleten und ihn sowohl die zwei siebenten Plätze durch Sabrina Filzmoser (bis 57 kg) und Kathrin Unterwurzacher (bis 63), die resultatsmäßig eine marginale Verbesserung zum Vorjahr (ein siebenter Platz) darstellen, als auch die insgesamt über 1.000 errungenen Punkte für die Olympia-Qualifikation nicht hinwegtrösten.

ÖJV-Präsident Hans Paul Kutschera erklärte klar, dass ihm das gebotene zu wenig war und sprach sogar von Konsequenzen: „Wir werden mit Sicherheit an der Trainer-Situation und an der Trainingsgestaltung etwas ändern.“

LAOLA1 zieht die Lehren aus der Judo-WM:

Die Schnittpartien verloren

Auffallend war, dass mit Filzmoser (Trostrunde gegen Verhagen/NED), Unterwurzacher (Trostrunde gegen Gwend/ITA), Hilde Drexler (Achtelfinale gegen Trajdos/GER) und Bernadette Graf (Achtelfinale gegen Matic/CRO) gleich vier ÖJV-Athletinnen Gegnerinnen unterlagen, die sie zuletzt noch besiegten.

Eine Tatsache, die auch Spittka ärgerte: „Die ‚Soll-Kämpfe‘ haben wir gewonnen. Kämpfe, in denen es aber um die Endkonsequenz ging und die entscheiden, ob du ganz weit nach vorne kommst, haben wir jedoch verloren.“

Gegen eine starke Konkurrentin einmal nicht zu gewinnen, ist an und für sich nichts Ungewöhnliches, doch dass dies gleich bei vier Sportlerinnen passiert, lässt zumindest bei Außenstehenden das Bild entstehen, dass andere Nationen bei dieser WM besser vorbereitet waren. Spittka betonte jedoch mehrfach die „ausgezeichnete Arbeit“ vor der WM.

 

Kein Ende der männlichen Problemzone

Trotz der letztlich unzufriedenstellenden Platzierungen setzten die Damen die rot-weiß-roten WM-Duftnoten. Die Herren fanden indes kaum statt. Neben dem eingangs erwähnten Allerstorfer bekam Ludwig Paischer bei seinem Auftakt-Aus praktisch keinen Fuß auf den Boden und Marcel Ott zog sich auf dem Weg zu seinem zweiten Kampfgewinn eine Knie-Verletzung zu. Bezeichnend, dass der Wiener dennoch der einzige männliche Lichtblick in Chelyabinsk war.

Spittka und die österreichischen Männer – das passt bislang nicht zusammen. Seit seinem Amtsantritt gelang es dem Olympia-Dritten von Atlanta nicht, die ÖJV-Herren breiter aufzustellen. Das Gegenteil war sogar der Fall. Zudem erhärtete sich bei der WM der Eindruck, dass für Paischer die aktuelle Betreuersituation alles andere als optimal ist.

Im Nachwuchs machten zuletzt einige Talente auf sich aufmerksam. Auf die Frage, ob diese in absehbarer Zeit eingebaut werden, bremst Spittka die Erwartungen: „Von der U21 zu den Erwachsenen ist es ein Quantensprung. Das ist also nicht so einfach.“ Im Herbst stehe diesbezüglich eine Konzeptionsbesprechung an.

 

In Olympia-Quali weiter auf Kurs

Die ersten Weltmeisterschaften in der Olympia-Qualifikation für Rio 2016 gaben einen Vorgeschmack, was im laufenden Zyklus international noch zu erwarten ist. Im Vergleich zu den vergangenen Turnieren sei das Niveau hier enorm angestiegen.

„Egal, ob es um die nordafrikanischen Staaten oder die asiatischen Länder aus der – wenn man so sagen will – zweiten Reihe geht: Da gibt es keine Exoten mehr“, so Spittka, der auch die Ursachen dafür kennt. „Die internationale Trainerschaft befindet sich in einem stärker werdenden Austausch. Und durch die immer mehr werdenden Olympic Trainings Camps haben die Athleten aus diesen Ländern nun auch die nötigen Trainingspartner.“

An der Ausgangsposition für die weitere Olympia-Quali habe sich für die österreichischen Damen durch die WM wenig geändert. „Wir liegen nach wie vor gut im Rennen und einige werden bei den kommenden Turnieren weiterhin gesetzt sein, wodurch sie sich starke Auftaktgegner ersparen“, so Spittka. Die besten 22 Herren sowie 14 besten Damen der bereinigten Weltrangliste (nur ein Athlet pro Nation zählt) qualifizieren sich direkt für Rio.

 

"Russische Objektivität"

Das Plakat unweit der Traktor-Arena in Chelyabinsk, welches Marius Vizer beim freundschaftlichen Handshake mit Vladimir Putin zeigt, deutet bereits die Nähe zwischen dem Weltverbands-Präsidenten und Russlands höchstem Judoka an. Der russische Präsident soll zu einem nicht unwesentlichen Teil dafür verantwortlich sein, dass der rumänischstämmige Österreicher zum Chef von Sportaccord, der weltweiten Dach-Organisation von Sportverbänden, ernannt wurde. Medien bezeichnen Vizer gar als den verlängerten Arm Putins in die globale Sportpolitik.

Das Judo-Faible des russischen Präsidenten hat zur Folge, dass die öffentlichen Mittel für die WM-Organisation unbegrenzt scheinen. Der Aufwand, der in der gesamten Stadt Chelyabinsk für das Turnier betrieben wird, sucht Seinesgleichen. Auch das Echo in der Bevölkerung am Südural ist enorm.

Die Schattenseite der Nähe zwischen dem „Zaren“ und der asiatischen Kampfkunst: Beim Betrachter entsteht der Eindruck, dass russische Athleten von den Kampfrichtern mit einer ganz speziellen Objektivität beurteilt werden. Insbesondere bei Bestrafungen, die gerne im Ermessensspielraum liegen, legten die Herren in schwarz eine augenscheinliche Russen-Freundlichkeit an den Tag.

Zumal die Kampfrichter einer zentralen Kommission unterliegen, die Fehlentscheidungen overruled und die Bewertung der Kampfrichter anhand ihrer Leistung auf- oder abstuft. Auf die Besetzung dieser Kommission kann niemand Einfluss nehmen. Außer er sitzt im Weltverband ganz weit oben. Wie eben ein Vizer.

Aus Chelyabinsk berichtet Reinhold Pühringer

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