Wunder statt Rollstuhl

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Wenn das Leben plötzlich aus den Fugen gerät

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Das Leben ist zerbrechlich. Oftmals zerbrechlicher als uns lieb ist.

„Für mich hat es sich wie ein Schlag mit einem Baseball-Schläger angefühlt“, berichtet Jacqueline Raab.

Die zweifache Judo-Staatsmeisterin (2012 und 2011) der Klasse bis 52 kg, die es gewohnt ist einzustecken, kämpft nach einem Trainingsunfall Anfang Mai gegen den Rollstuhl.

Der Heilungsprozess verläuft aber alles andere als gewöhnlich. Die Ärzte sprechen von einem Wunder.

Die Chronologie der Geschehnisse

Im Training ihres Vereins Vienna Samurai rollt ihr bei einer Boden-Situation ein Unbeteiligter derartig unglücklich gegen den Kopf, dass bei der 24-Jährigen das Rückenmark zwischen dritten und vierten Halswirbel eingeklemmt wird.

Was auf die Augenzeugen zunächst eher unscheinbar wirkt, löst bei der ehemaligen Miss Vienna sofort extreme Schmerzen aus. „Es hat sich am ganzen Körper wie Feuer angefühlt. Ich habe es kaum ausgehalten“, schildert Raab gegenüber LAOLA1.

„Ich konnte nichts mehr bewegen, hatte in Armen und Beinen kein Gefühl mehr.“ Eine Horrorvorstellung für jeden – egal ob Sportler oder nicht.

Erinnerungen an Samuel Koch

Für Raab ist sofort klar, was passiert ist. Sie muss unmittelbar an Samuel Koch denken, der bei „Wetten, dass…?“ folgenschwer verunglückte. „Ich hatte wenige Tage zuvor ein Interview mit ihm gehört. Ich war mir sicher, dass mir Ähnliches widerfahren ist.“

Die österreichische Nationalteam-Kämpferin wird umgehend ins Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus eingeliefert. „Als die Ärzte nach dem Röntgen lange nicht zu mir gekommen sind, dachte ich mir, dass das nichts Gutes bedeuten kann. Ich hatte nur einen Gedanken: Mein Leben – so wie ich es kenne –  ist vorbei“, gesteht Raab.

Die Diagnose bestätigt die Befürchtungen. „Der Arzt meinte, dass sie zum aktuellen Zeitpunkt querschnittgelähmt ist und die Chance, dass sie je wieder gehen kann, bei 0,01 Prozent liegt“, berichtet ihr Freund Marcel Ott, der selbst Judo-Staatsmeister ist und dieser Tage nicht von ihrer Seite weicht.

Einzigartiger Heilungsprozess

Raab hat Glück. Der operierende Arzt Doktor Heinz Brenner gilt als Wirbelsäulen-Spezialist. In einem mehrstündigen Eingriff wird das Rückenmark physiologisch wieder freigelegt. Über die neurologischen Auswirkungen ist zu diesem Zeitpunkt nichts bekannt.

Die Ärzte sprechen im Fall von Jacqueline Raab von einem Wunder

 „Aus heutiger Sicht ist das für mich aber noch unvorstellbar.“ Und momentan wohl auch zweitrangig. Denn noch steht für Raab, die in ihrer Freizeit auch als Kinder-Trainerin arbeitet, die Rückkehr in die Normalität im Fokus.

Mehrmonatige Reha

Zurzeit wird sie noch im UKH behandelt. In den nächsten Wochen steht ihr eine Übersiedlung in den Weißen Hof in Klosterneuburg bevor, wo eine mehrmonatige Rehabilitation beginnt.

Inwieweit ihre Fähigkeiten wieder zurückkehren, ist nach wie vor nicht abzuschätzen. „Im schlechtesten Fall stehe ich bei meinem momentanen Bewegungsradius an. Es heißt aber, dass durch die Reha noch einige Prozent dazukommen werden.“

Wiederkehrender Albtraum

Auch wenn die Folgen des Zwischenfalls im besten Fall vollkommen verschwinden, so wird die Erinnerung daran wohl für immer bleiben.

„Wenn ich einen ruhigen Moment habe, dann laufen die Bilder vor meinem geistigen Auge ab.“ Und rufen ihr somit immer wieder ins Gedächtnis, wie zerbrechlich das Leben überhaupt ist.

Zerbrechlicher als uns oft lieb ist.

Reinhold Pühringer

 

Da Ausgang und Dauer von Jacqueline Raabs Verletzung noch nicht absehbar sind und sich das Einkommen der Studentin auf ihre Kindertrainings-Stunden beschränkt, hat ihr Verein Vienna Samurai ein Spendenkonto eingerichtet:

Name: Spendenkonto Jacqueline Raab
Kontonummer: 123 232
Bankleitzahl: 32367 (RAIKA Klosterneuburg)

„Normalerweise ist eine völlige Querschnittlähmung etwas Endgültiges. Hinzu kommt, dass der vorliegende Fall noch schlimmer war, als jener des Samuel Koch, der zumindest gewisse Körperteile bewegen konnte“, erklärt Brenner.

In den Folgetagen reibt sich der Mediziner aber des Öfteren verwundert die Augen. Denn Raab kann bereits am Tag nach der OP die Zehen und einen Arm bewegen. Nur drei Tage später macht sie mit Unterstützung sogar die ersten Schritte. „Das ist schlichtweg als Wunder zu bezeichnen“, gesteht Brenner, noch von keinem vergleichbaren Fall gehört zu haben.

Erste Stufen gestiegen

Mit dem Gefühl in den Zehen kehrt bei Raab ein neuer Lebenswille zurück. „Es ist wie ein Neuanfang. Ich konnte es zunächst gar nicht glauben.“

Die großen Fortschritte reißen in Folge nicht ab. Zwei Wochen nach dem Vorfall nimmt die Architektur-Studentin bereits die ersten Stufen in Angriff. Die Koordination bereite aber freilich noch große Probleme. Gleiches gilt für die Arme. „Außerdem habe ich noch kein Wärme- und Kälte-Gefühl.“

Die Ziele wachsen

Mit den zurückkehrenden Fähigkeiten ändern sich bei Raab auch die Zielsetzungen. „Anfangs wollte ich nur einmal wieder auf der Donauinsel spazieren gehen, das Leben wieder genießen können. Aber wenn man sieht, wie es voran geht, dann wird man natürlich ehrgeiziger.“

Die Ärzte halten mittlerweile sogar eine Rückkehr auf die Judo-Matte nicht mehr für ausgeschlossen.

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