Paradox wie eine Hummel

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Flugversuche einer paradoxen Hummel

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Wenn Hilde Drexler ein Tier wäre, sie wäre wohl eine Hummel.

Denn wie das Insekt ist auch die Wiener Judoka ein lebendes Paradoxon.

Der Hummel wird bekanntlich nachgesagt, dass ihre Flügel im Verhältnis zu Gewicht und Körper-Größe nicht groß genug wären. Laut den Gesetzen der Aerodynamik dürfte der „Brummer“ gar nicht fliegen können.

Bei Drexler, die bei der EM in Chelyabinsk (RUS/26.-29. April) um ein Olympia-Ticket kämpft, ist es ähnlich. Denn nach den Gesetzen der Anatomie dürfte sie gar keine Top-Judoka sein…

Wenig Fassungsvermögen

Vor einem Jahr holte die 28-Jährige mit Bronze bei der EM in Istanbul ihre erste Medaille bei einem Großereignis. Dabei spielte sie ihre große Stärke aus: ihre Pferdelunge. Alle vier Kampfsiege erzielte sie in der Verlängerung.

Doch vor kurzem kam ans Tageslicht, dass sie gar keine Pferdelunge hat. Zumindest ergaben das Lungen-Funktionstests.

„Meine Ergebnisse waren erbärmlich“, nimmt Drexler ihr sehr geringes Lungenvolumen mit Humor. Wie dies mit ihrer guten Kondition in Einklang zu bringen sei, wisse sie selbst nicht. „So etwas noch dazu vor einer EM zu erfahren, ist nicht sehr förderlich“, fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu.

Verheißungsvolle Werte

Ihre jüngsten Ausdauer-Tests verdeutlichten allerdings, dass es die entlarvte „Pony-Lunge“ offenbar keine Rolle spielt. „Meine Werte in den Laktattests waren ausgezeichnet“, ist Drexler erfreut.

Bei der Überprüfung der Regeneration nach 400-m-Sprints übertrumpfte sie sogar „Kondi-Tiere“ wie Sabrina Filzmoser oder Ludwig Paischer. „Ich war die Beste“, ist Drexler selbst überrascht. „Das freut mich, weil bei all den anderen Tests wie Schnelligkeit oder Kraft gehöre ich für gewöhnlich zu den Schlechtesten“, lacht sie.

Gefürchtete Pranke

Neben ihrer Ausdauer hat Drexler noch eine zweite große Stärke – und zwar ihren Griff. Ihre rechte Pranke, mit der sie ihre Gegnerinnen im Genick fasst und sie – wie es im Judo-Jargon so schön heißt – „knechtet“, ist gefürchtet.

Doch Drexler wäre keine echte Hummel würde sie nicht noch ein Paradoxon in die Waagschale werfen können. Denn ihre rechte Hand ist vollkommen abgemagert. Trainingskolleginnen sprechen sogar von einer „Skelett-Hand“.

Schuld ist ein Nervenproblem im Unterarm. Besonders stark beeinträchtigt sind der Ring- sowie der kleine Finger. „Seit zwei Jahren fühlen sie sich ständig an, als wären sie eingeschlafen.“

Therapeutisches Kopfschütteln

In den anderen Fingern sei das Gefühl zwar intakt, jedoch fehle die Kraft. „Ich kann beispielsweise niemanden abwürgen. Auch Dinge wie Orangen auspressen schaffe ich nicht“, erklärt die Spitzensportlerin, die mit der Erkrankung erst umzugehen lernen musste.

„Als mir ein Physiotherapeut die Diagnose gestellt hat, war ich am Boden zerstört“, erinnert sich die Heeressportlerin. Es folgten unterschiedliche Behandlungs-Versuche bei verschiedenen Therapeuten.

„Einer von ihnen hat nur verwundert mit dem Kopf geschüttelt und mich gefragt, wie ich damit überhaupt kämpfen, geschweige denn gewinnen kann.“ Mit der Zeit hat sie damit aber leben gelernt. „Man arrangiert sich.“

Olympischer Traum

Die Parabel mit der Hummel ist der Germanistik-Studentin bestens bekannt. Der Legende nach kann der Nektar-Sammler nur deshalb fliegen, weil er sich um Naturgesetze wie jene der Aerodynamik nicht schert.

Etwas, das sich wohl auch Drexler zu Herzen nehmen muss: „Bleibt zu hoffen, dass am Ende auch ich fliege.“

Gemeint ist zweifelsohne die Reise nach London.

Reinhold Pühringer

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