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Die längst überfällige Debütantin

Ein siebter Platz beim WM-Debüt - das klingt nach einem großen Talent.

Für Hilde Drexler trifft das nur zur Hälfte zu.

Zwar besitzt die Wienerin zweifelsohne Talent, doch die der Formulierung implizierte Jugendlichkeit erfüllt sie nicht mehr zur Gänze.

Denn mit 27 Jahren ist sie dem Küken-Stadium wohl bereits entschlüpft und darf getrost als gestandene Sportlerin bezeichnet werden.

Ihr starker Auftritt in Paris, der für die bislang einzige ÖJV-Platzierung bei dieser WM sorgte, wirft natürlich die Frage auf, warum sie nicht bereits früher bei einer WM war.

Kleine Schaffenspause

Die Gründe für ihr spätes WM-Debüt sind unterschiedlich. Zum einen wäre da natürlich die unvergessene Claudia Heill, die über Jahre hinweg Drexlers Gewichtsklasse (bis 63 kg) dominierte und zum anderen wäre da auch die Art und Weise wie Drexler selbst den Sport ausübte.

Denn die einstige Jugend-Europameisterin - ja, damals war sie in wirklich jeder Hinsicht ein großes Talent - legte zwischenzeitlich sogar eine Schaffenspause ein, um nach rund einem Jahr aus Liebe zum Judo auf die Matte zurückzukehren.

Entscheidend dann 2008, als sie zu Trainer Klaus-Peter Stollberg ins Heeressportzentrum auf der Linzer Gugl wechselte. Dies war der Startschuss für den internationalen Aufstieg.

Anerkennung im Moment der Enttäuschung

"Trotzdem hat es bis heuer gedauert, bis ich mich für eine WM qualifizieren konnte. Dass es dann gleich so gut klappt, habe ich nicht erwartet", jubelt Drexler, die nach der Viertelfinal-Niederlage gegen Elisabeth Willeboordse sogar noch Chancen auf Bronze hatte.

Jedoch machte ihr in der Trostrunde die Kubanerin Maciet Espinosa nach nur 22 Sekunden mit einem tiefen Schulterwurf einen Strich durch die Rechnung.

"Auch wenn ich schon Blut geleckt hatte und gerne um eine Medaille gekämpft hätte, kann ich bei einer so schönen Aktion nur applaudieren", lässt sie das für sie unversöhnliche WM-Ende Revue passieren.

Taffes Los

Überhaupt so weit gekommen zu sein und darüber hinaus 100 Punkte (zählt so viel wie ein Weltcup-Sieg) für die Olympia-Quali abgesahnt zu haben, macht sie freilich schon ein wenig stolz.

Zumal es Glücksgöttin Fortuna bei der Auslosung nicht unbedingt gut mit ihr gemeint hatte.

"Gegen Auftaktgegnerin Mariana Silva (BRA; Anm.) habe ich zuletzt in Sao Paulo noch verloren. Gegen sie zu bestehen, war nicht zu erwarten. Und danach bekam ich mit Alice Schlesinger (ISR; Anm.) immerhin die Nummer fünf der Welt vorgesetzt", unterstreicht Drexler.

Doch sowohl diese beiden als auch Achtelfinal-Gegnerin Kahina Saidi (ALG) konnte Drexler an diesem Tag in die Schranken weisen. Nicht so aber Willeboordse.

"Vor ihrem Können habe ich großen Respekt. Früher habe ich mir bei den Weltcups oft zum Ziel gesetzt, so weit zu kommen, dass ich auf sie treffe", gibt Drexler schmunzelnd zu.

Eiskalter Engel

Doch auch wenn gegen Willeboordse vielleicht noch eine Spur zu viel Ehrfucht vorhanden war, zeigte sich die Österreicherin gegen die Niederländerin taktisch sehr gut eingestellt und hielt die Partie bis zur letzten Minute völlig offen.

"Bei ihr ist es halt so, dass ihr eine einzige Situation genügt, um mich Ippon zu werfen. Und genau wie heuer bereits in Düsseldorf habe ich mich wieder in der letzten Minute dazu hinreißen lassen, einen riskanten Angriff zu machen."

Wieder war Willeboordse, die letztendlich Fünfte wurde, zur Stelle und konterte Drexler aus.

Ein "egozentrischer" Wunsch

Auf die Frage, was zu einer Medaille noch fehlt, meint Drexler spontan: "Das Ego."

Dieses benötige die EM-Dritte vor allem im strategischen Bereich. "Du kannst nur dann taktisch gut kämpfen, wenn du viel Sebstbewusstsein mitbringst."

In Paris war dieses Defizit zumindest mit freiem Auge jedoch nicht erkennbar. "Es hat hier deswegen so gut geklappt, weil ich aufgrund der schweren Gegnerinnen wirklich nur von Kampf zu Kampf schauen konnte. Der Rest ist dann von ganz alleine gekommen."

Am falschen Fuß erwischt

Für ein kleines Plus in Sachen Ego haben auch die Zuschauer gesorgt. Zwar waren die rund 100 rot-weiß-roten Schlachtenbummler, darunter auch Schwester Hedda, im mit knapp 12.000 Zuschauern besetzten Sportpalast Bercy nur eine kleine Randerscheinung, doch der französische Hallensprecher hatte ein ganz besonderes Faible für die Anhänger aus der Alpenrepublik.

Es schien, als wollte er mit seinen Durchsagen vor und während der Kämpfe die Drexler-Fans zusätzlich aufheizen.

Die Athletin weiß auch warum: "Sein Name ist Louis Torres und er hat mich einmal wegen meiner Füße angesprochen. Er meinte, meine eingetapten Zehen gefallen ihm", lacht Drexler, die zugibt, noch selten zuvor ein so ungewöhnliches Kompliment bekommen zu haben.

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