Bedürfnis-Erhebung Wiener Judo

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Von einer Olympia-Bewerbung halten rund 72 Prozent der Wiener bekanntermaßen nichts. Nichtsdestoweniger ist das Infrastruktur-Problem der Sommersport-Verbände in Wien ein offenkundiges.

Bürgermeister Michael Häupl kündigte an, eine Bedürfnis-Erhebung unter den Fachverbänden durchführen zu lassen, um sich ein Bild von der Lage in Wien zu machen.

LAOLA1 greift dem vor und zeigt auf, wo in den Sportverbänden der Hebel angesetzt werden könnte:



Der Status quo

6.730 angemeldete Aktive in 37 Vereinen. Damit ist Wien Spitze in Österreich.

Die Starterzahlen bei Erwachsenen-Staatsmeisterschaften verdeutlichen aber, dass der Kinder-Anteil zu anderen Bundesländern vergleichsweise hoch ist.

Ein großer Teil der Kids nimmt auch an keinen Wettkämpfen teil, was oft an der Politik der Trainer liegt, bei denen der Leistungssportgedanke eine untergeordnete Rolle spielt. Angesichts der aktuell geführten Diskussion über die Tägliche Turn- bzw. Bewegungsstunde soll dies hier aber keineswegs negativ bewertet werden.

Limitierte Möglichkeiten

Der Großteil der Vereine trainiert in Pflichtschul-Hallen, die sie für vergleichsweise wenig Geld von der Stadt Wien mieten. Bei den Lokalitäten sind Platz und die Zeit, welche die Klubs diese benützen dürfen (auch andere Sportarten trainieren dort), knapp. Diese limitieren auch leistungssportliche Bestrebungen stark. Von Hallen, wie sie vielen Klubs in den Bundesländern zur Verfügung stehen, können viele Wiener Vereine nur träumen.

Eine Ausnahme bei der Hallen-Situation stellt Branchenprimus Galaxy Tigers Wien dar. Deren Haupt-Halle in Perchtoldsdorf ist aus privaten Mitteln finanziert, was freilich dem finanziellen Engagement der Vereinsführung schuldet. Vorbildlich, jedoch für andere nicht leistbar.

Ein großes Wiener Zentrums-Training findet einmal pro Woche im Keller des Budocenters statt. Dort muss sich die Halle mit anderen Kampfsportarten geteilt werden. Was beim aktuellen Zulauf sogar oft ausreicht. Zudem gibt es die Möglichkeit, zu zwei offenen Vormittagstrainings bei Galaxy sowie Vienna Samurai, die aber von der breiten Masse praktisch nicht genützt wird. Wohl auch wegen der Zeit. Nichtsdestoweniger stehen Synergien im Trainingsalltag an der Tagesordnung.

Der wehmütige Blick zurück

Bei der Frage nach den Verbesserungsmöglichkeiten im Wiener Judo-Verband schweift der Blick zunächst in die Vergangenheit. Damals, als noch alles besser war. Und im Judo trifft das definitiv zu.

In den 80er-Jahren war Wien eine wahre Judo-Hochburg mit der Gallionsfigur Peter Seisenbacher. Unter der Leitung des ÖJV-Präsidenten Kurt Kucera musste die gesamte HSNS-Mannschaft – also die Elite Österreichs – in Wien gemeinsam trainieren. Dreh- und Angelpunkt war das Budocenter, das damals noch in Besitz der Erbauer, der japanischen Budo-Universität Tokai, war.

Hubert Rohrauer war lange Jahre österreichische Nationaltrainer

„Wir konnten praktisch zum Nulltarif zu jeder Zeit rein“, erinnert sich Ex-Nationaltrainer Hubert Rohrauer. Von Kraftgeräten bis zum Whirlpool – für die Judoka, die damals noch über 14 HSNS-Plätze verfügten, stand alles bereit. Das schlug sich auf den Trainingsalltag nieder.

„Es standen damals bis zu 100 Kämpfer auf einmal auf der Matte.“ Und möglichst viele Trainingspartner zu haben, ist für die wichtigen Sparring-Einheiten von großer Bedeutung. Die logische Konsequenz waren internationale Erfolge. Drei Olympia-Medaillen sowie Podestplätze bei Welt- und Europameisterschaften ließen diese Zeit als die großen 80er-Jahre in die ÖJV-Geschichte eingehen.

Ein gewandeltes Bild

Heute ist das Bild ein ganz anderes. Die Vereine trainieren größten Teils für sich, arbeiten mitunter sogar gegeneinander. Das Budocenter wurde von der Tokai-Unitversität an die Stadt Wien verkauft. Diese verkaufte das Gebäude an Peter Kleinmann. Der Wiener Judo-Verband muss sich somit einmieten.

Von der einstigen Sonderstellung der Judoka ist längst nichts mehr übrig. Volleyball regiert jetzt hier. Zu den Trainings der Judoka kommen im Schnitt zwischen 20 und 30 Athleten. Ausreißer nach oben, die nur mit niederösterreichischer Beteiligung möglich sind, erreichen vielleicht 50, also gerade einmal die Hälfte der Spitzenwerte von vor 30 Jahren.

Im Heeressportzentrum verfügt Judo derzeit noch über neun Plätze. Diese trainieren auf fünf Stützpunkte verteilt in ganz Österreich.

Judo braucht wieder ein Zuhause

Rohrauer ist sich aber sicher, dass nur eine ständige Judo-Halle in Wien der japanischen Kampfkunst in der Hauptstadt zu neuen Höhenflügen verhelfen würde. „Damit wir einen Ort haben, wo wir auch außerhalb von Schulzeiten oder Trainingszeiten anderer Sportarten trainieren können“, so der sportliche Ziehvater der Olympia-Zweiten Claudia Heill.

„Es ist beispielsweise kaum möglich, in Wien ein Vormittags-Training zu organisieren, weil die Räumlichkeiten dazu fehlen.“ Alternativen bieten sich oftmals nur in den vom öffentlichen Verkehr schlecht erschlossenen Randbezirken. Diese sind aber freilich auch keine Verbandshallen und für viele aus Zeitgründen nicht besuchbar.

„Fürs Judo brauchst du keine Riesenhalle. Dazu vielleicht noch ein paar Kraftgeräte. Das würde schon reichen. Wichtig ist, dass du dort jederzeit rein kannst. Die Trainer der diversen Vereine müssten sich dann über das Leiten der Trainings verständigen.“

Damit letzten Endes der Leistungsgedanke wieder mehr Entfaltungsmöglichkeit bekommt.

Reinhold Pühringer

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