Wenn nicht jetzt, wann dann...

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Die Chance ist eine historische.

Das in den großen Mannschaftssportarten notorisch schwache Österreich könnte 2016 erstmals seit 16 Jahren wieder ein Team zu Olympischen Sommerspielen schicken.

Waren es in Sydney noch die Handballerinnen, die Fünfte wurden, schicken sich in Rio die österreichischen Feldhockey-Cracks an, zu olympischen Ehren zu kommen.

Die ÖHV-Auswahl ist nach dem Erreichen des Halbfinals der World League nah dran. Bei dem im Juni stattfindenden Zehner-Turnier könnte Österreich ein Halbfinaleinzug genügen, um die erste Olympia-Qualifikation der ÖHV-Herren seit 64 Jahren zu fixieren. „Die Chance ist so groß wie noch nie“, ist sich Kapitän Benjamin Stanzl bewusst.

Der Modus als Hoffnung

Österreich wird es beim Turnier in Buenos Aires mit den Niederlanden (Weltranglisten-2.), Deutschland (3.), Argentinien (6.), Neuseeland (7.), Südkorea (8.), Spanien (11.), Kanada (14.), Japan (16.) und Ägypten (21.) zu tun bekommen.

Das zweite Halbfinal-Turnier findet eine Woche später in Antwerpen statt. Eigentlich qualifizieren sich nur die drei besten Teams jedes Turniers für Rio. „Allerdings ist zu erwarten, dass sich darunter auch Mannschaften befinden, die sich als Kontinental-Champions direkt für Rio qualifizieren, wodurch uns ein Platz unter den besten vier oder fünf reichen wird“, rechnet Fabian Ringler, Vize-Präsident im ÖHV, vor. Die diversen kontinentalen Titelkämpfe finden erst danach statt.

„Wir gehen als klarer Außenseiter da rein“, spricht Stanzl die aktuelle Weltrangliste an, die Österreich als 22. als schlechteste Auswahl ausweist. Dass praktisch alle Gegner unter die Kategorie „Brocken“ fallen, ist naheliegend. Hoffnung macht jedoch der Spielmodus.

Bereits ein Sieg in der Vorrunde, in der jeder gegen jeden spielt, könnte zum Aufstieg ins Viertelfinale reichen, wo es im K.o.-System weitergeht. „Du musst von den insgesamt fünf Spielen im Endeffekt nur zwei gewinnen, um ins Halbfinale einzuziehen“, zeigt Stanzl auf. „Natürlich ist das alles andere als einfach, aber ich denke, dass der Druck auf den anderen Mannschaften liegt.“

Das Feld ist bestellt

Wie gut das österreichische Team funktioniert, wenn etwas weniger Druck auf ihm lastet, konnte man zuletzt im Finale des Zweitrunden-Turniers in Chula Vista (USA) sehen, als Österreich das viel höher eingeschätzte Irland an den Rand einer Niederlage brachte, sich letztlich aber dann doch knapp mit 1:2 geschlagen geben musste.

Dass Österreich im Hallenhockey weltklasse ist, ist spätestens seit dem erstmaligen Vize-Weltmeistertitel (2:3 im Finale gegen die Niederlande) im Februar in Leipzig bekannt, doch dass es nun auch auf dem olympischen Feld rund läuft, ist neu.

Woher das kommt? „Vor eineinhalb Jahren hatten wir in der Nationalmannschaft einen Schnitt. Viele ältere Spieler haben aufgehört, junge sind nachgerückt“, berichtet Stanzl. Seither habe man gut gearbeitet und einen enormen Qualitätssprung gemacht.

Österreicher-Filiale

Gute Technik und Ballführung: Benjamin Stanzl

Stanzl zählt im rot-weiß-roten Team zu den absoluten Leistungsträgern. Er ist einer von einer Handvoll Legionäre, verdient sein Geld beim HTHC, dem Harvestehuder Tennis- und Hockeyclub, der im Norden Hamburgs beheimatet ist. Wobei Geld im Hockey-Sport zu relativieren ist.

Er fällt wie seine ebenfalls beim HTHC engagierten Landsleute Michael Körper und Xaver Hasun unter die Kategorie Halbprofi. „Ich verdiene so viel Geld, dass ich mir mein Sportmanagement-Studium finanzieren kann“, schildert der Teamleader.

Geld zu verdienen ist im Hockey also schwierig. In der heimischen Liga gehe das ohnehin nicht. „Dort verdienst du keinen Cent“, weiß Stanzl. Die besten Voraussetzungen habe man dazu in Deutschland oder den Niederlanden.

Von den österreichischen Nationalspielern sind noch Julius Heimans (Düsseldorf) und Matthias Podpera (Dublin) im Ausland engagiert. Dazu kommen drei weitere aus dem erweiterten Kreis der Auswahl. Wenn es nach Stanzl geht, wird sich diese Zahl aufgrund der jüngsten Auftritte in der World League erhöhen: „Ich denke, dass der eine oder andere ein Angebot bekommen hat.“

Nationalteam statt indischer Kohle

Spätestens ob der begrenzten Verdienstmöglichkeiten ist schnell klar, dass bei Stanzl und Co. schon eine gehörige Portion Idealismus mit im Spiel ist. Wie groß dieser aber tatsächlich ist, wird deutlich, wenn man sich das von Stanzl ausgeschlagene Angebot für die Indian League vor Augen führt.

Der Sport mit dem Schläger und dem kleinen Ball ist auf dem indischen Subkontinent nämlich eine recht große Sache. „Für Hockey-Verhältnisse wird da sehr viel Geld bezahlt“, bestätigt Ringler. Die besten Spieler können in der nur im Jänner und Februar ausgetragenen Liga bis zu 100.000 Euro verdienen.

Stanzl lag im Vorjahr ein derartiges Angebot vor. Angenommen hat er es jedoch nicht. „Von meinem deutschen Klub her wäre es gegangen, weil die zu dieser Zeit gerade eine Spielpause haben. Das Problem ist jedoch, dass du dann mit dem Nationalteam zurückstecken musst, für die zu dieser Zeit meistens Turniere sind.“ Das wollte der Kapitän jedoch nicht, der von einem ehemaligen Mitspieler als „Messi des Hockeys“ geadelt wurde.

Selbst hält er den Spitznamen als etwas überzogen. Geschuldet sei er seiner etwas ballverliebten Spielweise und dem technischen Können am Ball.

Amateure auf dem Vormarsch

In der Halle ist Österreich vor allem für seine starke Defensive bekannt

Dass Österreich in der Halle absolute Weltspitze, am Feld aber gerade einmal an den Top-20 nagt, liegt gemäß den Aussagen von Stanzl und Ringler an verschiedenen Ursachen.

Zum einen gestalte es sich schwierig, ausreichend Trainingszeiten auf vorzugsweise Kunstrasenplätzen zu bekommen. Zum anderen fehle durch den überwiegend vorherrschenden Amateur-Status der Spieler einfach auch die Zeit. „Wir können es uns nicht leisten, uns jede zweite Woche zu treffen und für ein Länderspiel irgendwohin zu fahren“, kommentiert Stanzl.

Bei den Top-15 handle es sich um Vollprofis. „Die trainieren 150 bis 200 Tage pro Jahr zusammen. Wir können uns lediglich auf Events vorbereiten.“ Insofern unterstreichen die jüngsten Ergebnisse die Qualität der Mannschaft.

Eine Revolution und ihre Gegner

Wie in anderen Sportarten schreckt auch im Hockey der Weltverband nicht vor tiefgreifenden Experimenten zurück. Alles freilich mit dem Motiv, die Attraktivität für die Medien zu steigern.

Hier nennt sich das Ganze „Hockey five“. Nur fünf Feldspieler, kleineres Feld, dafür mit Banden – so lässt sich das neue Konzept umreißen. Die Meinungen über den revolutionären Ansatz gehen naturgemäß auseinander.

Bei den Olympischen Jugendspielen im Vorjahr feierte „Hockey five“ eine internationale Feuertaufe. „Dort war es eine absolute Katastrophe“, outet sich Stanzl als Gegner der neuen Idee. „Meiner Meinung nach wird der Sport dadurch zerstört.“ Mit dem ursprünglichen Hockey habe es nichts mehr zu tun.

„Du verlierst viel taktische Komponenten, musst anders trainieren und wie sich bei den Jugendspielen zeigte, steigt das Verletzungsrisiko“, bringt er es auf den Punkt.

Insofern scheint es gut, dass diese Idee für die Spiele in Rio (noch) nicht zum Zug kommt.

Reinhold Pühringer

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