"...weil ich wieder der Sportler Steiner sein will"

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Am Sonntag greifen im Pariser Disneyland die stärksten Männer der Welt zur Langhantel.

Doch der Superschwergewicht-Weltmeister im Gewichtheben wird heuer ohne seine momentan wohl schillerndste Persönlichkeit  – Matthias Steiner – ermittelt.

Der gebürtige Niederösterreicher, der im schwarz-rot-goldenen Trikot für unsere deutschen Nachbarn bereits Olympia-Gold 2008 und den WM-Titel im Stoßen 2010 geholt hat, ist wegen eines Einrisses der Oberschenkelsehne im linken Knie zum Zuschauen verdammt.

Eine Verletzung, deren Schwere sogar seinen Traum von der Titelverteidigung bei Olympia zunichte machen könnte. Im großen LAOLA1-Interview spricht der 29-Jährige über seine Verletzung, den Spagat zwischen Medien-Star und Sportler sowie Schulterklopfer. Außerdem versucht er eine Antwort darauf zu geben, ob er sich mehr als Österreicher oder mehr als Deutscher fühlt.

LAOLA1: Matthias, wie geht es dir mit der Oberschenkelsehne?

Matthias Steiner: Sehr gut soweit, dankeschön! Die Reha schreitet gut voran. Ich kann bereits vorsichtig Kniebeugen machen. Das ist eigentlich eine kleine Sensation.

LAOLA1: Das heißt, an einen WM-Start war in den vergangenen Wochen nie ernsthaft zu denken?

Steiner: Die Verletzung ist acht Wochen vor der WM passiert, nach sieben komme ich erstmals wieder in die Hocke und bis dahin konnte ich gar nichts machen. Da konnte man sich keine Hoffnungen machen. Zu dem Zeitpunkt, wo die Diagnose feststand, war klar, dass die WM für mich gelaufen ist.

LAOLA1: Bei der WM in Paris fällt bereits eine Vorentscheidung um die Olympia-Tickets.

Steiner: Die Olympia-Startplätze entscheiden sich erst. Wir haben drei Startplätze über die Nationenwertung, diese gilt es zu verteidigen. Wenn das nicht funktioniert, gibt es eine Einzelqualifikation. Aber es gibt keinen fixen Startplatz. Ich muss mich erst qualifizieren. Nichtsdestotrotz: Wenn ich nicht an London glauben würde, hätte ich mich nicht operieren lassen. Ich war eigentlich gegen die Operation, aber ohne sie hätte ich nie wieder Profisport ausüben können. Darum zeigt alleine diese Entscheidung, dass ich es noch einmal wissen will.

Steiner musste sich nach seiner Verletzung lange Zeit auf Krücken stützen

LAOLA1: Es war zu lesen, dass dein Coach Frank Mantek deine Titelverteidigung in London bereits abgeschrieben hat.

Steiner: Wenn so eine Verletzung passiert, muss man erst einmal auf ganz kleiner Flamme kochen. Schließlich hatten wir keine Ahnung, wie stark ich mich entwickle, ob ich überhaupt wieder zurückkomme. Wenn ich zehn Monate vorher sage, dass ich wieder Olympiasieger werde, obwohl ich nicht einmal weiß, ob ich je wieder schmerzfrei laufen kann, dann ist das eine blöde Prognose. Deswegen haben wir einfach von vorne herein gesagt, dass es mit der Titelverteidigung schlecht aussieht. Wenn es hinten raus dann besser läuft, können wir unsere Meinung noch immer ändern. Aber dafür ist es jetzt noch viel zu früh.

LAOLA1: Quasi eine Politik der kleinen Schritte…

Steiner: Wir müssen vernünftig bleiben, dürfen uns jetzt nicht zu viel Druck aufbauen. Ich muss erst schauen, wann ich mit dem Gewichtheben anfangen kann, wann ich mich qualifizieren kann. Und erst wenn ich mich qualifiziert habe, kann ich schauen, wie wettbewerbsfähig ich bin. Das Ganze dauert noch Monate.

LAOLA1: Rückblende – 2008 hast du mit deinem Olympiasieg einen rasanten Aufstieg zum Medienstar hingelegt. Mittlerweile ist der Rummel um dich wieder etwas abgekühlt. Warum?

Steiner: Ich habe es abkühlen lassen. Ich hätte jeden Termin wahrnehmen können, dann wäre das Gleiche wie vor drei Jahren, dass ich im Endeffekt keine Zeit mehr zum Gewichtheben habe. Ich habe aber gemerkt, dass es nicht so weitergehen kann. Ich habe zwar nach wie vor viele Angebote, aber natürlich war es 2008 extremer als jetzt. Viele Dinge muss ich jedoch absagen, auch viele schöne Dinge, weil ich jetzt einfach wieder nur mehr der Sportler Steiner sein will. Das ist meine einzige Chance, nächstes Jahr so erfolgreich wie möglich zu sein.

LAOLA1: Das heißt, du bist niemand, der den Rummel sucht, sondern jemand, der lieber den Sport vorzieht?

Steiner: Ich kann den Rummel nur genießen, wenn ich davor etwas geleistet habe. Ein Jahr danach war es noch okay, aber irgendwann stellte sich die Frage: Was kommt jetzt? Bist du noch Sportler oder möchtest du nur noch über den roten Teppich gehen? Letzteres war für mich zu wenig.

LAOLA1: Wie gut lässt es sich für jemanden wie dich vom Gewichtheben leben?

Steiner: Da sind wir wieder bei dem Punkt, dass wir die Öffentlichkeit brauchen. Ich habe gute Sponsoren und Partner an meiner Seite, die natürlich eine Öffentlichkeit wollen. Darum bin ich in einem Zwiespalt. Gewisse Termine nehme ich wahr, andere sage ich ab. Wenn man einen gewissen Namen hat, verdient man schon ganz okay, aber es ist freilich nicht vergleichbar mit einem Sebastian Vettel oder einem Bundesliga-Fußballer. Wir sprechen da von ganz anderen Sphären.

LAOLA1: Wegen der Verletzung durchlebst du gerade eine schwere Phase deiner Karriere. Weißt du in so einem Moment deinen Erfolg von 2008 noch mehr zu schätzen?

Steiner: Zu schätzen wusste ich es immer, denn es war etwas Außergewöhnliches. Ich war der erste Superschwergewichts-Olympiasieger in Deutschland, das eine große Sport- und Gewichthebernation ist. Mir ist da etwas Einmaliges gelungen. Aber es lässt mich entspannter in die Zukunft blicken. Dadurch dass ich schon einmal Olympiasieger war, muss ich nicht mit aller Gewalt an die Sache herangehen. Ich gebe einfach alles, was ich habe, Wenn etwas Gutes dabei herauskommt, ist das toll, aber wenn es nicht funktioniert, dann habe ich alles gegeben. Ich bin schließlich schon Olympiasieger. Da soll aber nicht heißen, dass ich nicht motiviert bin.

LAOLA1: Bist du in den vergangenen Jahren auch mit etlichen Schulterklopfern und falschen Freunden, die nur an deinem Erfolg teilhaben wollten, konfrontiert worden?

Steiner: Definitiv hat es die gegeben. Ein bisschen ein Gespür habe ich schon dafür gehabt. Wenn ich das Gefühl hatte, das ist etwas oberflächlich, dann habe ich mich sowieso nicht darauf eingelassen. Die wahren Freunde haben sich dann herauskristallisiert. Da sind etliche dabei, die heute noch genauso zu mir stehen, die mich nach der OP im Krankenhaus besucht haben oder die auch ab und zu mal anrufen. Auf der anderen Seite habe ich auch nicht die Zeit, mich um hundert Leute zu kümmern. Gewisse Dinge bleiben somit einfach oberflächlich. Vielleicht wird auch irgendwann einmal jemand sagen: Der Steiner ist oberflächlich, weil ich in die fragliche Beziehung nicht viel investiert habe.

LAOLA1: Die Szene, als du bei deinem Olympiasieg das Bild deiner verstorbenen Frau geküsst hast, hat dich berühmt gemacht. Wenn du noch einmal an dieser Stelle stehen würdest, würdest du es noch einmal genauso machen? Oder ist dir der Hype um diese Szene so groß geworden, sodass du sagst, du bereust es sogar?

Steiner: Je mehr Zeit vergangen ist, desto mehr hat es mich genervt, dass ich noch immer danach gefragt werde. Jetzt noch darüber zu reden, finde ich eigentlich nicht mehr okay, weil es einfach zu weit weg ist.

LAOLA1: Hast du es bedauert, dass die dramatische Geschichte deine sportliche Leistung überdeckt hat?

Steiner: Sagen wir es einmal so: Das Sportliche ist sicherlich etwas untergegangen, denn es ist etwas Außergewöhnliches, in einem Olympia-Finale mit nur einem Kilo Vorsprung zu gewinnen. Das ist, als ob das WM-Finale im Fußball im Elfmeterschießen oder der 100-m-Lauf im Foto-Finish gewonnen wird. Aber ich will mich jetzt nicht beklagen, denn es war für mich eine gewisse Form der Trauerarbeit. Doch das ist vorbei. Ich bin verheiratet, habe ein Kind und bin sehr glücklich. Diese Dinge von damals beschäftigen mich zwar immer wieder, haben in der Öffentlichkeit aber nichts mehr verloren.

LAOLA1: Du sprichst die Geburt deines Sohns Felix im März an. Inwiefern hat dich diese verändert?

Steiner: Das Kind lässt mich immer wieder aufleben. In gewissen Dingen bin ich sicherlich entspannter, einfach weil ich mehr Zeit einplanen muss. Felix hat seinen eigenen Kopf, da müssen wir uns dann nach ihm richten. Aber vor allem bin ich glücklich mit Kind und Familie. Ich finde, dafür lebt man letztendlich. Deswegen macht mich das zu einem sehr zufriedenen Menschen, egal was sonst rundherum passiert.

Coach Mantek jubelt mit Steiner über den Goldversuch bei den Olympischen Spielen

LAOLA1: Als du die Zusammenarbeit mit Trainer Frank Mantek begonnen hast, hat da für dich seine Doping-Vergangenheit eine Rolle gespielt?

Steiner: Zunächst einmal wusste ich von dieser Vergangenheit nichts. Diese hat erst in der Öffentlichkeit eine Rolle gespielt, als der Steiner erfolgreich wurde. Da wird natürlich angefangen, im Mist zu graben. Er ist in einem System groß geworden, wo du als Sportler nicht viele Möglichkeiten hattest, deshalb brauchen wir jetzt nicht mit dem Finger darauf zeigen. Er steht dazu, kann es jedoch nicht mehr ändern. Damals war er aber noch kein Trainer, sondern als Athlet lediglich Opfer. Deswegen ist es für mich auch kein Thema. Ich finde es auch nicht richtig, es jetzt noch groß zu spielen.

LAOLA1: Wie gut ist dein Kontakt zu deiner österreichischen Heimat?

Steiner: Der Kontakt ist grundsätzlich sehr gut. Ich war erst kürzlich wieder bei einem Freund wegen dessen 30. Geburtstags. Dort habe ich nach wie vor meinen Freundeskreis, mit dem ich groß geworden bin. Das reißt nicht ab. Ich bin zwar weiter weg, aber es gibt ja Skype. Wir telefonieren regelmäßig, nur sehen wir uns halt seltener. Ich liebe nach wie vor die österreichische Küche. In Heidelberg gibt es einen guten Österreicher, wo ich zum Essen hingehe. Ich konnte in Österreich halt meinen Traum nicht verwirklichen. Das ist das einzig Negative, worüber ich enttäuscht bin. In Deutschland gibt es für mich auch sehr viele positive Dinge. Deshalb fühle ich mich jetzt gerade hier so wohl.

LAOLA1: Fühlst du dich mehr als Österreicher oder mehr als Deutscher?

Steiner: Diese Frage ist natürlich sehr gemein (schmunzelt). Ich bin 22 Jahre lang in Österreich groß geworden und auf viele Dinge stolz, die ich dort erlebt habe, die mich geprägt haben. Natürlich tickt man – was den deutschsprachigen Raum angeht – südländischer, aber ich habe auch in Deutschland viele gute Dinge gelernt. Man hat mich hier mit offenen Armen empfangen und mir die Chance gegeben, meinen Traum zu verwirklichen. Deswegen bin ich Deutschland sehr verbunden. Es ist schwer für mich, mich da zu entscheiden. Ich bin gebürtiger Österreicher und unheimlich gern Deutscher.

Das Interview führte Reinhold Pühringer

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