Ali - Ein Mythos mit Kratzern

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Gegen den hässlichen Bären hat alles begonnen

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Wir schreiben den 25. Februar 1964.

Ein 22-jähriger Junge aus Louisville, Kentucky tänzelt durch den Ring und streckt die Arme in die Luft.

"I'm the greatest. I'm the greatest one that ever lived", lässt er das tobende Publikum in der Convention Hall von Miami Beach und die Fans vor den Fernsehgeräten wissen. Immer und immer wieder schreit er es mit weit aufgerissenem Mund in die Menge.

Als ihm ein Mikrofon vor die Nase gehalten wird, scheinen ihn die Fragen des Reporters nicht zu interessieren. Er will nur, dass die ganze Welt weiß: Er ist der Größte.

Was in diesem Moment klang, wie das überhebliche Gerede eines überschwänglichen Greenhorns, sollte sich tatsächlich behaupten. Jener Junge, der sich an diesem Abend vor 50 Jahren seinen ersten WM-Titel erboxte, trug den Namen Cassius Clay und wurde später zum großen Muhammad Ali.

Clay besiegt den "hässlichen Bären"

Clay ging als krasser Außenseiter in den Kampf gegen den amtierenden Weltmeister Charles "Sonny" Liston.

"Der hässliche Bär, wie Clay Liston immer nannte, hatte ja alles durch K.o. gewonnen", erinnert sich der langjährige Box-Kommentator Werner Schneyder im Gespräch mit LAOLA1 an die Ausgangsposition des WM-Fights.

"Clay pflegte ein Image als Großmaul und sagte vor den Kämpfen an, in welcher Runde er seine Gegner auf die Matte schicken würde. Man hat gedacht, dieser angeberische Grünschnabel würde nun von Liston auf den Boden der Realität zurückgeholt werden. Aber es kam anders."

Clay begann stark, ließ seine Deckung immer wieder hängen, um Liston zu provozieren und wich den Schlägen des Weltmeisters blitzschnell aus. In der dritten Runde ging der Herausforderer zum Angriff über und verpasste Liston ein Cut.

In der nächsten Runde bekam Clay aber Probleme mit den Augen, sagte seinem Trainer bereits, dass er aufgeben wolle. Verschwörungstheoretiker sprachen später davon, Liston hätte etwas auf seine Handschuhe gestrichen bekommen, dass Clay in den Augen brannte.

Trainer Angelo Dundee versuchte Clays Augen zu reinigen und schickte ihn zurück in den Ring. Clay kämpfte weiter und rettete sich über die fünfte Runde. In der sechsten hatte er wieder klare Sicht, brachte Schlag um Schlag an und sorgte so für die Entscheidung.

Liston spuckte den Mundschutz aus und blieb nach der Rundenpause in seiner Ecke sitzen, er kam nicht mehr zurück. Clay hatte den Kampf gewonnen und war neuer Weltmeister.

Manipulationsgerüchte

"Man hat damals gesagt, das kann eigentlich nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, weil es so unwahrscheinlich war, dass Liston plötzlich nicht mehr konnte", berichtet Schneyder von Manipulationsgerüchten, die auch beim Rückkampf, in dem Liston schon nach 105 Sekunden K.o. ging, aufkamen.

Schneyder kommentierte zahlreiche Kämpfe

Auch der langjährige Kampfrichter im Amatuerbereich traute dem Ganzen anfangs nicht. "Liston galt ja als unschlagbar. Ich habe mir damals immer überlegt, ob das nicht geschoben war", gibt Schneyder zu. "Erst mit den Slowmotions konnte man es später auflösen. Die Schläge von Clay waren so schnell, dass man nicht wahrnehmen konnte, dass er Liston getroffen hat."

Clays Box-Stil überforderte damals nicht nur seine Gegner, sondern auch die Zuschauer. "Clay hat damals im Schwergewicht den Stil eines Mittelgewichtlers gekämpft. Das war damals unüblich, so etwas gibt es bis heute nicht und das wird für alle Zeiten einmalig bleiben", erklärt Schneyder.

"Fraglos der größte Boxer aller Zeiten"

Der 77-Jährige ist sich sicher: "Von der Qulität her ist er fraglos der größte Boxer aller Zeiten. Der große Mythos geht ja nur vom Schwergewicht aus. Und ich glaube nicht, dass es einen Schwergewichtler gab, der Technik, Tempo und eine solche Schlaggenauigkeit auf sich vereinen konnte. Cassius Clay war ein Phänomen."

Obwohl die legendär gewordenen Kämpfe gegen Joe Frazier ("Fight of the Century", "Thrilla in Manila") und George Foreman ("Rumble in the Jungle") erst Jahre später folgten, sieht Schneyder die frühe Phase Clays bzw. Alis als dessen boxerischen Höhepunkt. Seine dreijährige Zwangspause und die Aberkennung des Titels wegen Verweigerung des Wehrdienstes bilden für Schneyder eine Zäsur in der Karriere Alis.

"Das hat ihm einen großen Teil seiner Qualität genommen. Er hat dann seinen Stil geändert, war nicht mehr so schnell, setzte nicht mehr auf die Schlagfrequenz, sondern auf die Ermüdung des Gegners. Auch im Kinshasa-Kampf war er passiv, hat gewartet bis Foreman müde war und hat ihn dann ausgeknockt. Aber das war nicht mehr derselbe Cassius Clay", blickt Schneyder zurück.

Das unwürdige Ende des großen Ali

Wie die Laufbahn des dreimaligen Weltmeisters zu Ende ging, war für viele Fans des Ausnahmekönners unwürdig. Daran wird auch der Religionsgemeinschaft Nation of Islam eine Teilschuld gegeben. Sie brachte Clay dazu zu konvertieren und seinen Namen zu ändern. Mit dem Erfolg des Boxers Muhammad Ali hatte sie ein Aushängeschild in ihren Reihen, das so lange es ging, aufrecht erhalten wurde.

"Für mich war Muhammad Ali zunächst ein großer Boxer, aber dann war er nur mehr eine Tragödie. Wir wissen heute, dass das Parkinson-Syndrom bei ihm schon sechs bis sieben Kämpfe vor seinem letzten Fight ausgebrochen war. Aber seine religiöse Bruderschaft hat ihn wahrscheinlich weiter ins Geldverdienen hineingehetzt. Es war am Ende nur mehr mitleidserregend. Beispielsweise der Kampf gegen Larry Holmes, da habe ich wirklich mitgelitten", spricht Schneyder den vorletzten Kampf Alis an, den ersten und einzigen den er vorzeitig verlor, damals bereits von der Krankheit gezeichnet.

Ein Mythos mit Kratzern

Der Mythos um den besten Boxer aller Zeiten, den Mann, der laut eigener Aussage schwebte wie ein Schmetterling, um dann zu stechen wie eine Biene, besteht aber weiterhin. Ali steht immer noch für den großen alten Boxsport, auch wenn er seine Gesundheit dafür geopfert hat.

"Es ist ein Mythos, an dem gekratzt wurde. Wenn man sich so ausliefert und sich fast totprügeln lässt, ist das auch keine Ruhmestat", befindet Schneyder und erinnert an Alis Arzt Dr. Ferdie Pacheco: "Er konnte es nicht mehr verantworten, Ali zurück in den Ring zu schicken, riet ihm schon nach dem Kampf in Manila aufzuhören. Und trotzdem hat Ali weitergemacht. Denn - the show must go on."

 

Christoph Kristandl

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